Das Selbstverständnis der Muse

Michiko Hirayama ist eine renommierte Interpretin Neuer Musik. Die Odyssee der 81-Jährigen führte von Tokio nach Italien über Salzburg bis vor die Haustür von Scelsi, dessen Muse sie gewesen ist

Als während des Krieges Brandbomben in ihr Haus in Tokio flogen, hätten sie und ihre Mutter sie gepackt und wieder rausgeworfen, erzählt Michiko Hirayama. „Sieben Brandbomben haben wir zurückgeworfen.“ Es lag den beiden Frauen nicht, „oh Gott“ zu schreien, die Hände schützend über den Kopf zu halten und zu fliehen. Am Ende soll ihr Haus das einzige im Viertel gewesen sein, das nicht niedergebrannt war.

„Oh Gott“, das ist nicht absichtslos dahingeschrieben. Nicht der Katzengott und der Schlangengott sind gemeint und auch nicht der Gott der Verzweiflung oder jener des Lachens, sondern der Eine und Einzige. Monotheismus statt Pantheismus. Die Hirayamas waren – obwohl sie in Japan lebten – schon vor Generationen zum Christentum konvertiert.

„Meine Familie war gegen den Krieg“, sagt Hirayama. Sie bringt es mit dem Christsein in Zusammenhang. „Dafür ist man im Gefängnis gesessen“, sagt sie. Die 81-Jährige erzählt das Erlebnis wie etwas, das schnell aufflammt und wieder erlischt. Mutter, Tochter, der Krieg, das Haus, das Feuer – alles sei gelebtes Leben. Nur die Geräusche der fallenden Bomben seien ihr bis heute geblieben. Hirayama singt deren Fallen und Zischen. „Jahrelang hat mich das Crescendo der tödlichen Fracht begleitet“, sagt sie.

Aber für Heroisches ist in der Erinnerung der alten Dame wirklich kein Platz. Sie ist zu sehr der Gegenwart verbunden. Zwei Stunden, bevor sie zu ihrer Jugend in Japan befragt wird, stand sie noch auf der Bühne und hat Neue Musik des italienischen Komponisten Giacinto Scelsi (1905–1988) gesungen. „Canti del Capricorno“, die Gesänge des Steinbocks. Sie hat sie mit einer Leidenschaft und Leichtigkeit vorgetragen, als schwebe sie. Trotz ihres Alters, trotz ihrer Erkältung.

Was also ist eine Muse? „The human touch“, antwortet Michiko Hirayama

Eine alte Dame trippelt auf die Bühne. Den Thai-Gong mit seinen erdigen Tönen, den sie für das erste Stück braucht, trägt sie wie eine Handtasche über der Schulter. Kurz danach dient ihr das Instrument als Parameter einer zerbrechlichen Rhythmik, die sie mit ihrer Stimme immer wieder zusammenfügt. Sie flaniert wie eine Landschaftsbetrachterin durch die schemenhaft zusammengesetzten Tonreihen. Manchmal schaut sie einem Klang hinterher, als wäre es ein Vogel, der vorbeizieht. Manchmal unterbricht sie einen Ton, als wäre er die Komposition aller Nuancen einer Farbe. Manchmal wirft sie die Kraft ihres Körpers in ein Moll, weil Schmerz drinsteckt. Und Kraft. Und Lust. Sie ist jung beim Singen. „Singen wärmt den Körper“, sagt sie. Hinterher wird sie als alte Dame wieder von der Bühne steigen.

„Ich bin größer, wenn ich singe“, sagt sie. Vier Oktaven Stimmumfang: kein Problem. „Heute ist es sogar noch leichter für mich als früher, weil ich mich frei fühle“, meint sie, als sie nach dem Konzert im Mantel in der unbeheizten Garderobe der Sankt-Elisabeth-Kirche auf einem Stuhl sitzt. Ihre Beine erreichen den Boden nicht. Die goldenen Plateauschuhe, die sie während der Aufführung trug, hat sie eingetauscht gegen Straßentauglicheres.

