In the Mood for Sex

Nach langem Hin und Her hat Wong Kar-Wai seinen Film „2046“ fertig gestellt. Zwar tauchen darin Figuren und Motive aus „In the Mood for Love“ auf, doch ist er mehr als eine Fortsetzung seines früheren Films. Statt des Mannes mit den hehren Motiven lernt man nun einen Frauenhelden kennen

Fünf Jahre hat Wong Kar-Wai gebraucht, um seinen neuen Film fertig zu stellen. Als „2046“ im vergangenen Mai seine Weltpremiere feiern sollte, reiste der Regisseur mit einer provisorischen Version nach Cannes. Sein Mitarbeiter Tony Rayns notierte später, unmittelbar vor dem Festival sei es Wong gar nicht mehr darum gegangen, den Film fertig zu stellen; er habe sich vielmehr beeilt, „eine vorläufige Annäherung“ zum Abschluss zu bringen.

Die heute gültige Fassung erlebte ihre Premiere am 20. September in China, nachdem Wong und sein Team nachgedreht, neu geschnitten und weitere Sprachaufnahmen angefertigt hatten. Als „2046“ im Oktober in die französischen Kinos kam, verglichen die Cahiers du Cinéma die vergebliche Suche des Protagonisten Chow nach der idealen Frau mit Wongs Ringen um die Fertigstellung des Filmes. Die fiktive Figur Chow freilich kann ewig weitersuchen, während Wong dem Zwang unterliegt, seinem Material eine definitive Form zu geben. Je obsessiver der Regisseur in seinem Werk den Augenblick des Abschieds behandelt, umso größere Schwierigkeiten hat er, von seiner Produktion Abschied zu nehmen – „die Nabelschnur zu trennen“, wie Rayns schreibt.

Dabei führt es in die Irre, sich von „2046“ eine Fortsetzung von „In the Mood for Love“ zu versprechen. Gab es in diesem Film einen konzisen Plot, klar umrissene Figuren und eine herzzerreißend melodramatische Vorstellung von Liebe, so trifft man in jenem zwar auf denselben Protagonisten, Chow (Tony Leung). Doch statt des Mannes mit den hehren Motiven lernt man nun einen Frauenhelden kennen, und an Stelle einer fest gefügten Geschichte mischt der neue Film Zeitebenen, Handlungsorte und unterschiedliche Fiktionsgrade.

Denn Chow, der Lohnschreiber im Hongkong der späten 60er, versucht sich in seiner freien Zeit an Science-Fiction-Romanen, und diese wiederum führen zu Film-im-Film-Strukturen. Damit entledigt sich „2046“ bewusst eines dramaturgischen Zentrums. Die einzelnen Erzählstränge reißen ab, spiegeln und verlängern sich in den Science-Fiction-Sequenzen, später tauchen sie unvermittelt wieder auf. Einmal etwa gleitet die Hüfte einer Frau mitsamt ihrer in einen schwarzen Handschuh gehüllten Linken durchs Bild: Ohne Erklärung fügt Wong ein Insert aus dem Jahre 1963 in eine Szene aus dem Jahre 1967.

Wenn das wackelige Hotelbett rhythmisch gegen die dünne Zimmerwand stößt, ist alle Romantik passé

Statt der perfekten Frauenfigur, die Maggie Cheung mit Su Li Zhen in „In the Mood for Love“ verkörperte, führt der neue Film vier weibliche Figuren ein; mit jeder hat Chow eine Affäre, wenn auch von je unterschiedlicher Gestalt und Intensität. Und während „In the Mood for Love“ die Sublimation zu feiern schien, geht es nun zur Sache. Alle Romantik ist passé, stößt Chows wackliges Hotelbett erst rhythmisch gegen die dünne Zimmerwand. Im Nachbarzimmer rutschen die Bücher vom Regal, und in einer Großaufnahme schaut die Kamera zu, wie sich die Füße der Nachbarin Bai (Zhang Ziyi) unruhig übereinander schieben, solange das Stöhnen im Nachbarzimmer anhält.

