Postpubertäre Anekdötchen

Um Pimmel geht es im Wesentlichen in Miguel Abrantes Ostrowskis Buch „Sacro Pop“. Der Absolvent eines Bad Godesberger Jungsinternats schildert darin die Vorlieben von Lehrern und Mitschülern

Komisch sollte es sein und wohl die Lust des Autors und seiner Zuhörerschaft am Peinlichen befriedigen: Zu Beginn der Lesung aus seinem Buch „Sacro Pop“ in der Bad Godesberger Kulturkneipe „Klangwelt“ packt Miguel Abrantes Ostrowski ein uraltes T-Shirt aus und zwängt sich in dasselbe hinein. Das Kleidungsstück mit der Aufschrift „Ako“ spannt zwar offensichtlich, passt aber irgendwie noch.

„Ako“ – das steht für „Aloisiuskolleg“, ein von Jesuitenpatres geführtes vermeintliches Eliteinternat für Jungs in der ehemaligen Bonner Diplomatenschlafstadt Bad Godesberg. Hier ging Miguel Abrantes Ostrowski zehn Jahre lang zur Schule und machte im Jahre 1993 schließlich sein Abitur. Nun kam er nach Bad Godesberg zurück, um die Welt außerhalb der Internatsmauern daran teilhaben zu lassen, wie es innerhalb derselben so zugeht.

Schnell stellt sich raus, dass das Überstülpen der Garderobe eine Szene von ungewollt hohem Symbolwert ist. Denn tatsächlich – wirklich entwachsen ist Miguel Abrantes Ostrowski jenen Zeiten nicht, als er noch die fragwürdige Ehre hatte, sich mit dem Logo des Bad Godesberger Schnöselinternats zu schmücken. Kleine Kostprobe gefällig? Der Bitte eines ehemaligen Mitschülers, ihm das Werk zu signieren, kommt der Autor gerne nach. Dabei fragt er noch beiläufig: „Soll ich dir noch ‘nen Pimmel reinmalen?“

Pimmel, darum geht es im Wesentlichen im Werk des 32-jährigen Schauspielers aus Freiburg. Und die können, wie das bei eher einfach gestrickten Männern nun mal der Fall ist, nicht groß genug sein. Da muss auch schon mal das „fünfte Standbein“ eines Hengstes herhalten, um die Lust und das Interesse der Schuljungen an diesem Fetisch im wahrsten Sinne des Wortes zu befriedigen.

„Hartnäckige, geile Opis“ wollten im Beichtstuhl immer wissen, wie es um Sex und die Selbstbefriedigung steht

Wenn nicht gerade gewichst wird, quälen die Pennäler Mitschüler und Lehrer oder pinkeln in die Kochtöpfe, in denen die Kartoffeln für den nächsten Tag bereitstehen. Sollen sie sich Hände reibend und kichernd in die „Fresse scheißen“ und ins „Gesicht pissen“, wie es im Lied einer Band empfohlen wird, die diese Penne hervorbringt – die Eltern der angehenden Elite zahlen schließlich einen Haufen Geld dafür.

Was aber nun ein breiteres öffentliches Interesse hervorruft und mittlerweile nicht mehr nur im sterbenslangweiligen Bad Godesberg für Abwechslung und Gesprächsstoff sorgt, ist die Tatsache, dass im Buch des Ako-Absolventen nicht nur die Insassen ein übersteigertes Interesse an ihrem Geschlechtsteil haben, sondern auch, dass sie diese Vorliebe mit einigen der mit ihrer Erziehung beauftragten Jesuitenpatres teilen.

„Hartnäckige, geile Opis“ wollten im Beichtstuhl immer wissen, wie es um Sex und die Selbstbefriedigung steht. Im Kapitel „Die guten Hirten“ schildert Miguel Abrantes Ostrowski die Vorliebe eines Paters für „frech-frivole Wasserspiele“ und berichtet von der Passion des Internatsleiters: der Fotografie. Sein Lieblingsmotiv waren offenbar nackte Knaben. „Heute würde man so etwas wohl ins Internet stellen“, meint Ostrowski, und auf einmal ist sein Dauergrinsen verschwunden.

Was dem Autor zum ersten Mal eine Reaktion entlockt, die kurz die Hoffnung nährt, dass hinter dem Wust an postpubertären Anekdötchen so etwas wie ein aufklärerischer Anspruch steckt, stieß auch der Schulleitung sauer auf. Sie habe, sagt Miguel Abrantes Ostrowski, mit einem Prozess gedroht. Bislang lehnt man dort jede Stellungnahme ab.

Ein kluger Schachzug, denn den Erfolg des Werkes würde eine juristische Auseinandersetzung allenfalls mehren. Irgendwo zwischen zehn- und fünfzehntausend liegt die Zahl der verkauften Exemplare, heißt es beim Verlag. Den Erfolg erklärt sich der Autor mit „Neugier auf die unverschämte Nestbeschmutzerei“. Und es sei eben „witzig“, das sei auch in erster Linie der Anspruch, wenngleich „ich auch drei Kapitel über Pädophilie hätte schreiben können“, meint Abrantes Ostrowski.

Ist Pädophilie witzig? „Nein, Pädophilie ist nicht witzig!“ Ein Achselzucken unterstreicht die unreife, indifferente Haltung. Erklärungsversuche: „Vielleicht liegt es daran, dass ich relativ verschont geblieben bin“, mutmaßt der Autor. Bis auf einmal rektal Fiebermessen sei bei ihm nicht viel vorgefallen, so Ostrowski. Und überhaupt, natürlich sei nicht alles schlecht gewesen. Das Buch sei eben, wie der Untertitel schon sagt, ein „Schuljungen-Report“. Da gibt es nicht viel zum Nachdenken, es sei halt „genau das Niveau“, gibt der Autor zu. Wie gesagt, das Shirt spannt, aber es sitzt noch.