Für die im Schatten

PANTER PREIS Jessica Groß, Panter-Kandidatin zwei, kämpft seit 13 Jahren für die medizinische Versorgung von Menschen ohne gültige Papiere und vermittelt sie an Ärzte und Krankenhäuser

VON PAUL WRUSCH

Eigentlich wollte sie in Kreuzberg bleiben. „Da gehöre ich hin“, sagt Jessica Groß. Jetzt wohnt sie im bürgerlich-familiären Berliner Bezirk Friedenau. Sie, die Herzenskreuzbergerin, wirkt in ihrer großzügigen Altbauwohnung mit Balkon und Blick auf den grünen Hinterhof etwas deplatziert. Wegen des Jobs ist sie nach mehr als 20 Jahren aus Kreuzberg hierher gezogen, die Rufbereitschaft als Oberärztin in einem nahen Krankenhaus kann sie jetzt zu Hause verbringen.

■ Sechs KandidatInnen für den Panter Preis der taz sind von unserer fünfköpfigen Jury (siehe sonntaz vom 13. Juni) ausgewählt worden; heute stellen wir Ihnen die zweite Aspirantin für die Auszeichnung um Mut und Engagement vor, Jessica Groß aus Berlin, die sich seit Jahren für die medizinische Versorgung von Menschen ohne legale Papiere einsetzt.

■ Am 19. September wird in der Komischen Oper Berlin der Panter Preis verliehen. Genau genommen sind es zwei Panter Preise, die in gleicher Höhe dotiert sind. Einen Preis vergibt eine Jury aus tazlerInnen mit prominenter Hilfe, einen zweiten vergeben Sie.

■ Seit vergangener Woche können Sie die KandidatInnen begutachten und schließlich jene(n), der oder die Ihnen am preiswürdigsten scheint, für den taz panter LeserInnenpreis wählen. Wie dies möglich ist, berichten wir in der nächsten sonntaz-Ausgabe.

■ Nach Ole Seidenberg und Jessica Groß porträtieren wir in der kommenden Woche an gleicher Stelle den dritten Kandidaten für den taz Panter Preis 2009.

Mehr unter www.taz.de/panter

Oft sitzt sie dann am Telefon oder vorm Computer: Sie ruft Ärzte an, organisiert Spenden, schreibt Artikel für Ärztezeitschriften oder arbeitet Konzepte aus. Seit 13 Jahren engagiert sich Groß im Büro für medizinische Flüchtlingshilfe Berlin (Medibüro) und setzt sich für die medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere ein. „Es kann nicht sein, dass man Ausländern ohne legalen Status das Grundrecht auf medizinische Behandlung verweigert“, sagt sie. Das Thema regt sie merklich auf.

Auch nach neun Stunden Arbeit im Krankenhaus versprüht die 43-Jährige noch Energie, spricht begeistert von ihrer Arbeit, nicht der als Ärztin, sondern der als Ehrenamtlicher. Wenn sie von besonders schwierigen Fällen und den politischen Forderungen erzählt, funkeln ihre Augen, trotz offensichtlicher Müdigkeit.

Sie hat das Medibüro 1996 mitgegründet, drei Jahre nach ihrem Uniabschluss. „Linke MedizinstudentInnen und verschiedene Antirassismusgruppen kamen damals zusammen“, sagt Groß. Es war die Zeit der ersten rassistischen Übergriffe in Deutschland, der Spiegel titelte „Das Boot ist voll“, und die Regierung Kohl verschärfte das Asylrecht. „Hier gab es ein Problem, wir wollten das angehen“, erinnert sich Groß.

