kuckensema: auf bremens leinwänden

Auf dem Schneckenschiff der Träume: „Die Reise ins Glück“ von Wenzel Storch

Manchmal, leider viel zu selten, kann man im Kino in ganz andere Bilderwelten eintauchen! Diese Filme, die aus keiner Tradition, keiner Stilrichtung, keinem Genre erwachsen, sondern nur der durchgeknallten Vision des Machers entsprungen sind, gehören zu den Glücksfällen der jüngsten Kunst. „Erasurehead“ von David Lynch, „Koyaanisqatsi“ von Godfrey Reggio und die absurden Melodramen des Kanadiers Guy Maddin sind solche cineastischen Rauschmittel, in denen einem alles fremd und wundersam erscheint.

Auch „Die Reise ins Glück“ ist solch eine Phantasmagorie, die nur der eigenen Traum- oder besser Trip-Logik folgt, denn Wenzel Storch hat sich durch die Verformungen der Realität bei LSD-Räuschen inspirieren lassen. „Acidprop“ nannte er seinen Stil im taz-Interview vor einigen Wochen. Wie schon seine früheren Filmen „Der Glanz der Tage“ und „Sommer der Liebe“ scheint auch „Die Reise ins Glück“ wieder eher gebastelt als inszeniert worden zu sein. Wenzel Storch ist ein begnadeter Tüftler, der wahre Kunstwerke aus Krempel und Schrott basteln kann. So etwa das ebenso riesig wie gemütlich wirkende Schneckenschiff, in dem Kapitän Gustav mit seiner glücklichen Großfamilie und einer Crew, die aus Tieren, schwarzen Eingeborenen und einem „steinalten, kurzsichtigen Roboter“ besteht, herumschippert. Auf einer geheimnisvollen Insel treffen sie auf den tyrannischen König Knuffi, der... – aber welchen Sinn hat solch eine Nacherzählung bei diesem Film, in dem ja gerade nicht erzählt, sondern frei assoziiert wird.

Jede Sequenz ist den Zwängen der Logik und des Sinns enthoben, und jede Einstellung quillt über von irrwitzigen Ideen.

Da braucht ein niedliches Kaninchen nur neben einigen Bürsten an einem Trunk zu nippen, und schon mutiert es zu einer borstig, flauschigen Zeitmaschine, mit der der böse König Knuffi ins „Dritte Reich“ reisen kann. Und für eine Gehirnwäsche schneidet eine Frau Klementine tatsächlich die Schädeldecke auf, holt das Hirn heraus und macht es nicht nur sauber, sondern auch rein. Es werden auch noch ein paar Köpfe zerquetscht, aber diese Splatterszenen sagen so naiv anrührend „Buh!“ zum Publikum, dass dessen Ekelgrenzen nie wirklich tangiert werden. Ja, es wird sogar auf fünf nette kleine Mädchen gepinkelt, und selbst dies wirkt hier seltsam anheimelnd und gemütlich. Denn jedes einzelne Tableau ist so liebevoll und phantasievoll arrangiert, dass aus allem eine barock überladene Idylle wird.

Dazu passt auch, dass alle DarstellerInnen Laien sind, die sich souverän weigern, auch nur so zu tun, als würden sie schauspielern. Besonders der Fernfahrer Jürgen Höhne, der bisher in allen Filmen von Storch die Hautrolle spielte, beeindruckt dabei als Kapitän Gustav, der vor sich hin brummelnd durch den Film schlurft und dabei eine Aura der alles umfassenden Saumseligkeit verströmt. Hochprofessionell sprechen dagegen die Tiere, denn namhafte SympathisantInnen haben umsonst ihre Mitarbeit angeboten, und so hört man den großen Bären mit der Stimme von Harry Rowohlt brummen.

Max Raabe hat mit dem Schlager vom „Tellerlip-Girl“ einen Ohrwurm für den Film komponiert und gesungen und der große alte Märchenonkel des deutschen Films Friedrich Schönfelder setzt mit seiner Erzählstimme aus dem Off von Beginn an den wohlig, altmodischen Grundton des Films. „Die Reise ins Glück“ ist eine schöne Rarität: ein radikaler Experimentalfilm, der das Publikum amüsiert, erstaunt und unterhält. Die Räusche von Wenzel Storch müssen sehr angenehm sein. Wilfried Hippen

„Die Reise Ins Glück“ läuft täglich im Cinema um 22 Uhr