Die echte Erfahrung des Unechten

Das Theater als Vampir des echten Lebens: Der Film „Stadt als Beute“ (Forum) träumt ein Stück von René Pollesch weiter. Der Weg vom abstrakten Text in die konkrete Welt und zurück kostet die Schauspieler mehr als erwartet

Wann beginnt ein Schauspieler, ein echter Schauspieler zu sein und damit kein Schauspieler mehr? Marlon (Richard Kropf) hat keinen Begriff mehr davon, als er vor versammelter Crew einen echten Pollesch geben soll. Seiner ehrfürchtigen Betonung, seiner ernsten Geste streckt der Text des Theaterautors gnadenlos die Zunge entgegen, ebenso gnadenlos, wie die übrigen Schauspieler die Nase rümpfen. „Das ist so unecht, so künstlich wie Stroh aus Plastik“, scheinen sie ihm ins Ohr zu flüstern. Also was? Was fehlt ihm? Etwa das Leben, das echte? Als ob das in den Stücken von René Pollesch so einfach zu finden wäre.

Mit diesem Ziel jedenfalls verlässt Marlon die erste Probe mit einem Text, der sich ihm verweigert wie das Leben, von dem der Text sagt, dass es sich verweigert. Die Stadt scheint dennoch auf einen wie ihn, der gerade erst angereist ist, gewartet zu haben. Bereits mit dem harmlosen Betreten seines WG-Zimmers gerät er in die exzentrischen Alltagsabläufe anderer und wird schonungslos darin verwurstet – und wieder ausgespuckt, bis er mit einer blutenden Wunde erneut vor dem Theater steht. Ganz echt ist er zur Beute der Stadt geworden. Die Erfahrung des Unechten ist eben nichts, was nicht echt erfahrbar wäre.

Die Theaterproben zu „Stadt als Beute“ sind die Rahmengeschichte des gleichnamigen Films, der mit drei Episoden jeweils den Weg des Schauspielers vom abstrakten Text in die konkrete Welt und von der konkreten Welt in den Text zeigt. Die drei Regisseurinnen des Films (Irene v. Alberti, Miriam Dehne und Esther Gronenborn) folgen also dem Hauptthema Polleschs und der Verdeutlichung, dass es ein Leben außerhalb künstlicher Reproduktions- und Verwertungszusammenhänge nicht gibt. Sie umkreisen es, spielen damit, scheren aus, gehen manchmal einen Schritt zurück, um es dann mithilfe einer geschickten Konstruktion zu vervielfältigen.

Es beginnt schon damit, dass die Theaterproben nicht echt sind und nach den unechten Filmtheaterproben die echten Theaterproben beginnen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Kamera auf den Spuren von Lissy, die in den Wunschenklaven des Rotlichtmilieus auf das richtige Leben zu treffen hofft. Umschmeichelt von einem geklauten Mantel, der jeden zum Star macht, trifft sie auf Julian, einen Callboy (Stipe Erceg), und Babe, die Tabledancerin (Julia Hummer). Mit Glamour und Champagner, dem Glimmer, den sie sich mit Küssen gegenseitig über die Gesichter verteilen und einer rührseligen Kindheitsgeschichte Julians glaubt Lissy eine Nacht lang, dass sich die Patina, die auf jedem Leben liegt, gelöst hätte. Bis sie zur Kasse gebeten wird.

Ein verdrehtes und damit echtes Spiel mit dem unechten Leben treibt der dritte Teil des Films. Unverhohlen skeptisch, geradezu gleichgültig geht Ohboy (David Scheller) mit seinem Text um. Er erscheint erst gar nicht zur Probe und treibt sich stattdessen saumselig in der Stadt herum, wo ihm der Text bald abhanden kommt und nur die leere Plastikhülle übrig bleibt. Der Mangel am richtigen Sein im Jetzt scheint den Sozialhilfeempfänger, der aus jeglichen Verwertungszusammenhängen längst ausgeschieden ist, nicht weiter zu belangen. Wirklich ist der Goldstaub, den er sich in der Kneipe zuführt, so wie es die Handels- und Verwaltungszentren am Potsdamer Platz sind, dabei heißt es doch im Text, „dass das Sony-Gebäude nicht eigentlich da steht, wo es steht, das Sony-Gebäude steht in Indien, in Pakistan.“ Ohboy schreit sich diesen Satz vom Leib, als wolle er mit ihm das übermächtige Gebäude vor ihm zum Verschwinden bringen. Dabei wird es mächtiger und mächtiger. Wie sehr es existiert, zeigen zuletzt die Wachpolizisten, die ihn aus dem Teich fischen und ihn unsanft aus dem Gebäudekomplex beseitigen.

Das Theater, das sich sonst als jenseitiger Reflexionsort über das Leben draußen darstellt, wird im Film selbst zu einem Glied in einer Kette von Verwertungszusammenhängen, vielmehr: zum Ausgangspunkt und Anfang einer unendlichen und vampiresken Abfolge von Verwertungen, die den Film als zusätzlichen Verwerter einschließt. „Was du liebst, hast du soeben verkauft“, heißt es an einer Stelle. Besser dürfte sich ein Pollesch nicht weiterträumen lassen.