Ins Medibüro im Kreuzberger alternativen Zentrum Mehringhof können zweimal in der Woche Ausländer ohne legalen Status kommen, die medizinische Hilfe benötigen. Anonym. Es werden nur die Beschwerden, keine Personalien abgefragt. Das schafft Vertrauen bei denen, die sonst misstrauisch sein müssen, weil sie Angst vor Entdeckung haben. Nach 13 Jahren ist die Anlaufstelle unter den geschätzten 100.000 Berliner Ausländern ohne Papiere bekannt. Eigenwerbung ist nur noch zur Spendenakquise notwendig.

Im Jahr werden rund 1.000 Illegalisierte an Ärzte vermittelt, die mit dem Medibüro kooperieren. Fünfzig Praxen sind das derzeit in Berlin, viel zu wenig, meint Groß. Immer müsse man betteln.

Groß kann selbst nur noch selten die Sprechstunde leiten, ihr Job als Oberärztin lässt das nicht zu. Sie wird bei besonders schwierigen Fällen um Rat gefragt, weil sie die längste Zeit dabei ist. Ihre Arbeit ist heute eher eine politische.

Jessica Groß’ Eltern, echte 68er, schickten ihre Tochter in Hannover in die Glockenschule, ein alternatives Schulmodell, das hat sie früh geprägt. Als Jugendliche war sie bei Amnesty International, später bei Nicaragua-Initiativen aktiv, ständig auf Demos und später Kaffee pflücken. Während des Studiums in Berlin hat sie politisch interessierte Freunde kennen gelernt und sich Antirassismusgruppen angeschlossen.

Auch ihre Berufswahl und ihre Spezialisierung auf die Gynäkologie hatten politische Motive. „Es war die Zeit des beginnenden Feminismus, der Debatte um den Paragrafen 218 und der Forderung ‚Männer raus aus der Gynäkologie‘“, erinnert sich Groß. Sie wollte ihren Beruf mit sozialem und politischem Engagement vereinen. Auch heute, nach 13 Jahren, will sie ihre ärztliche Profession noch mit ihrer Grundüberzeugung als Bürgerin mit einer gesamtgesellschaftlicher Sicht verbinden.

Es scheint, als triebe sie das schlechte Gewissen, als fühle sie sich für ihre Mitmenschen und ihre Umwelt verantwortlich. Zu ihr als Oberärztin, als Göttin in Weiß, schauen die Menschen hoch. Durch ihre Arbeit im Medibüro sieht sie die, deren Ziel es ist, nicht aufzufallen.

„Niemandem das Grundrecht auf Behandlung verweigern“

Jessica Gross

Neben der praktischen Arbeit, der Vermittlung von Kranken ohne gültige Aufenthaltserlaubnis an Ärzte und Krankenhäuser, haben sich Jessica Groß und das Medibüro immer auch politisch engagiert. „Wir wollen uns selbst abschaffen“, sagt sie.

Noch ist das nicht geschafft, aber erste Schritte sind getan. Seit Jahren arbeitet die Oberärztin am Großprojekt Anonymer Krankenschein. Sie hat ein umfassendes Konzept dazu ausgearbeitet. Die Grundidee: Menschen ohne Papiere holen sich bei einer ärztlich geleiteten Stelle einen Krankenschein, mit dem sie zu jedem Arzt und in jedes Krankenhaus gehen können. Die Kosten werden anonym über das Sozialamt abgerechnet. Die Illegalisierten müssen nicht ihre Entdeckung und die damit meist verbundene Abschiebung fürchten.

Groß hat sich mehrfach mit der Berliner Senatsverwaltung getroffen und für dieses Konzept geworben. Sie ist auf großes Interesse gestoßen, sagt sie. Berlin plant jetzt ein Modellprojekt. Groß sieht Licht am Ende des Tunnels. „Wenn nicht hier und jetzt, wo und wann dann?“, fragt sie. Das wäre die endgültige Sich-selbst-Überflüssigmachung.

Wenn es so weit kommen sollte, würde sich Groß eine neues Projekt suchen. Ein Leben ganz ohne soziales Engagement – da wäre bei Jessica Groß irgendetwas nicht in Ordnung.