Bonner NS-Tätern auf der Spur

Eine Ausstellung im Stadtmuseum zeigt, wie das NS-Regime in Bonn funktionierte. Die Täter – pflichtversessene Beamte und fleißige Denunzianten – bekommen ein Gesicht. So soll Schülern die NS-Herrschaft in ihrer Stadt vor Augen geführt werden

Was Hannah Arendt mit ihrem Ausspruch von der „Banalität des Bösen“ meinte, davon kann man einen Eindruck bekommen in der Ausstellung, die zur Zeit im Bonner Stadtmuseum gezeigt wird. Titel: „Das braune Bonn. Personen und Ereignisse 1925-1939“. Spektakuläre Massenveranstaltungen, allerorts bekannte Parteigrößen oder KZ-Schlächter hat die Stadt nicht zu bieten. Weswegen die Ausstellung nicht weniger erschreckend ist. Macht sie doch erneut deutlich, wie das Regime funktionierte – mit Hilfe eines Heeres von wegguckenden Biedermännern, pflichtversessenen Beamten und bienenfleißigen Denunzianten.

„Nichts Spektakuläres“ habe er herausgefunden, bilanziert Ausstellungskurator Horst-Pierre Bothien. „In Bonn ist alles genau so gelaufen wie in anderen Städten auch.“ Wenn es überhaupt eine Besonderheit in der Bonner NS-Geschichte gibt, die die Stadt charakteristisch heraushebt, dann sei es „das katholische Element“ gewesen, meint der Kurator. Noch Mitte der 30er Jahre hätten die katholischen Jugendgruppen gegen die sich etablierende Hitlerjugend opponiert. Die „Mär“ vom katholischen Widerstand wärmt die Ausstellung indes nicht auf. Eine Notiz im Gästebuch hält dies dankend fest.

Zuverlässiger Parteisoldat

Insgesamt sei die Ausstellung „überfällig“ gewesen, sagt Bothien. Denn die Opferbiografien seien dank einer „relativ guten Gedenkkultur in Bonn“ zwar gut erforscht. Doch über die Täter ist nach wie vor wenig bekannt. Und um die geht es in der Ausstellung. Es sei wichtig, sich als Erbe von Tätern zu verstehen, so der Kurator. Andernfalls laufe man Gefahr, sich mit einem ritualisierten Gedenken an die Opfer kollektiv zu entlasten.

Dieser Anspruch, den Tätern auf die Spur zu kommen, war nicht leicht einzulösen. Denn obwohl Bothien zwölf verschiedene Archive durchforstete, ist die Aktenlage teilweise „sehr schlecht“, wie der Kurator betont. Das ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass Einiges im Krieg zerstört wurde. „Man kann nachweisen, dass vieles absichtlich beseitigt wurde“, sagt der Historiker. Das gilt auch für das umfangreiche Aktenmaterial, das der Bonner Entnazifierungsausschuss 1949 an die zuständige Behörde in Köln übergab. Das Dokument, in dem die Übergabe bestätigt wird, ist erhalten. Die Akten selbst sind verschollen.

Die Ausstellung verfolgt ein weiteres Ziel. Insbesondere Schülern soll durch die Bilder von ihrer mit antisemitischen Hetzplakaten und Hakenkreuzfahnen geschmückten Heimatstadt greifbar vor Augen geführt werden, dass „das wirklich in Bonn passiert ist“, sagt Bothien. Den zahllosen Opfern will er die Gesichter derjenigen hinzufügen, die eine Mitverantwortung dafür tragen. Diese Männer und die Organisationen, denen sie angehörten, stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, die nicht chronologisch vorgeht, sondern exemplarisch Personen herausgreift und ihre Rolle innerhalb der NS-Organisationen erläutert.

Dazu gehören Personen wie Ludwig Rickert, Bonns Oberbürgermeister von 1933 bis 1945. Rickert nutzte die Gunst der Stunde und setzte nach der Machtübernahme der Nazis den demokratisch gewählten Oberbürgermeister Wilhelm Lürken im März 1933 ab. In den folgenden Jahren erwies sich Rickert, der 1930 in die NSDAP eintrat, als zuverlässiger Parteisoldat, der bei der Verfolgung der Bonner Juden ohne Skrupel mit der Gestapo zusammen arbeitete.

Eifriger Polizeidezernent

Pflichtbewusst zeigte sich hier auch Bonns SA-Standartenführer und Polizeidezernent Peter Reinartz, der beim Brand der Bonner Synagoge im November 1938 peinlichst darauf bedacht war, dass der Brand vor allem nicht auf die umliegenden Gebäude übergriff. Großes Engagement legte auch SD-Chef Heinrich Müller an den Tag. Sein überdurchschnittlicher Eifer bei der Verfolgung von Juden, Kommunisten und Antifaschisten brachte ihn sogar mit der konkurrierenden Gestapo in Konflikt. Dass keiner der Männer nach dem Ende der Diktatur eine längere Haftstrafe absitzen musste, dokumentiert die Ausstellung auch. In den Revisionsverfahren der Nachkriegsprozesse wurden die Strafen vielfach reduziert oder ganz aufgehoben. Männer wie Heinrich Alef, Bürgermeister von Bad Godesberg, machten sogar in den 50er Jahren bei der FDP im Sauerland eine zweite Karriere. Wenige Jahre zuvor hatte sich der überzeugte Nationalsozialist noch als Hitlers Statthalter in Godesberg geriert und sich bei dessen häufigen Besuchen in der Kurstadt höchstpersönlich um das Wohl des Führers gekümmert.