Der endlichen Wähnung geharrt

Tischlerhandwerk trifft Erkenntnistheorie: „fachsprachen XIX–XXVII“, der neue Gedichtband des Berliner Lyrikers Ulf Stolterfoht

Fachsprachen versuchen seit je, eine objektive Eindeutigkeit, die Präzision einer Bezeichnung zu simulieren. Mit der Lyrik verhält es sich umgekehrt. Sie weiß um das Vergebliche jeder Bemühung um Eindeutigkeit und schöpft gerade daraus ihr Potenzial. Wenn der Berliner Lyriker Ulf Stolterfoht nun seinen dritten Gedichtband unter dem lakonisch nummerierten Titel „fachsprachen XIX–XXVII“ vorlegt, so ist das weit mehr als Ironie, mit der sich Lyrik selbst als Randgruppenidiom versteht. Es ist ein seit mittlerweile sieben Jahren strikt verfolgtes ästhetisches Programm.

Auch in der jüngsten Lieferung plündert Stolterfoht professionelle Lexemarchive vom Tischlerhandwerk bis in die Erkenntnistheorie. Er weiß, dass die Wörter allenfalls umkreisen, keinesfalls exakt bezeichnen. Also löst er sie aus ihrem angestammten Kontext und lässt sie sprechen: untereinander, mit sich selbst. Was dabei herauskommt, sind komplexe Geflechte, in denen Tiefgründiges ebenso Platz findet wie rein lautlich motivierter Unsinn, zum Beispiel ein „in ibis verbissenes possum“. Die thematische Spannweite ist enorm: ein üppiger Hamann-Zyklus, eine so lässige wie intelligente Um- und Fortschreibung von Petrarcas „Trionfi“, Erörterungen zur „dichter-leser-bindung“ sowie mehrere Versuche über „das große deutsche verschrobenheitsgedicht“.

Wie gehabt schreibt Stolterfoht zumeist eher prosaische Langzeilen, die sich das Lyrische auf Umwegen erarbeiten. Nicht primär über die Metrik, sondern über die Semantik. In assoziativer Reihung und Schichtung entstehen dichte Lautgebilde, die immer wieder auch ihr eigenes Zustandekommen mit bedenken: „so was wie silbe kommt selten allein. will gestrie- / gelt / von pulsendem metrum beflügelt sein. der autor / wirkt müde. vorschlag zur güte: faß ab! das sitzt. das / paßt. ist stark. das hat der endlichen wähnung geharrt.“

Das ist mehr denn je beeindruckend in der Kunstfertigkeit technischer Beherrschung, kurzweilig in der Originalität der Montagen, im gleichermaßen abgehobenen wie geerdeten Humor, inspirierend über den stofflichen Reichtum. Aber es ist auch traurig, weil dieser dritte Band nun beinahe stoisch auf ein Ende zusteuert. Selbstreferenziell waren Stolterfohts Texte schon immer. Ein Dichter, der mit seinen Objekten spielt und sich im Spiel als regelgebende Instanz stets neu verortet. Aber die existenziellen Verweise auf das mitunter schneidend Absurde eines heutigen Dichterdaseins zwischen Schreibtischisolation und den punktuellen Exponiertheiten von Stipendien und Preisgaben sind dominanter als in früheren Texten: „den obligaten lyrik-groschen. er- / hoben fein. gegeben drein: den mecklenburger dichter- // rochen (undotiert) im zweijährigen wechsel mit alt-luruper / entschupper … wems alles um die hüften hing – ein wahnsinn. nichts- / destotrotz auch dafür aufnahmebereit. tag und nacht. jederzeit.“ Dahinter lauert die alte Beckett-Frage: „Wen kümmert’s, wer spricht?“

Konsequent endet der Band in einem poetischen Zettelkasten: einer Sammlung von Einzelzeilen, aus denen man bei Gelegenheit und Motivation noch hätte etwas machen können, einer alphabetisch geordneten Liste von Begriffsblüten, Neologismen, Fundstücken, summiert unter der Überschrift „lyrikbedarf“; als Geste ein sarkastisches Abwinken. Auf der letzten Seite dann das handschriftlich vom Autor eingetragene, für jedes Exemplar dieser Auflage eigens entworfene „schlußwort“. Dasjenige des Rezensenten mag dieser nicht verraten, wohl aber die Hoffnung, es möge nicht das letzte Wort gewesen sein.