Kühn sein und belohnt werden

LITERATURBETRIEB Gestern erhielt Eugen Ruge den Alfred-Döblin-Preis. Sein Romanmanuskript erzählt die Geschichte einer sozialistischen Familie

Als Dramatiker und Übersetzer von Tschechow hat er einen Namen, als Romancier ist Eugen Ruge ein unbeschriebenes Blatt. Am Samstag gewann der 1954 geborene Autor den Alfred-Döblin-Preis für sein Romanmanuskript, das den schönen Titel „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ trägt. In ihm erzählt Ruge die Geschichte einer deutschen Familie mit sozialistischen Überzeugungen auf dem Hintergrund von 60 Jahren Geschichte. Was der Jury dabei gefallen haben muss, ist die Herangehensweise des Autors, die ereignis- wie personenreiche Handlung über unterschiedliche Erzählformen anzugehen. Sollte man also die Wahl als eine Art Punktsieg für einen nonkonformistischen Ansatz in seichten Krisenzeiten betrachten?

Alle zwei Jahre wird der Alfred-Döblin-Preis vergeben, gestiftet von keinem Geringeren als Günter Grass. Alle zwei Jahre findet in anregender Atmosphäre im Literarischen Colloquium am Wannsee ein Wettbewerbslesen statt. Dass Schriftsteller den Preis offenbar als animierend empfinden, belegt die Anzahl der eingesandten Manuskripte. Etwa 500 waren es in diesem Jahr. Das belegt natürlich nicht das Kräfteverhältnis zwischen Preisträger und Konkurrenz – wie auch die Endteilnehmer nicht allein als Vertreter unterschiedlicher literarischer Strömungen gesehen werden können. Sie sind überdies deutliches Indiz für eine Problematik, die seit Jahren unübersehbar ist.

Denn lange Zeit ging es bei den Diskussionen, die jeweils an die Lesungen anschlossen, um eine unausgesprochene Ambivalenz gegenüber dem zeitgenössischen literarischen Produkt an sich. Klarheit konnte man sich aber erst darüber verschaffen, als Günter Grass mit darauf hinwies, dass ihm bei den meisten Wettbewerbsbeiträgen die Risikobereitschaft fehle. Es sei „ein Schreiben auf Nummer Sicher“, was er hier zu Gehör bekomme. Und tatsächlich zeigten einige Beiträge eine eher konforme Gestalt, die mit den Erwartungen des Preises – mit dem ja die experimentell angelegte Idee des Namenspatrons fortgeführt werden soll – nicht unbedingt übereinstimmte.

Thomas Hettche erzählte von der schwierigen Beziehung eines scheidungsgeplagten Vaters zu seiner Tochter. Sein Vortrag weckte den Verdacht, dass die Handlung entlang der populärwissenschaftlichen Debatten um die heutige Vaterrolle gebaut war. Auch Zsuzsa Bánk versuchte sich in einer detaillierten Beschreibung einer Kindheitserinnerung, ließ aber den skeptischen Blick auf ihr Material vermissen, was hieß, dass ihr Erzählkonzept auf einige Zuhörer sentimental wirken musste. Was dann Grass monierte, lässt sich auch folgendermaßen ausdrücken: Nicht nur Verlage haben aufgrund der Wettbewerbsbedingungen ein Konformitätsverständnis gegenüber der Gattung, die sie im Verkauf vertreten. Auch Autoren neigen in dieser Hinsicht dazu, sich anzupassen, was sie dann bei solchen Wettbewerben geschickt kaschieren können.

Die Auswahl der Juroren konnte man schließlich als eine typische Unentschiedenheit des Literaturbetriebes interpretieren. Denn die postdissidentisch anmutende Geschichte eines Außenseiters in der DDR von Volker H. Altwasser oder der 500-seitige Großentwurf von Michael Roes eines Gelehrten aus Leipzig, der sich in der chinesischen Kultur verfängt, waren sehr interessante Beiträge, denen man nicht gerade das Fehlen von Kühnheit vorwerfen konnte. Und auch der Gewinner, Eugen Ruge, überzeugte mit einem eigenwilligen und gut durchdachten narrativen Konzept, das die literarische Herausforderung nicht scheute.