Vielleicht griff die romantisch aufgeladene Sicht auf „In the Mood for Love“ ohnehin zu kurz. Immerhin schlossen Su Li Zhen und Chow die Hoteltür mit der Nummer 2046 hinter sich zu, ohne dass die Kamera ihnen nicht mehr so ostentativ wie damals, aber doch sichtbar gefolgt wäre. Wer weiß schon, was damals passierte?

Zudem war diese Geschichte einer Liebe, die sich die Erfüllung zu versagen schien, selbst nur der Schatten einer anderen Geschichte: Su Li Zhens und Chows Allianz bildete die sichtbare Rückseite der fast unsichtbaren, dafür umso leidenschaftlicheren Affäre ihrer Ehepartner. Vergleichbar damit, sind Chows Abenteuer nun wie Schatten seiner Liebe zu Su Li Zhen. Maggie Cheung ist in „2046“ dreimal kurz zu sehen: wie ein Phantom in ihrer eigenen Geschichte.

Nicht nur Figuren und Motive aus „In The Mood for Love“ tauchen wieder auf, sondern auch solche aus „Days of Being Wild“ (1991). Carina Lau zum Beispiel spielte darin Lulu, eine junge Frau, deren Freund auf den Philippinen ermordet wurde. Nun ist sie wieder da, als erste Bewohnerin des Zimmers 2046 im Hotel Oriental. Chow zieht ins Nachbarzimmer 2047, nachdem Lulu ermordet worden ist; in ihr Zimmer wiederum zieht Bai, die spätere Geliebte Chows. Auf ähnliche Weise wechselten die Paarbildungen in „Days of Being Wild“. Zudem erklingt in „2046“ die Variation eines Instrumentalstückes aus dem frühen Film. Und hielt sich die Kamera darin gerne an Wanduhren auf, so bleibt sie im neuen Film an Armbanduhren hängen.

Dass die Zeit verstreicht, ist ein Leitmotiv bei Wong Kar-Wai. Dabei treten lineare und zyklische Zeit gegeneinander an. Die Chronologie, die Stunden, Jahre, Lebenszeit vertilgt, wird durch Wiederholung oder Rückblenden außer Kraft gesetzt.

In der Summe solcher Bezüge steckt ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis: Wenn etwa Maggie Cheungs Name aus „In the Mood for Love“, Su Li Zhen, in „2046“ an die von Gong Li verkörperte Spielerin übergeht, dann verrät das viel über eine fiktive Welt, die eben keine psychologisch nachvollziehbaren Figuren braucht, sondern etwas anderes: gleitende Figuren und gleitende Vorstellungen von Zeit und Raum. Dieses Kino schert sich nicht um Realismus und Plausibilität, es erschafft Formen und Bilder für die Nichtidentität. Hierin erreicht Wong eine Virtuosität, die ihresgleichen sucht. Allein die Musikauswahl – sie umfasst Rumba, Cha-Cha-Cha, Arien von Bellini sowie die Kompositionen von Shigeru Umebayashi und Peer Raben – umspielt und strukturiert auf raffinierte Weise das Geschehen. Die Kamera von Christopher Doyle, Lai Yiu-Fai und Kwan Pun-Leung schafft hinreißende Bilder, indem sie die Begegnungen der Figuren in der Breite des Cinemascope arrangiert, die Konturen der Gesichter mit Licht umflort oder mit Hilfe von Spiegeln aus einem Zwiegespräch eine Dreieranordnung gewinnt. Dank dieses Reichtums gelingt „2046“ etwas Besonderes: Die nichtlineare Erzählung und ihre Figuren, die gleitenden Räume erschöpfen sich niemals im postmodernen Gemeinplatz, sondern erhalten eine betörende Stofflichkeit.