„Ein Affront gegen Behinderte“

Die Landesbehindertenbeauftragte Regina Schmidt-Zadel kritisiert den Auftritt des Philosophen Singer an der Düsseldorfer Uni. Er hätte ausgeladen werden müssen

taz: In dieser Woche hielt Peter Singer eine Vorlesung über Tierrechte an der Düsseldorfer Uni. Was stört sie an seinem Auftritt? Schmidt-Zadel: Ich habe es erst gar nicht glauben wollen, seine Einladung ist ein Affront gegenüber behinderten Menschen. Singers Thesen sind seit Jahren in den Kreisen von behinderten Menschen berüchtigt. Noch vor einer Woche hat er in Heidelberg das Leben eines nicht behinderten Affen über das Leben eines behinderten Menschen gestellt.

Der Dekan des philosophischen Instituts, das Singer eingeladen hat, spricht von der Freiheit der Wissenschaft. Es müsse alles debattierbar sein.

Aber an diesem Abend wurde ja gar nicht debattiert, es gab keine Gegenrede nach seinem Auftritt. Singer konnte seine Thesen vertreten und niemand hat reagiert. Die Uni hätte behinderte Menschen, die sich wehren können, dazu holen müssen um mit ihm zu diskutieren.

Wo sind für sie die Grenzen einer Debatte?

Meiner Meinung nach verstößt Singer gegen das Grundgesetz. Dort steht, die Würde des Menschen ist unantastbar. Singer steht mit seinen Äußerungen außerhalb unserer Verfassung.

Wie soll die Uni mit seinen Thesen umgehen? Sie stehen jetzt einmal im Raum.

Sie darf ihn nicht einladen. Ich weiß nicht, wie sein Auftritt auf die Studierenden gewirkt hat. Ich würde dem nur zustimmen, wenn es wirklich eine Diskussion gibt, Rede und Gegenrede. Dieses Verständnis von Forschung, dass es kein Tabu geben darf, sehe ich vollkommen anders.

Wo beginnen die Tabus?

Die Grenzen beginnen dort, wo sie gegen die Menschenwürde verstoßen. Das Grundgesetz setzt moralische und ethische Grenzen, diese sollten auch für die Wissenschaft bindend sein. Wir haben ja im dritten Reich die unsägliche Diskussion über unwertes Leben hinter uns, das ist eine bitterböse Erfahrung. Deswegen halte ich es hier für besonders schlimm, wenn so etwas wieder aufkommt.

Vor ein paar Jahren waren die Proteste gegen Singer wesentlich größer. Sind seine Thesen mittlerweile akzeptiert?

Nein, sein Auftritt war nur nicht so bekannt. Sonst hätte es mit Sicherheit Proteste gegeben. Ich habe es erst aus der taz erfahren.

Glauben sie, Singer steht mit seinen Thesen alleine da? Immerhin hat er Anhänger an den Hochschulen.

Es gibt sicher Menschen, die eine ähnliche Meinung haben. Aber die äußern sie nicht öffentlich.

INTERVIEW: ANNIKA JOERES