Senderschnarchen

Der Hessische Rundfunk wickelt zunehmend interessante Personen und Programme wie Michi Herl und seine „Late Lounge“ ab

Auch am Frankfurter Dornbusch geht in diesen Tagen ein Jahr zu Ende. Es ist ein reichlich turbulentes geworden. Eines, das für einige Mitarbeiter des dort ansässigen Hessischen Rundfunks (HR), erst recht aber für einige Programmformate schon ein paar Monate früher beendet war. Zuletzt traf es Michi Herl, sperriger Spaßgesellschaftsantipode im Nachtprogramm „Late Lounge“, dessen ohnehin zum 31. Dezember auslaufender Vertrag im November fristlos gekündigt wurde.

Herl hatte den HR in der Frankfurter Lokalausgabe der Bild als „Schnarchsender“ umschrieben. Worauf es ihm Intendant Dr. Helmut Reitze und Fernsehdirektor Dr. Hans-Werner Conrad nicht mehr „zumuten wollten, bei einem Schnarchsender zu arbeiten“. Ungefähr so ist es in einer Erklärung zu lesen, die der Sender seitdem an protestierende Herl-Fans verschickt. Und Herl-, beziehungsweise „Late Lounge“-Fans gibt es einige im Sendegebiet einer Rundfunkanstalt, die lange Zeit kaum über starke Marken im eigenen Programm-Portofolio verfügt hatte, die auch außerhalb der hessischen Landesgrenzen zu leuchten vermochten. Eine Marke, wie sie eben die „Late Lounge“ bei leidlich passablen Mitternachtsquoten mit den Jahren geworden war. Eines der so rar gewordenen telemedialen Experimentierfelder. Gleichsam Archäologie von vergrabenen Fernsehschätzen – der vor vier Jahren in der Programmnische „Late Lounge“ auferstandene Zeichentrickantiheld „Herr Rossi“ etwa darf inzwischen sogar vor der „Tagesschau“ für die Glücksspirale werben. Und früher Vertreter einer nihilistischen Doku-Realness – die Idee, Studiogäste beim Einparken zu filmen, hat sich Sarah Kuttner etwa bei der „Late Lounge“ geliehen. Kurz gesagt: Die ziemlich Lo-Fi und verdammt kostengünstig im Keller des Hessischen Runfunks produzierte „Late Lounge“ war eigenwilliges, eigenständiges Format.

Vielleicht auch deshalb wird mit dem Jahreswechsel zwar das Programm, nicht aber die Marke „Late Lounge“ beerdigt. Erhalten bleibt der bis dato werktäglichen Sendung einzig das montägliche Talk-Format „club“, der vielleicht beste, aber auch konventionellste „Late Lounge“-Ableger. „Zwei Menschen reden im Fernsehen“, wie es Moderator Robero Cappelluti umschreibt. Zwei Menschen immerhin, die neben Cappelluti selbst auch mal Jörg Thadeusz oder Gert Scobel heißen. Denn auch das war die „Late Lounge“: Teil einer (pop-)kulturellen, cleveren Fernsehboheme, aus der heraus nun einige in den Mainstream drängen. Und plötzlich, siehe Jörg Thadeusz, neben Ulla Kock am Brink auf dem Sofa sitzen. Donnerstagabends im RBB, dem anderen kleinen Sender mit den ganz ähnlichen Problemen. Die Kohle und die Quoten.

Aber bleiben wir beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main. Dort hatten Cappelluti und sein Redaktionsteam gerade erst eine weitere, feine und einmal mehr etatschonende Sendung zusammengebastelt. „Straßenstars“, ein unaufgeregtes Quizformat, wie geschaffen für das regionale Selbstverständnis eines dritten Programms jenseits von Heimattümelei: Drei Menschen auf der Straße beantworten Roberto Cappelluti allerlei Fragen. Etwas berühmtere Menschen in einem retroschicken Fernsehstudio – Susanne Fröhlich zum Beispiel oder Carsten van Ryssen – müssen dann diese Antworten jenen „Straßenstars“ zuordnen. Beim HR hat man die augenscheinlich ungeliebte Show inzwischen auf die freitägliche Geisterstunde verschoben. Beim MDR hat man die Sendung hingegen eingekauft. Künftig wird Cappelluti seine „Straßenstars“ also auch in Leipzig und Dessau suchen – und vielleicht nicht mehr in Darmstadt oder Kassel. Der MDR, so viel zur Wertschätzung aber auch zum dort prognostizierten Potenzial des Formats, schickt die „Straßenstars“ ab dem 24. Februar wöchentlich um 19.50 Uhr in den Fernsehabend.

Es wäre nicht das erste Mal, dass der Hessische Rundfunk gemeinsam mit den Formaten auch sein Publikum verliert. Sein im Juli nivelliertes – und etwa um das engagierte Musikformat „Schwarz-Weiß“ und die monothematische Wortsendung „Der Tag“ reduziertes – erstes Hörfunkprogramm verlor laut einer Meldung des Pressedienstes epd Medien seitdem ein knappes Viertel seiner Hörer. Der Marktanteil der Welle fiel von etwa 13 auf unter 10 Prozent. Keine guten Zahlen für einen Intendanten, der sich eigentlich als harter, aber eben auch erfolgreicher Sanierer etablieren wollte. Und der bei so vielen Ausschaltern nun vielleicht selbst umschalten muss.