Über Flüchtlinge stolpern

Politik als Kolorit: „Les Temps qui changent“ von André Téchiné im Wettbewerb will an die Nouvelle Vague anknüpfen – und lässt sie doch nur vermissen

Unbezahlbar ist der bodenlos schlecht gelaunte Gesichtsausdruck von Gérard Depardieu im ersten Bild des Films. Wenn man da an den witzigen Winzer denkt, der noch neulich bei Gottschalk grinste – eine gelungene Montage von Filmbild und öffentlichem Bild. Gut, es gibt einen Grund für das Gesicht. Dreißig Minuten später erfahren wir nämlich, dass Depardieu seit über 30 Jahren seiner ersten Liebe nachtrauert – natürlich Catherine Deneuve. Die will zunächst erneut nichts von ihm wissen. Aber noch später kriegt der aufmerksame Zuschauer raus, dass die Szene des ersten Bildes genau am Morgen nach der Nacht spielt, in der die Deneuve ihre Meinung geändert hat. Ergibt das einen Sinn? Vielleicht.

In den goldenen Jahren der Nouvelle Vague erzählte man Liebesgeschichten als politische. Diese Jahre haben den Regisseur, den Drehbuchautor und die beiden bekannten Hauptdarsteller geprägt. Die Nouvelle Vague ist das Plusquamperfekt dieses Film, der zu sich ändernden Zeiten schon per Titel etwas sagen will: „Die Zeiten ändern sich“. Hier werden zwei Darsteller, die schon im Präteritum stehen, eingesetzt, um sich noch einmal auf eine noch weiter zurückliegende Vergangenheit zu beziehen: erste Liebe. Sie dauert ein Leben lang.

Doch die Politik muss irgendwie da rein, und das wirkt, sagen wir: erzwungen. André Téchiné liebt eine sehr bewegte Kamera, um die Atemlosigkeit des Aktuellen in diese Altersliebe zu pumpen, der große Pascal Bonitzer stopft das Drehbuch derart mit pressegängigen Problemen voll, als gelte es die „Lindenstraße“ im Atem zu halten: Die leicht Gaby-Zenker-hafte Deneuve ist mit einem europäisch geprägten Marokkaner in Tanger verheiratet. Der „bikulturell“ aufgewachsene Sohn ist schwul und lebt mit einer areligiös gewordenen, tranquilizersüchtigen Frau und dem gemeinsamen berührungsängstlichen Sohn. Die Zwillingsschwester seiner Frau ist religiöse Kopftuchträgerin, muss aber bei McDonald’s arbeiten, um die kranken Eltern durchzubringen. Während Depardieu als Subunternehmer ein Medienzentrum hochzieht, das einen Sender beherbergen soll, der gegen al-Dschasira die Massen für den Westen gewinnen soll. Erwähnte ich schon, dass man als alterndes Liebespaar in der Nähe von Tanger nicht einmal in Ruhe am Meer entlang spazieren kann, ohne über Flüchtlinge zu stolpern, die nach Europa wollen? Und wie in allen modernen Filmen und Fernsehserien wird auf einen Menschen im Koma eingeredet.

Als die Nouvelle Vague noch im Präsens stand, wären die Flüchtlinge aufgestanden und hätten dem Liebespaar was gehustet. Vielleicht, wenn es ein guter Nouvelle-Vague-Film gewesen wäre, hätte einer ein Thomas-Gottschalk-T-Shirt getragen. Irgendwie wäre die politische Analyse für, gegen und in den Plot hineinmobilisiert worden. Hier ist Politik haargenau das, wogegen ihr Auftritt damals gerichtet war: Kolorit. Im Vordergrund wird sich schließlich geliebt. Die Zeiten ändern sich. So oder so ist das Leben.