Frickler rocks

Auf in traditionellere Klanglandschaften: Als Apparat hat Sascha Ring die EP „Silizium“ veröffentlicht, nebenher arbeitet der DJ mit einer Rockband

Dort, wo selbst der Kaiser zu Fuß hingeht, hat mancher mitunter Fachliteratur zu liegen. Bei Sascha Ring findet sich auf dem Klo ein „Einsteiger-Kurs für den C 64“. Allerdings nicht, weil der DJ, Produzent und Labelmacher demnächst die klanglichen Möglichkeiten dieser ersten PC-Generation ergründen möchte. Nein, Sascha Ring sucht einen Namen für seine Rockband.

Dies ist nun doch einigermaßen überraschend. Denn Sascha Ring ist einer der Etabliertesten an Turntables und Laptop und bringt unter seinem Pseudonym Apparat eben mit „Silizium“ eine neue EP heraus. „Es gibt einen Trend, der weggeht vom Track und vom Loop“, gibt Ring zu, aber nur widerwillig. Wer will sich schon widerspruchslos einordnen lassen in die immer länger werdende Reihe von Elektronik-Musikern, die sich organischen und traditionelleren Klanglandschaften zuwenden: „Mir wäre ja auch lieber, das wäre jetzt gerade kein Trend, aber es gibt ja auch ein Techno-Revival.“ Allerdings: Das nächste Brett zu programmieren, das überlässt er dann doch lieber anderen. Ring zieht es vor, mit seiner noch namenlosen Band zu proben.

Man muss aber nicht gleich von Scheitern sprechen. Nennen wir es: Erweiterung von Möglichkeiten. Der vor 26 Jahren in Quedlinburg Geborene mag als Apparat ein begnadeter Frickler sein, schon immer aber verfolgte er einen offeneren Ansatz als der Großteil seiner Kollegen. Auf seinem 2003 veröffentlichten „Duplex“ integrierte er Gesang, Gitarren, Saxofon und Klarinette. Mit „Silizium“ schließlich werden alle Beschränkungen zwischen Track und Song niedergerissen. Ein Stück wie „Komponent“ erinnert mit seinem entspannt groovenden Rhythmus und dem stoischen Gesang an The Notwist und andere Indietronics. Mit Klarinettist und Saxofonist Hormel Eastwood und Sänger Raz Ohara gelingt Apparat die scheinbar schwerelose Synthese des Besten aus beiden Welten. Nicht immer allerdings kommt das allerbeste Angebot: Schon seit längerem arbeitet Ring an „Pia“, einer von Gianna Nannini komponierten Oper, die im Sommer in Siena uraufgeführt wird. Die italienische Rocksängerin hatte er beim Auflegen auf Modeparty in Mailand kennen gelernt, später rief sie ihn an und bat um einen Remix. Seitdem nährt er in sich „die naive Hoffnung, eine Gianna Nannini so hinzubiegen, dass sie 2005-kompatibel ist“.

Wer solche Aufgaben vor sich sieht, der kommt irgendwann, wie immer mehr DJs, an den Punkt, an dem die schier endlosen Weiten der elektronischen Klangerzeugung ausgereizt zu sein scheinen. Irgendwann geht es hinter dem Horizont doch nicht mehr weiter. Und wenn man sich umblickt, wirkt das Modell Band plötzlich wie neu. So „bekommt Musik auch wieder einen sozialen Aspekt“, meint Ring, „seitdem macht das auch wieder mehr Spaß.“

Mit der elektronischen Musik gab es das Gefühl, „an eine Grenze gestoßen zu sein“, sagt Ring, „aber vielleicht war es ja auch nur meine Grenze“. Dass er, der „mit dem Computer aufgewachsen“ ist, an dieser Erkenntnis nicht verzweifelte, sondern sie produktiv weiter verwertet, das ist wenig überraschend: waren doch die Genregrenzen, die er nun als Musiker Apparat überwindet, dem Labelmacher Sascha Ring schon immer fremd. Seit 2000 arbeitet der ausgebildete Vorlagengestalter nach einem abgebrochenen Kommunikationsdesign-Studium an der UdK für die kleine, für ihre radikale Veröffentlichungspolitik berüchtigte Firma Shitkatapult. Als gleichberechtigter Partner des Gründers, dem notorischen Elektropunkrocker T.Raumschmiere, verantwortet Apparat das womöglich am weitesten gefächerte Programm eines Berliner Labels: Das reicht von digitalem Höchstgeschwindigkeitsgeballer bis zum gefühlig-gemütlichen Pluckern. Zwar ernährt Shitkatapult auch nach mittlerweile 53 Veröffentlichungen noch niemanden, aber neben den beiden Inhabern sind mittlerweile immerhin zwei Mitarbeiter beschäftigt. Vor allem sorgt der gute Ruf des Labels für Werbung, von der wiederum der DJ Apparat profitiert, wenn er für Engagements gebucht wird, ob im Dezember in Moskau oder demnächst in Istanbul.

Der DJ, dieser „verdammte Unterhalter“, ernährt den Mann; Shitkatapult ist Liebhaberei. Längst hat sich, wie um andere Labels herum auch, ein Netzwerk gebildet, aus dem die meisten der Shitkatapult-Produkte stammen. Ergänzend hat man unlängst die Reihe „Musick to Play in the Club“ initiiert: drei, vier Tracks von Newcomern, schnell programmiert, schnell gepresst, schnell zu „den Leuten in der Zappelhalle“, wie es T.Raumschmiere verkündete.

Während der Kollege sich austobt, arbeitet Apparat an der weiteren Verfeinerung. Selbst hört er kaum noch elektronische Musik, sondern Led Zeppelin, Cure oder Radiohead: Der Weg zur Rockband ist also nur logisch. Wie sie aber klingen wird, die Rockband, die er rekrutiert hat, mit einem Sänger aus Hildesheim und einem Schlagzeuger aus der Schweiz, weil „außer Elektronikern gutes Personal in Berlin schwer zu finden ist“, dazu hält sich Sascha Ring noch bedeckt. Demnächst beginnt eine erste intensive Probenphase. Man darf davon ausgehen, dass jemand wie er, dem es hinterm Horizont zu langweilig wurde, beim Blick zurück auf interessante, verschüttete Aspekte stoßen könnte, die den Blick nach vorn womöglich neu öffnen.