Herrschaft ist Bluff

Ihr Leben lang hat die Wahlberlinerin Laura Gallati sich am Widerständigen ausprobiert – sei es als Politikerin, Musikerin, Komponistin, Denkerin

VON WALTRAUD SCHWAB

Als Laura Gallati die Tür zu ihrem alten Berliner Atelier öffnete, sah sie den Einbrecher durch das Fenster verschwinden. Für eine Sekunde war sie verwundert, dann wurde sie wütend. Sie rannte zum Fenster, schrie dem Einbrecher nach. Was sie sagte? Sie weiß es nicht mehr.

Die Tage darauf habe sie das Klavier bearbeitet wie nie zuvor in ihrem Leben. Auf die Tastaturen gehämmert gegen die Wut. „Ich habe die wahnsinnigsten Stücke gespielt, die ich kenne. Von der besessenen Agnostikerin Galina Ustwolskaja etwa, die, uralt, in Petersburg lebt und Musik komponiert, die an eine Bildhauerin erinnert, die auf Stahl hämmert. Oder die nervöse Großstadtmusik von Ruth Crawford, die erst ein Jahr vor ihrem Tod zum Komponieren kam und da alles hineinfegte.“ Gegen jede Räson spielte Gallati auch Bachs „Kunst der Fuge“. „Der Raum dröhnte, jedes Glas, jede Tasse vibrierte.“ Die Musik wurde zur Gegenspielerin des Diebes, aller Diebe, aller schlechten Geister.

Einbruch, Aufbruch, Umbruch, Durchbruch und die über alles geliebte Dissonanz – Laura Gallati kennt sich aus mit dem, was nicht zusammenpassen will. Der gebürtigen Schweizerin eilt in Berlin der Ruf eines eigenwilligen Multitalents voraus. Für die einen ist sie die erste feministische „Großrätin“ mit Sitz und Stimme in einem Schweizer Kantonsparlament. Für die anderen eine wilde Musikerin, die in den achtziger Jahren gern mit der Schweizer Sängerin Magda Vogel – Magd der Vögel – auftrat. Beide hatten sich der schrillen Improvisation verschrieben.

Wieder andere kennen Laura Gallati als Essayistin. Ihre Gedankenteppiche sind mit Gesellschaftskritik bestickt. Als Querdenkerin hat sie in Berlin zusammen mit der nicht minder passionierten Berliner Professorin Christina Thürmer-Rohr ein privates Diskussionsforum gegründet. Zwischen Musik und Gespräch, zwischen dem schwarzen Flügel und dem Sofa machen sich die Gäste auf die Suche nach gerechtem politischen Handeln. „Ich will verstehen!“ ist der Leitsatz des Forums. Hannah Arendt hat ihn gesagt.

„Ich halt nicht gern an mich“, sagt die 63-Jährige und bringt trotzdem, bei allem was sie tut, absolute Konzentration auf. „Hörst du mir zu?“ Sie ist eine scheue Frau, die sich, weil es ihre Passion verlangt, dennoch ständig der Öffentlichkeit stellen muss. Ihr einziger Schutz: schwarze Kleidung und dunkle, tief in die Stirn fallende Haare. Warum Schwarz? „Weil die Farbe dramatisch ist.“ Mit der ein paar Jahre älteren Christina Thürmer- Rohr, die außer der Sozialwissenschaft auch eine Vergangenheit als Pianistin in einer der ersten Frauenrockbands hat, teilt Gallati die Leidenschaft zu dieser Farbe. Wegen der Thürmer-Rohr übrigens war sie „Spagatberlinerin“, bevor sie vor Jahren „mit beiden Beinen auf Berliner Boden zu stehen kam“. Manchmal geben die beiden – schwarz gewandet – Konzerte an pechschwarzen Flügeln. So kämpfen sie gegeneinander an, um sich miteinander zu verständigen. Geniestreich zweier Raben ist es: intelligent, frech, autonom, schwer disziplinierbar und mit visionärer Sicht auf die Dinge.

