Erbitterter Streit um eine lebhafte Straße

PRENZLAUER BERG Die Kastanienallee soll eine Radspur bekommen. Anwohner bezweifeln deren Sinn und fürchten um den Charakter der Straße

Die Kastanienallee mit einem Wort zu beschreiben, fällt schwer. Sie ist Kneipenmeile und Touristenmagnet, Geschäftszeile, Wohnstraße – und offiziell Hauptverkehrsstraße, die sich Autofahrer, Lieferverkehr, Radler und Straßenbahn teilen. Genau diese Interessensvielfalt sorgt seit mittlerweile einem Jahr für erbitterten Streit in Prenzlauer Berg, der um die Frage kreist: Wem gehört die Kastanienallee? Und wie bürgernah muss ein grüner Stadtrat sein?

Die Straße soll und muss saniert werden, niemand stellt das in Frage: Die Flaneure auf den Gehwegen stellen unübersehbar den größten Teil der Straßennutzer. Doch der Gang über die Bürgersteige ist zur Holperpartie geworden. Und die einzelnen Verkehrsteilnehmer gefährden sich derzeit mehr, als dass sie den Raum gemeinsam nutzen.

Der zuständige Pankower Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) will daher den Verkehr entflechten: neben den Tramgleisen plant er einen Angebotsstreifen für Radfahrer. Nach Ansicht des Bezirks fahren Radler so sicherer. Bisher würden sie sich immer wieder in den Schienen verhaken. Um Platz für die Radspur zu bekommen, sollen Autos nicht mehr auf der Straße, sondern auf dem Gehweg zwischen den Bäumen parken.

Das missfällt nicht nur den Kneipenbesitzern, die so wenig Raum vor ihren Läden aufgeben wie möglich. Kritiker fürchten zudem, dass die Fahrradspur regelmäßig etwa durch in zweiter Reihe parkende Lieferfahrzeuge blockiert wird und die Sicherheit der Radfahrer somit eher sinke als steige.

Ein Bündnis von Bürgerinitiativen und Vereinen hat daher als Kompromiss einen sogenannten Multifunktionsstreifen vorgeschlagen, der neben dem Bürgersteig Parkplätze und Fahrradbügel vorsieht. Radler sollen daneben langsam, aber auch weiterhin zwischen den Tramschienen schnell fahren dürfen. „Das ist die Errungenschaft einer größeren Gleichberechtigung zwischen den Verkehrsteilnehmern“, sagt Frank Möller von der Initiative Carambolagen. Nach seinen Worten steht die Mehrzahl der Gewerbetreibenden und Anwohnern hinter ihm.

Nur von Stadtrat Kirchner fühlt Möller sich alles andere als ernst genommen. Dabei hatte Kirchner nach ersten Protesten ein umfassendes Beteiligungsverfahren anberaumt und einen Erörterungstermin. „Die Bürgerbeteiligung ist eine Farce gewesen“, schimpft der sonst bedacht und überlegt wirkende Möller. Monatelang haben er und weitere Carambolagen-Mitglieder sich in Planungen und Baurecht eingearbeitet, alternative Konzepte entwickelt, sich in den politischen Prozess eingearbeitet.

Dass ihre Vorschläge von Kirchner mehr oder weniger komplett abgebügelt wurden, enttäuscht die engagierten Streiter. „Das wurde einfach abgehakt“, so Möller. Einzig eine Bedarfsampel und Tempo 30 wurden von den Bürgervorschlägen übernommen. „Damit brüstet er sich jetzt“, klagt Möller. Die Kernforderungen seien hingegen völlig unter den Tisch gefallen. „Für den jetzigen Kompromiss opfern wir den Flaniercharakter und die touristische Anziehungskraft der Kastanienallee“, sagt Möller.

Der Grünen-Politiker hingegen hebt hervor, wie vorbildlich die Beteiligung gewesen sei. Als vor einem Jahr erste Kritik am Umbau aufkam, hatte er noch gesagt: Bürgerbeteiligung mache hier keinen Sinn.

Inzwischen müsste der Protest schon sehr laut werden, um noch etwas zu ändern: Der zuständige Bezirksausschuss hat den Kirchner-Vorschlag bereits gebilligt, ausgearbeitete Pläne sollen bis Ende Juni der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zugehen. Von dort nämlich kommt das Geld, denn die Kastanienallee gilt als Hauptverkehrsstraße – obwohl an ihrem nördlichen Ende die Ausfahrt für Pkw beschränkt ist und ihre südliche Verlängerung, der Weinbergsweg, gar in einer Sackgasse endet.

Einen Besuchstermin im Kiez, mit Vertretern von Bezirk und Anwohnern, lehnten die Senatsmitarbeiter im Vorfeld ab. Die Carambolage-Vorschläge seien mit der verkehrlichen Funktion der Kastanienallee nicht vereinbar, teilte der zuständige Gruppenleiter Horst Wohlfarth von Alm mit. KRISTINA PEZZEI