Bildung attackiert Kultur

Das Theaterhaus Mitte ist eine einzigartige Plattform für die freie Szene. Jetzt macht eine Privatschul-Initiative den Künstlern das Gebäude streitig

VON ULRIKE STEGLICH

Die Spandauer Vorstadt in Mitte hat sich in wenigen Jahren vom einfachen Wohnviertel zur Nobeladresse entwickelt. Jetzt erreicht der Verdrängungsprozess offenbar eine neue Stufe: Eine Privatschul-Initiative – die „Berlin Metropolitan School“ – erhebt vehement Anspruch auf ein ehemaliges Schulgebäude am Koppenplatz. Doch das steht keineswegs leer: Seit 2000 wird es vom Theaterhaus Mitte genutzt, einer in Berlin einzigartigen Einrichtung, die der freien Theaterszene als kostengünstige Proben- und Produktionsstätte dient.

Bislang war das Theaterhaus eine kommunale Einrichtung, jetzt soll es allerdings in die freie Trägerschaft des Vereins Förderband e. V. überführt werden. Dabei legt eine Kooperationsvereinbarung zwischen Bezirk und Verein fest, dass die bezirkseigene Immobilie dem Verein zweckgebunden überlassen wird. Das wissen auch die Vertreter der „Berlin Metropolitan School“. Dennoch starteten sie eine Werbekampagne, die suggerierte, das Haus, das derzeit mit öffentlichen Mitteln saniert wird, stehe „bis auf ein paar Künstler und Bürogemeinschaften“ leer.

Dabei gibt es die „Berlin Metropolitan School“ bisher noch gar nicht, sondern lediglich einen Vorschulkurs in Prenzlauer Berg, wo 19 Kinder seit August 2004 betreut werden. Im Sommer 2005 soll der Grundschulbetrieb mit rund 100 Kindern starten, und dafür braucht die Initiative ein Gebäude. In Mitte stehen mehrere ehemalige Schulen leer, doch die von Bildungsstadträtin Dagmar Hänisch vorgeschlagenen Alternativstandorte hat die Eltern-Initiative abgelehnt. Überhaupt mangelt es nicht an Schulen im Quartier: Neben den kommunalen (davon drei Europa-Schulen) gibt es bereits drei Privatschulen im Stadtteil Mitte. Doch die Initiative hat Ehrgeizigeres vor: „Berlin Mitte braucht … ein hochwertiges Bildungsangebot für die internationale Klientel, die sich hier angesiedelt hat. … Die Berlin Metropolitan School mit einem neuartigen Profil im Bereich besonderer Begabungs- und Kreativitätsförderung reflektiert den ‚Internationalen Bürger‘, der zum speziellen Flair von Mitte gehört“, heißt es auf der Website.

Im Theaterhaus Mitte ist man empört über den – so Geschäftsführer Torsten Hochmuth – „dreisten wie massiven Verdrängungsversuch“ und wehrt sich seinerseits mit einer Kampagne: In kurzer Zeit wurden mehr als tausend Unterschriften für den Erhalt gesammelt, zu den Unterstützern gehören Schauspieler und Autoren ebenso wie Wissenschaftler, Landes- und Bundespolitiker. Auch Institutionen wie die Akademie der Künste, das DT oder die sophiensaele machen sich für das Theaterhaus stark. Eine weitere Fürsprecherin ist Stadträtin Dagmar Hänisch: „Das Theaterhaus Mitte wird auch künftig am Koppenplatz 12 seinen Sitz haben“, beteuert sie.

Die Betroffenenvertretung Spandauer Vorstadt, die jüngst den Konflikt diskutierte, möchte das Theaterhaus erhalten und die Schulinitiative unterstützen – bei der Suche nach anderen Räumen. Jochen Sandig, Theatermann und Anwohner, selbst Vater zweier Kinder, Mitglied der BV und Unterstützer des Theaterhauses, stört besonders der „Versuch, Bildung gegen Kultur auszuspielen. Eine eigentlich unterstützenswerte Initiative droht jede Sympathie zu verspielen, wenn sie nicht dorthin geht, wo Schulen frei sind“.

Heute (Sa.) probt das Theaterhaus öffentlich die Balkonszene aus „Romeo und Julia“ in winterlicher Atmosphäre: 19 Uhr und 19.30 Uhr, vor dem Deutschen Theater, Schumannstraße 13 a. Am Sonntag lädt das Theaterhaus, Koppenplatz 12, von 11 bis 16 Uhr zu einer Solidaritätslesung mit 30 Schriftstellern (u. a. Christoph Hein, Kathrin Röggla, Bert Papenfuß). Der Eintritt ist frei. www.theaterhaus-berlin-mitte.de www.berlinmetropolitan.de