Im Gegensatz zum Mainstream, der das Visuelle zur obersten Priorität macht, ist Gallati eine Verfechterin des Hörens. Damit aber auch eine des Sagens. Weil ihr das Wort eloquent von den Lippen kommt, war sie von 1979 bis 1994 Politikerin. Wohl auch Ehefrau und Mutter. Aber damals, Ende der siebziger Jahre, als Umwelt- und Frauenbewegung, Kapitalismuskritik und Konsumverzicht hoch gehalten wurden, lagen die Herausforderungen auf der Straße: „Radikalsozialistische Ideen und gewaltige Opposition gegen diesen Autobahnbau oder jene Stadtverschandelung gingen zusammen.“

Als erste feministische Abgeordnete in der Schweiz lernt sie die Abgründe der parlamentarischen Demokratie kennen. „Wer Außenseiterin ist, muss die Redezeit nutzen, um Herrschaft als Bluff zu entlarven.“ Durch Reden, nicht nur durch Handeln, wird Realität hergestellt. Als sie einmal weiß, wo ungefähr dreißig Kurden versteckt sind, die aus der Schweiz ausgewiesen werden sollen, überzeugt sie zusammen mit der Schriftstellerin Mariella Mehr nahezu tausend Leute, sich öffentlich selbst zu bezichtigten: „Ich habe Kurden versteckt.“ Ende der achtziger Jahre war die kurdische Sprache und Kultur in der Türkei noch verboten. Kurden, die sich für ihr Land, ihre Kultur einsetzten, wurden verfolgt. „Als sie abgeschoben wurden, sind wir auf die Landebahn gerannt, um das Flugzeug zu stoppen.“ Gallati springt auf, als sie es erzählt, als müsse sie noch einmal dahin rennen.

Dem Ende ihrer Politikkarriere liegt dann allerdings eine ernüchternde Erkenntnis zugrunde: Gemeinsames politisches Handeln schafft die Unterschiede zwischen den einzelnen Beteiligten nicht aus der Welt. Mit umweltbewussten Abtreibungsgegnern in ihrer eigenen Fraktion will sie nicht zusammenarbeiten. „Gott sei Dank“, sagt sie heute zu ihrem Abschied vom Parlament, der damals einer Niederlage gleichkam.

Über Jahre hinweg hat sie kein Klavier gespielt, weil sie glaubte, dass Musik die Welt nicht ändern könne. Als sie 1984 wieder damit beginnt, verschreibt sie sich ausschließlich der Neuen Musik. Von dort allerdings ist es nicht weit zur freien Improvisation. Von der wiederum findet sie zurück zu eigenen kompositorischen Entwicklungen und zur Klassik. „Ich will unsaubere Musik machen“, sagt sie. Nur um kurz danach fast erschöpft zu fragen: „Warum kann ich nicht einfach ganz normal Klavier spielen?“

Mit unsauberer Musik meint sie solche, bei der Spannungen, Krach, ekstatische Unvereinbarkeiten zu spüren sind. Musik, die in Kontakt tritt, selbst wenn sie vor ein paar hundert Jahren geschrieben wurde. Harmonien, die gegeneinander anstreiten. Tonabfolgen, die Fragen stellen. Akkorde, die wie ein Rufen und Antworten sind.

Die Musikerin kennt jede Holzfaser, jede Saitenwindung ihres Instruments. Manchmal scheut sie sich nicht, den Klang ihres Flügels dort zu suchen, wo er eigentlich nicht herkommen soll. Mit einer Selbstverständlichkeit, die nur großen Liebenden erlaubt ist, umgarnt sie das Instrument, füllt es mit Metall, Plastik, Stein oder Holz und hämmert dagegen an. Manchmal auch mit den Fäusten. „Um Musik zu verstehen“, so Gallati, „muss sie gegen den Strich gebürstet und eventuell in ihrer Schönheit zeitweilig gestört werden. Nur so kommt man ihren Geheimnissen auf die Schliche.“

