Debatte Frauenquote

Mama hat heute ein Meeting

Die Grünen haben gute Erfahrungen mit der Quote gemacht. Sie trägt auch dazu bei, die Arbeitswelt familienfreundlicher zu gestalten.von CLAUDIA ROTH / CEM ÖZDEMIR

Mit Kindergärten, die bis 13 Uhr geöffnet sind, und Schulen, die Kinder vor dem Mittagessen nach Hause schicken, sind wir von Vereinbarkeit meilenweit entfernt.  Bild:  dpa

Bei ihnen dürften Frauen heute schon Projekte mitbetreuen und sogar ab und an mal an Führungskonferenzen teilnehmen, so Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank. Auch ohne Quote werde es mehr Frauen im Unternehmen geben, dann werde es auch "farbiger und schöner". Diese Äußerungen zeigen, welch muffige Luft in vielen Vorstandsetagen dieser Republik noch weht, wenn es um das Thema Frauen geht. Es ist sicher kein Zufall, dass solche Äußerungen ein Vorstandsvorsitzender macht, in dessen Vorstand die Frauenquote exakt null beträgt.

Frauen sind in deutschen Führungsetagen immer noch eine Rarität. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Karriere, überholte Rollenmuster und Denkweisen bei Vorgesetzten und Kollegen, die sogenannten old boys' networks, alltäglicher Sexismus und nicht zuletzt männlich dominierte Arbeits- und Betriebsstrukturen: Das alles zusammen macht die "gläserne Decke" so undurchdringbar und trägt dazu bei, dass Aufstiegsversprechen für viele Frauen uneingelöst bleiben.

Deutschland hinkt hier in Europa hinterher. Norwegen hat es vorgemacht, Frankreich, Spanien und die Niederlande auch. Selbst die Europäische Union fordert wirksamere Maßnahmen ein und droht mit Konsequenzen: Längst ist klar, dass es verbindliche Vorgaben für mehr Frauen in Führungspositionen, in Vorständen und Aufsichtsräten braucht. Anders wird das nichts.

Das hat sogar Arbeitsministerin von der Leyen halbwegs verstanden. Aber Bundeskanzlerin Merkel und ihre Familienministerin sind vor allem damit beschäftigt, eine Quote zu verhindern. Mit ihrem Basta gegen die Quote ist die Kanzlerin der maladen FDP in den Schoß gesprungen und hat zaghaften Modernisierungsversuchen einen Riegel vorgeschoben.

Wie falsch das gegen die Quote gestellte Freiheitsmantra der FDP ist, wenn es seiner Bedingungen beraubt ist, veranschaulicht diese selbst am besten mit gerade einmal einem Fünftel Frauenanteil in ihrer Bundestagsfraktion.

Stattdessen wird jetzt unverbindliche Schaumschlägerei geboten. Die Kanzlerin trifft sich mit führenden Wirtschaftsvertretern, um über familienbewusste Arbeitszeiten zu sprechen. Merkel macht auf fernsehtaugliche Symbolpolitik, statt für eine Quote zu sorgen, die endlich mehr klugen Frauen die Tür zu Top-Positionen öffnet.

In unserer Partei feiern wir dieses Jahr 25 Jahre Quote. Auch wir dachten einmal, es könnte anders gehen. Für viele unserer Gründungsmitglieder war die "Befreiung der Frau", wie es damals noch hieß, ein zentrales gesellschaftliches Anliegen. Bereits unsere Satzung enthielt den Passus: "Wahllisten und Gremien sollten immer mit Frauen und Männern besetzt sein." Aber auch wir haben lernen müssen, dass Freiwilligkeit ihre Grenzen hat. Auch bei uns haben sich die Männer gerne vorgedrängelt und oft innerparteilich brutaler durchgesetzt. 1986 wurde deshalb eine strenge Mindestquotierung für alle Parteiämter, Gremien und Wahllisten als Muss-Bestimmung eingeführt. Das ist für manche Männer bei uns vermutlich bis heute eine bittere Pille. Aber die muss sein.

Der Erfolg gibt uns recht. Keine andere Partei kann in Sachen Frauenparität so große Erfolge vorweisen wie wir. Nur bei uns Grünen gibt es in Partei- und Fraktionsspitze auch jeweils eine Frau, sind die wichtigen Entscheidungsgremien paritätisch besetzt. Meist sind es nur wir Grünen, die in Talkshows, Spitzenrunden und Kommissionen eine Frau entsenden. Ganz einfach, weil wir viele gute Frauen haben, die - oft mithilfe der Quote - die Chance bekommen haben, sich zu beweisen.

Die Quote bricht überholte Strukturen auf. Sie trägt dazu bei, dass Vorbilder für Jüngere entstehen und Frauen in den Chefetagen zur selbstverständlichen Normalität werden. Aber klar ist: Sie löst nicht alle Probleme und ist auch kein Selbstläufer. Zentral für die Wirksamkeit einer Quote ist gerade die Vereinbarkeitsfrage: Mit Kindergärten, die gerade einmal bis 13 Uhr geöffnet sind, und Schulen, die Kinder vor dem Mittagessen nach Hause schicken, sind wir davon noch meilenweit entfernt. Schulstrukturen, die Nachhilfe von Mama für den schulischen Erfolg voraussetzen, wirken hier doppelt kontraproduktiv, da zusätzlich überkommene Rollenvorbilder wiederbelebt werden. Nötig sind flächendeckend Kindergärten und Schulen für den ganzen Tag, die über eine hohe Qualität verfügen. Aber wir brauchen auch neue und flexiblere Arbeitszeiten für die Beschäftigten, die Frauen und Männern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur eben so ermöglichen - wir müssen dazu aktiv Angebote machen. Vorschläge gibt es: Sitzungen müssen nicht in die Abendstunden verlegt werden, ständige Anwesenheit ist kein Garant für gute Arbeit, neue Arbeitszeitmodelle können neue Potenziale freisetzen.

Nicht nur die Zunahme von Burnout-Symptomen zeigt, dass Männer wie Frauen hier an ihre Grenzen kommen. Deshalb fordern wir Flexibilität in der Arbeitszeit, von Sabbaticals bis zu zeitlich befristeten Halbtagsjobs, ohne dass dadurch Aufstiegschancen und berufliche Entwicklung leiden. Von solchen Verbesserungen profitieren genauso Männer, die sich dann auch weniger auf eine vermeintliche durch die Realitäten erzwungene Notwendigkeit einer Rollenverteilung bei Broterwerb und Betreuung der Kinder herausreden können.

Mit der Forderung nach einer gesetzlichen Frauenquote wollen wir nichts anderes, als eine familienfreundlichere Arbeitswelt, eine gerechtere Verteilung von Aufgaben und Chancen in unserer Gesellschaft durchzusetzen. Die Entscheidung gegen die Frauenquote ist nicht nur aus demokratischen Prinzipien falsch, sie ist es auch aus wirtschaftlichen Gründen. Schließlich sind Frauen häufig besser qualifiziert als ihre männlichen Kollegen. Es ist widersinnig, dass die Wirtschaft über drohenden Fachkräftemangel klagt, aber das ungenutzte Potenzial von Frauen nicht ausschöpft. Zugleich verweigert die Bundesregierung sich aber auch einer moderneren Einwanderungspolitik. Wie war das noch mal mit der Dagegen-Partei?

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