Der Meister der Ausflüchte

STÜCKEMARKT THEATERTREFFEN Mut zur Gewöhnlichkeit: Nis-Momme Stockmann hat ihn. Er gehört zu den fünf jungen Dramatikern, deren Stücke beim Theatertreffen in einer szenischen Lesung vorgestellt werden

VON KATRIN BETTINA MÜLLER

Man könnte Nis-Momme Stockmann als erfolgsverwöhnten jungen Mann beschreiben. Gleich sein erstes Theaterstück brachte dem 28-Jährigen 2008 die Aufnahme in den Studiengang „Szenisches Schreiben“ an der Universität der Künste in Berlin und 2009 zwei Einladungen: Sowohl zum Stückemarkt des Theatertreffens in Berlin (szenische Lesung am 10. Mai) als auch zu dem in Heidelberg. Für sein zweites Drama, „Das blaue, blaue Meer“, interessiert sich bereits ein großes Stadttheater.

So gradlinig wie sein Weg als Dramatiker lief es sonst nicht immer für Nis-Momme Stockmann, der in Wyk auf Föhr zur Welt kam. Mit knapp 21, seine erste Tochter war schon geboren, begann er in Hamburg die Kultur Tibets zu studieren. Das Studium machte ihm zwar Spaß, schien aber doch nicht so vielversprechend, um eine Familie zu ernähren. In Flensburg, wo die Umgebung für Kinder besser war als in seinem Domizil in der Hamburger Hochhaussiedlung West Eidelstedt, lernte er Koch, bis ihn das hierarchische Betriebsklima zu sehr bedrückte. Im dänischen Odense schloss sich ein medienwissenschaftliches Studium an. Nach dem Abschluss 2007 fand Stockmann – inzwischen zweifacher Vater – den Markt mit jungen Medienwissenschaftlern überschwemmt. Dass er dann doch noch im Schreiben von Theatertexten ein Zuhause fand, erlebt er heute als großes Glück.

Zumal, wie der inzwischen in Berlin-Neukölln Wohnende sagt, das Studium an der UdK luxuriös eingerichtet ist. Nur zu siebt seien sie in seinem Studiengang. Was das Feuilleton wolle und was das Theater, werde viel besprochen, die Zusammenarbeit mit Schauspiel- und Regiestudenten sei gut, Kontakte zu Theatern und Verlage würden gepflegt. Umso mehr überraschen die Orte und Themen seiner Stücke. „Nicht im Extraordinären, nicht im medial Aufgebauschten und im Großen spielt sich das ab, was brennt und berührt, sondern im Gewöhnlichen“, analysiert er selbst, was seine Stücke starkmacht. Gerade, dass und mit wie einfachen Mitteln sie von „Allerweltskonflikten“ handeln, macht sie ungewöhnlich.

„Der Mann der die Welt aß“ erzählt von einem etwa 35-jährigen Sohn, der es nicht schafft, die Kurve zum Erwachsenwerden zu nehmen. Wie schwer es ihm fällt, Verantwortung zu übernehmen, zeigt sich in all den Ausreden, die er am Handy vorbringt. Weil er sich von allem überfordert fühlt, besteht er nur noch aus Ausweichmanövern. Das ist „kapitalistischer Alltag“, wie Stockmann sagt. Ob der jüngere Bruder, die Exfrau, ein Exkollege oder sein Vater dran sind, immer schafft der namenlose Sohn es, sich die Rolle des Beleidigten zu ergattern und die anderen mit ihren Problemen stehen zu lassen. Den größten blinden Fleck erzeugt er allerdings im Blick auf sich selbst und die Verleugnung der eigenen Probleme. Seine Welt verengt sich, weil er die Wahrnehmung der anderen verweigert. Bedrohlicher aber noch verengt sich die Welt seines Vaters, der beginnt, Dinge und Orte zu verwechseln, und Zuflucht im Kleiderschrank des Sohnes sucht. Das Herz krampft sich beim Lesen der Sätze zusammen, mit denen der Vater sich für seine Ausfälle vor dem Sohn zu entschuldigen versucht.

Es steckt viel Wissen über Feigheit und Ausflüchte in den Szenen, die sich großenteils am Handy abspielen. Schon diese Kommunikationsform ist ein Zeichen der ständigen Horizontverengung, unter der die Figuren leiden. Schlimmer noch trifft die Beschneidung des Ausschnitts von Welt, der die eigene Wirklichkeit ausmacht, Darko, Elle, Motte und Ulrike, junge Alkoholiker und junge Selbstmörder, aus Stockmanns Stück „Das blaue, blaue Meer“. Der Text besteht zumeist aus inneren Monologen und spielt im Plattenbau, da, wohin man, wie Stockmann sagt, „Menschen gezielt weggeräumt“ hat. Seit seiner Zeit in Eidelstedt beschäftigt ihn die Isolation, die dort auf den Bewohnern liegt. „Das passiert vor unserer Tür“, sagt er, auch wenn es sich weit weg anfühlt.

Stockmann hat keine Probleme, in sozialpolitischen und städtebaulichen Entscheidungen die Verantwortung für jenes Elend auszumachen, in das er mit sehr großer Empathie und zärtlicher Zugewandtheit noch zu der kaputtesten Figur einsteigt. Die Figuren selbst dagegen zerbrechen an der Schuldfrage, klagen zuletzt immer nur sich selbst an. Dass ihnen die Wut fehlt und ein angreifbarer Gegner, macht ihre Geschichte so besonders traurig.

Obwohl sie so sehr im Alltag wurzeln, sind Stockmanns Stücke von einem journalistischen oder dokumentarischen Blick weit entfernt. Die sprachlichen Formen stülpen das Innere der Figuren sehr deutlich nach außen. Zugleich sind die einzelnen Szenen rund gebaut. Er lernt das Handwerk des Dramatikers eben schnell. Und weil es ihm nicht an Selbstbewusstsein fehlt, wird man Nis-Momme Stockmann in der Theater- und Hörspielwelt noch öfter begegnen.