Laura Gallati ist eine, die das Perfekte im Imperfekten sucht. Es ist ihr wie auf den Körper geschrieben. Ausgerechnet im Imperfekt aber wird ein Leben zu einer Erzählung. Auch ihres: Da gab es den jüdischen Vater, „der 150-prozentig assimiliert war“ und sich seinen Schweizer Pass gekauft hatte. Dennoch wussten sie und ihre drei Geschwister immer den Namen seiner Geburtsstadt: Sanok im polnischen Galizien. Da waren Liebesgeschichten, die zu den hellen Sternen und den großen Dunkelheiten des Lebens gehören. „Heute bin ich eine Großmutter“, sagt sie und meint, dass die Wunden, die die Liebe geschlagen hat, nun verheilt sein müssten. Und da war der Dammbruch Anfang der neunziger Jahre, der ihr Studio am Vierwaldstätter See überschwemmte und ihr künstlerisches Werk, ihre Tonbänder, Texte und Kompositionen vernichtete. Als sie damals in ihr verwüstetes Studio trat, zog sie aus all den aufgetürmten Resten, die die Überflutung zurückgelassen hatte, einen Zettel. „Wasser, Wasser, Wasser, Wasser – in verschiedenen Schriftgrößen – stand drauf.“ Ein Freund, der zuvor den Drucker repariert hatte, hatte sie gebeten, etwas zu schreiben, um zu sehen, ob er nun funktioniere. Als alles zerstört war, packte Gallati ihren Koffer und zog nach Berlin.

Gallati kommt aus einer Zeit, in der es das Höchste in der Kunst war, wenn sie – à la Adorno – widerständig war. Fast verwundert stellt sie fest, dass die heutige Generation den Übervater nicht mehr ermorden muss. Ihr Verdikt ist radikal: „Die künstlerische Avantgarde gibt es nicht mehr. Ersetzt wurde sie durch die gesellschaftliche Vorhut der Ich-AGs. Beziehungslos untereinander, sind sie den Frösten der Freiheit ausgeliefert. Jeder für sich. Was daraus wird, wissen wir nicht.“

Selbst hält sie sich an das Experiment und stellt sich heute „dem Öffentlichen“ in ihrem Atelier. Dort veranstaltet sie regelmäßig Konzerte. Dort reibt sich die Sprache am Politischen wund. Zusammen mit Christina Thürmer-Rohr sucht sie noch immer nach einer neuen Synthese von Musik, Philosophie und großer Leidenschaft. Vergangenheit ist dabei immer auch Zukunft. Das ist das Geheimnis des schwarz gekleideten Duos: Domenico Scarlattis Musik wird zum Gegenspiel zu der von John Cage. Bachs Fugen widerlegen die Logik klarer Verhältnisse. Und das Einbrechen der Harmonien bei Schuberts Winterreise wird zum Moment, in dem die Gegenwart schon passé ist. „Hören heißt, dass man etwas, das vorbei ist, hört, aber es hat das Potential von Zukünftigem in sich.“

Das Einbrechen der Harmonien wird zum Moment, in der die Gegenwart passé ist – dies sind Gallatis Worte. Diesem Umstand begegnet sie immer wieder. Einbruch und Dammbruch etwa hat sie erlebt und neulich auch einen Armbruch. Die Ärzte fürchteten, sie würde nie wieder Klavier spielen können, aber Gallati trotzt sich auch diesmal, wie schon zuvor, ihre eigene Zukunft ab.

Am 6. 3. um 18 Uhr findet im „Forum Akazie 3“, Akazienstraße 3, „Verstehen und Neue Musik II“ statt. Am 13. 3. „Verstehen und Film“. Information unter Tel: 85 96 34 19. Der Text ist dem Buch „Berlin ist eine Frau“ von Waltraud Schwab entnommen, das Ende März im Jaron-Verlag, Berlin, erscheint