Der Muße-Gesellschafter

VERSCHOLLEN Rolf-Ulrich Kaiser war einer der ersten deutschen Popjournalisten. 1968 organisierte er die „Internationalen Essener Songtage“, 1973 verschwand er. An seine Verdienste erinnert heute ein Konzertabend

Alle kennen Henryk M. Broder. Aber wer bitte ist Rolf-Ulrich Kaiser? 1968 war’s genau andersrum. Damals war Broder der Unbekannte, der Rolf-Ulrich Kaiser dabei half, die „Internationalen Essener Songtage“ zu organisieren, das erste groß angelegte Popfestival auf westdeutschem Boden. Durch Kaisers Vermittlung traten dort Bands wie die New Yorker The Fugs auf, der kalifornische Folksänger Tim Buckley, aber auch der Wuppertaler Freejazz-Saxofonist Peter Brötzmann sowie Frank Zappa und seine Mothers of Invention.

Heute feiert Rolf-Ulrich Kaiser seinen 66. Geburtstag. Ob er noch lebt und wo genau, das lässt sich nicht ermitteln. Sein mutmaßlich letzter Aufenthaltsort war 2006 das Asyl einer katholischen Diözese. Da er obdachlos ist, gibt es über Kaisers derzeitigen Verbleib keine verlässlichen Angaben. Die Kommunikation mit der Außenwelt hatte er aus LSD-induzierten Gründen Mitte der 70er-Jahre eingestellt. Seitdem ist er zusammen mit seiner gleichfalls weggespaceten Lebensgefährtin Gerlinde „Sternenmädchen“ Lettmann vom Radar verschwunden.

Heute feiert Rolf-Ulrich Kaiser seinen 66. Geburtstag. Ob er noch lebt und wo, das lässt sich nicht ermitteln

In den späten Sechzigern arbeitete Rolf-Ulrich Kaiser als Journalist und Buchautor (z. B. „Das Buch der neuen Popmusik“) in Köln. Zunächst berichtete er im Popentwicklungsland Bundesrepublik regelmäßig über angloamerikanische Musikthemen, durchaus geschmackvoll in der Auswahl der Porträtierten. Zeitzeugen schildern Kaiser als belesen und eloquent. Andere behaupten, er sei völlig unmusikalisch gewesen und in organisatorischen Dingen ein Dilettant. Jedenfalls hatte Kaiser gute Verbindungen ins Ausland und schrieb differenzierte Artikel. Zudem war er in der Lage, Gelder zu besorgen, was ihn für die Linke verdächtig machte. „Untergrund ist tatsächlich existent“, formulierte Kaiser 1969, „nicht nur in seinen musikalischen Ausdrucksweisen, sondern […] im Anti-Theater, im anderen Kino, in der Vervielfältiger-Literatur. Er lässt sich nicht zensieren und sucht sich seine eigenen Produktionsmittel.“

Man stellt sich Kaiser als eine Figur aus Bernd Cailloux’ 2005 erschienenem Roman „Das Geschäftsjahr 68/69“ vor. Bewandert „in psychedelischer Pädagogik“ entwickelt darin eine „Muße Gesellschaft m. b. H.“ für „die von ersten Rock’n’Rollstürmen“ aufgewühlten Vergnügungssüchtigen Stroboskop-Lichter. Als „elektrische Derwische“ ziehen diese Freunde mit ihren primitiven Gerätschaften durch die Republik, um den Muff der Nachkriegszeit wegzublenden.

Rolf-Ulrich Kaiser, der in Osnabrück und Berlin aufwuchs und in Köln Germanistik und Theaterwissenschaften studierte, agierte auf einem artverwandten Terrain, irgendwo zwischen PR und Publizistik, nach bester Popmanier zur Großmäuligkeit neigend. Genau das brachte ihm im Reizklima von 1968 vernichtende Kritiken ein. Bürgerliche Medien und orthodoxe Linke stampften ihn in den Boden: „Monstrum faden Rummels“, polemisierte die FAZ gegen die Essener Songtage. Andere bezeichneten ihren Initiator als „intoleranten Junior-Autoritären“, sogar als „Demagogen“. Erst Bernd Cailloux, der sein Roman-Personal auch die Lightshow der Essener Songtage besorgen lässt, verschaffte Kaiser späte, auch sprachliche Ehrenrettung. Für Cailloux war das Festival geprägt von einem „unendlich erleichterten kollektiven Ausatmen“. Die Erblast, immer den Endsieg zu wollen, sei „wie weggeblasen von der Orgie aus Musik und Licht“. In Kaisers eigenen Worten war es eine Veranstaltung „für alles, was unter der Gürtellinie gutbürgerlichen Konsums gemacht wird“.

Heute würdigt selbst das Feuilleton umtriebige Figuren wie Tony Wilson oder Alfred Hilsberg. Ihr Vorgänger, Rolf-Ulrich Kaiser, gründete 1969 mit „Ohr“ eines der ersten eigenständigen deutschen Plattenlabel. Er bekam ein Büro im Berliner Europacenter, verpulverte Geld mit Studiosessions unbekannter Bands. Da nannte sich Kaiser schon „der kosmische Kurier“, und sein Firmen-Werbeslogan „macht das Ohr auf“ war eine –wenig werbewirksame – Abwandlung des Bild-Zeitungs-Spruchs „Macht das Tor auf“. Es gab Ende der Sechziger weder eine eigenständige deutsche Popindustrie noch Hippiefürsten mit Einfluss. Kaiser, erklärter Fan der MC 5, hatte mit der Veröffentlichung der Debütalben der Berliner Elektronik-Band Tangerine Dream, von Krautrockbands wie Guru Guru oder Amon Düül I etwas gewagt und verloren. Sein Programm wurde als Hippie-Sondermüll deklariert, während der amerikanische Rolling Stone noch in den Siebzigern begeistert ahnte: „there’s something going on, but we don’t know what it is“. Auch der englische Krautrock-Weise Julian Cope widmete Kaisers kosmischer Karriere in dem Buch „Krautrocksampler“ ein Kapitel.

Kaiser selbst wurde 1973 der Geldhahn zugedreht. Er hatte sich mit seinen Bands überworfen, traf in der Schweiz auf Timothy Leary und schmiss mindestens einen LSD-Trip zu viel.