Die Muse von Scelsi sei sie gewesen. Damit wirbt auf Plakaten, wer die betagte Künstlerin auch heute zu Konzerten einlädt. Muse – das birgt ein Geheimnis.

Dem will auf die Schliche kommen, wer mit ihr spricht. Auch deshalb sitzt Hirayama nun in dieser Garderobe, in der Getränke gelagert und die Einnahmen addiert werden, und wird zu ihrem Leben befragt, das aus einer Japanerin eine Italienerin machte. Das aus einer japanischen Sängerin eine Madame Butterfly machte. Das aus einer Mozartsängerin die Muse eines für verrückt erklärten Avantgarde-Komponisten machte. Das aus einer Frau, die aus einem Land kommt, wo Frauen ohne Männer nichts sind, eine machte, die von sich sagt: „Ich wollte nie heiraten.“ Das sind alles auch Brandbomben, die sie aus ihrem Haus geworfen hat.

Als die Amerikaner Japan besetzten, war Hirayama bereits ausgebildete Interpretin, geschult in japanischen Gesangstechniken, gemischt mit klassischem europäischem Gesang. „My education was all imitation“, sagt sie. Nichts als zu imitieren habe sie gelernt. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Wollte sie doch schon als Kind immer ihre Gefühle zeigen. „Ich tanzte, erfand Geschichten. Das war meine Natur.“

Warum bei so viel Verbiegung nicht eine Verbeugung mehr? Nach dem Krieg singt sie deshalb für die amerikanischen Soldaten in Japan. Die Besatzer. Sie singt das, was sie hören wollen. Und sie hört andere singen, was sie hören will: Jazz. Das hat ihr einen Stich gegeben: „Die haben ihre eigene Musik. Ich aber konnte nur westliche Musik imitieren.“ In der japanischen Musiktradition war sie ja auch nicht wirklich zu Hause.

Als ihre ehemalige italienische Musiklehrerin ihr 1953 zu einem Visum nach Europa verhilft – was zu damaliger Zeit äußert schwierig war –, verlässt sie 30-jährig Japan mit 50 Dollar in der Tasche. Mehr Geld durfte sie nicht mitnehmen. Erst 20 Jahre später wird sie ihr Geburtsland wieder besuchen. Heimweh hatte sie kaum. „Ich fühle mich in Japan nie wohl.“

Italien war ihr Ziel. Die Sprache war ihr als Gefühl vertraut: „Allegro, andante, vivace – so in der Art.“ Kurz bevor sie im Hafen von Neapel ankam, rief der Kapitän sie über Lautsprecher zu sich und überreichte ihr Geld. Die amerikanischen Soldaten, für die sie in Japan gesungen hatte, hatten es gesammelt. „Ein Wunder“, sagt sie. Mit dem Geld kann sie Meisterklassen an Musikhochschulen in Rom und Siena besuchen. Bald danach wird sie als Madame Butterfly hunderte Male über die italienischen Provinzbühnen tingeln. Sie behauptet, die neue Persönlichkeit der Madame Butterfly verkörpert zu haben. Keine singende Schablone, sondern eine handelnde und fühlende Person. „Ich wollte meine Möglichkeit finden, Musik so auszudrücken, wie ich sie fühlte.“ Das Puccini-Experiment soll ihr dabei geholfen haben.

Ende der 50er-Jahre riet ihr der Direktor der Scala in Mailand, doch nach Salzburg zu gehen, um sich am Mozarteum weiterbilden zu lassen. Sie hätte ein Mozartstimme. Das sagte er zu einer, die in erster Linie auf der Suche war nach ihrer eigenen. Dennoch, Hirayama geht nach Österreich und gerät dort zufällig in eine Aufnahmeprüfung für elektronische Musik. Warum nicht? Die Frage wird keine rhetorische bleiben.

