theorie und technik

Praxis und Dominante: Erinnerung an Althusser aus Anlass der Diskussion um Kunst und Politik

Politisch ist Kunst dort, wo sie um ihren Anteil am Gesellschaftlichen kämpft – und um die Bestimmung der Realität ihrer Gesellschaft

In Berlin ging dieser Tage ein Symposion zu Ende, das in einem besonderen Sinne international war: Es fügte sich nahtlos in die Reihe von Veranstaltungen ein, die diesem selben Thema gewidmet sind. Ein eifriger Besucher von Symposien zur Frage nach dem Verhältnis von Politik und Kunst würde derzeit ganz schön herumkommen in der Welt. Das Thema hat Konjunktur.

Der Berliner Veranstaltung „Klartext!“ kommt das Verdienst zu, explizit die Frage nach dem „gegenwärtigen Gebrauch“ der Kategorie des „Politischen“ in Kunst und Kultur gestellt zu haben. In der Rede vom Politischwerden der Kunst artikuliert sich dabei entweder eine Sehnsucht nach Sozialarbeit oder nach Revolution. Ihr liegt eine Vorstellung von richtigem Leben, von harter Wirklichkeit, von heroischem Subjekt zugrunde. Unhinterfragt bleibt, wie die Realität, in die man eingreifen möchte, beschaffen ist.

Natürlich haben wir alle die Lektion von der Multiplizität der Realitäten gelernt – sei es in der nüchternen Fassung von Max Webers „Entzauberung der Welt“, sei es in der bunten Variante der Postmoderne. Ist man heute also sofort bereit, in Sachen Kunst einer „Ausdifferenzierung der Wertsphären“ anzuhängen, so verhält es sich in Sachen Realität etwas anders. Hier ist es uns noch nicht gelungen, das Basis-Überbau-Schema gänzlich loszuwerden: Es spukt noch als Vorstellung von der äußeren Realität herum, die der privilegierte Ort der Veränderung, des Eingreifens sein soll. Es ist, wie wenn eine mythische Vorstellung von Realität sich mit einem „aufgeklärten“ Konzept von Kunst paart.

In diesem Durcheinander mag es nützlich sein, sich des (in Kunstkreisen zunehmend beliebten) französischen Theoretikers Louis Althusser und seines Begriffs der Praxen zu erinnern: Er unterscheidet eine politische, eine ökonomische, eine künstlerische und sogar eine theoretische Praxis. Keine dieser Praxisformen ist privilegiert – und trotzdem stehen sie, anders als die „Wertsphären“, in einem Zusammenhang. Max Weber hatte ja die Entmischung von Wissenschaft, Moral, Recht und Kunst mit dem Verlust eines einigenden Zentrums gleichgesetzt. Keine Instanz könne nunmehr den Gesamtzusammenhang garantieren. Die Folge sei ein „Polytheismus“, ein Zustand, wo „die alten Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte“ – so das berühmte Zitat – ihren Gräbern entsteigen und ihren Kampf beginnen.

In diesem Kontext lässt sich die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Politik nicht stellen. Ganz anders verhält es sich mit Althussers Praxen. Diese sind zwar autonom, stehen aber in Beziehung zueinander. Sie sind notwendig aufeinander verwiesen. Deshalb bezeichnet Althusser sie als „relativ autonom“. Gemeinsam bilden diese Praxen eine hierarchische Ordnung, wobei jeweils eine davon die Vorherrschaft übernimmt. Diese so genannte Dominante muss man wie eine Hauptrolle verstehen, die unterschiedliche Besetzungen erfahren kann (das heißt, die Ökonomie kann, muss aber nicht der Protagonist einer Gesellschaft sein – so der Marxist Althusser). Man muss also von einem ständigen Kampf um diese Dominante ausgehen, die immer wieder umbesetzt wird: Politik, Ökonomie, Kunst, Religion wechseln sich darin ab. Der Effekt dieser Ordnung aber ist die Bestimmung dessen, was jeweils die Realität einer Gesellschaft ist.

Hier muss man ergänzen: nicht nur die Dominante wechselt, auch der Bereich, den die einzelnen Praxen abdecken, ist keineswegs fix. Was in einem konkreten historischen Moment etwa der Bereich der Kunst ist, ist nicht nur veränderlich, sondern sogar Einsatz in der Auseinandersetzung. Jede Praxis steht in einem ständigen Kampf um ihren Bereich (was gehört zu ihr, was nicht?).Wenn etwa Zeichnungen von Behinderten oder Interventionen in soziale Räume – um nur zwei jüngere Beispiele von Ereignissen zu erwähnen, deren Gesamtheit man Kunstgeschichte nennt – sich als Kunst durchsetzen, so verändert dies den Grenzverlauf der Praxis „Kunst“.

Mit Althusser gedacht, ist die politische Dimension der Kunst also nicht an einer außer ihr gelegenen Realität zu bemessen. Politisch ist Kunst dort, wo sie um ihre Definition, ihre „Ausdehnung“, also um ihren Anteil am Gesellschaftlichen kämpft. Und politisch ist Kunst dort, wo sie um die Dominante, um die Bestimmung der Realität ihrer Gesellschaft, kämpft. Direkter ist das nicht zu haben.

ISOLDE CHARIM

Isolde Charim und Robert Misik schreiben abwechselnd eine Theoriekolumne – jeden ersten Dienstag im Monat