Bis heute ist Hirayama davon überzeugt, dass sich europäische Stimmen bei der Interpretation Neuer Musik selbst im Wege stehen. „Die haben ihre Klassik im Rücken. Deshalb können sie Neue Musik nur intellektuell angehen. Vom Kopf her. Ich aber bin frei. Ich bin am 14. Juli geboren. Ich will Revolution.“ Die musikalische Avantgarde sei, wonach sie immer gesucht habe.

Schon Anfang der 60er-Jahre ist sie eine der wichtigsten Interpretinnen der Neuen Musik. Sie lebt in Rom und viele – heute berühmte Komponisten – schreiben Stücke für sie. John Cage sei ein großer Freund gewesen. Morton Feldman, Iannis Xenakis, Luciano Berio, Luigi Nono. Wie sie alle heißen. Ja, und dann Giacinto Scelsi.

Scelsi, so berichtet sie, habe man für verrückt gehalten. Er war in der Psychiatrie gewesen. Ein Außenseiter, Eigenbrötler, Kauz. Jede Nacht saß er am Klavier und spielte, experimentierte mit dem einzelnen Ton, erzählt Hirayama. „Er komponierte die Musik nicht vom Kopf her, sondern vom Gefühl“, sagt sie. Sie habe das sofort verstanden. Sie verbrachte viele Nächte heimlich im Flur vor seiner Wohnungstür, um ihm zuzuhören.

An dieser Stelle, so nah schon am Geheimnis der Muse, wird das Gespräch unterbrochen. Die Veranstalter fürchten um die Gesundheit der Sängerin, wenn sie noch länger in der unbeheizten Garderobe sitzt. Draußen im Regen wird sie weitererzählen, während sie auf ein Auto wartet, das sie ins nächste Restaurant bringen soll, aber nicht kommt.

„Was soll ich ohne Musik? Ich habe keine Kinder, keinen Mann, nur eine Schildkröte“

Sie sei die Einzige, die Scelsi nachts improvisieren hörte. So kriegt sie Zugang zu seiner Musik. Und nachdem sie sein Stück „Hó“ zum ersten Mal aufführt, hat sie ihn überzeugt: Er kann für Stimme komponieren. Für ihre Stimme. Sie ist in der Lage, Töne noch weiter zu unterteilen. Mikrotonale Changierungen zuzulassen. Das interessiert ihn. Schließlich habe er sich ja auch selbst geheilt, indem er Stunden nur einer Note zuhörte. „Er ist in sie hineingesunken.“ Sie habe seine Leidenschaft verstanden. Mehr nicht. Bis zu seinem Tod 1982 habe sie mit ihm zusammengearbeitet. Was also ist eine Muse? „The human touch“, antwortet sie. Es heißt alles: die menschliche Berührung. Die Berührung des Menschen. Die Menschlichkeit.

Hirayama ist bis heute eine gefragte Sängerin Neuer Musik. Auch eine gefragte Lehrerin. Zweimal im Jahr reist sie nach Japan, um zu unterrichten. Einmal bot man ihr eine Dozentenstelle an der Akademie an. Sie sollte klassischen europäischen Gesang unterrichten. „Was machen die jungen Sängerinnen später mit dieser Ausbildung?“, fragte sie den Direktor. „Sie werden Ehefrauen“, antwortete er. Hirayama hat das Angebot abgelehnt.

Ihr Arzt meint, sie soll nicht mehr singen, erzählt sie. „Quatsch. Was soll ich ohne Musik? Ich habe keine Kinder, keinen Mann, keinen Boyfriend, nur eine Schildkröte. Die wartet auf mich in meinem Garten in Rom. Aber ich habe Musik. Ich wollte so leben. Singen wollte ich. Ich bin glücklich“, sagt sie. „This is clearly my identity.“ Sie spürt dem Echo ihres eigenen Satzes nach, um dann einen Schlusspunkt zu setzen: „Das ist alles, was ich zu sagen habe.“