Ein Nachruf

Wissenschaft als Lust, zu lernen

Sein gesamtes wissenschaftliches Leben über war der in der letzten Woche im Alter von 68 Jahren verstorbene Historiker Hans-Josef Steinberg eingeschworener und eminenter Gegner von Denkweisen und Bestrebungen, die einen möglichst hohen Durchsatz von Studierenden in möglichst kurzer Zeit organisieren und zu diesem Zweck eine unkritische Häppchenwissenschaft zu konstituieren wollten, der Reflexion und Denken in Zusammenhängen schon deswegen ein Gräuel sind, weil sie Zeit benötigen. Sowohl in seinen Publikationen wie vor allem in seiner fast 30-jährigen Lehrtätigkeit an der Universität Bremen praktizierte Steinberg eine Wissenschaft, die, weil sie konkret ist, allgemeine Erkenntnisse vermittelt. Und die nicht nur die großen Täter, sondern die große Menge der Betroffenen in den Blick bekommt.

Die 1971 an der Bremer Universität eingerichtete Professur für „Geschichte und Theorie der Arbeiterbewegung“, der erste Lehrstuhl für dieses Gebiet in der Geschichte der Bundesrepublik übrigens, gestaltete Steinberg zu einer anerkannten Einrichtung in der akademischen Landschaft. Mit Begeisterung stürzte er sich in die Auseinandersetzung mit den Ideologien der damals hauptsächlich an den Universitäten sprießenden „proletarischen“ Kaderparteien, nicht mittels sozialdemokratischer Ideologien, sondern der Quellen und der immer wieder unnachsichtig gestellten Frage: Was bedeutet das für den Arbeiter, die kleine Frau, den kleinen Mann?

Dabei war Steinberg – dies ist möglicherweise damals wie heute das Ungewöhnlichste an einem Hochschullehrer – kein ätherischer, sondern ein lustvoller Wissenschaftler, wie es sich für einen ehemaligen Messdiener gehört. Seine Seminare über die Geschichte des politischen Witzes waren legendär, der widerspenstige Rheinländer hatte sichtlich Freude daran, Autoritäten und Statussymbole zu veralbern. Als ein Symposion zusammen mit dem späteren Umweltsenator und Steinberg-Examinanten Ralf Fücks in allgemeiner Fahruntüchtigkeit endete, orderte er eine Dienstkarosse der Fahrbereitschaft des Senats und gab uns als sowjetische Wissenschaftler aus, die zum Bahnhof mussten, was dann mit viel Gaspodin und Charatscho gegenüber dem livrierten Chauffeur inszeniert wurde.

Hanjo Steinberg wurde politisch bekämpft, wie es sich für eine „Rote Kaderschmiede“ gehörte: Zuerst von den Maoisten, die seine Wahl zum Rektor und Nachfolger des Gründungsrektors Thomas von der Vring 1974 als den Wechsel vom Taktiker zum Tünnes der Bourgeoisie brandmarkten. Das hinderte Steinberg nicht daran, gerade jene Maoisten, Spontaneisten und sonstigen prinzipiellen Gegner der Sozialdemokratie zu examinieren.

Bekämpft wurde er dann auch von den eigenen Leuten, die 1977 per Finanzerpressung die „Drittelparität“ kippten, den Kernbestandteil des Bremer Modells – und eben auch der Vorstellung von Wissenschaftsorganisation Steinbergs. Das war für Steinberg sofort Grund zurückzutreten – er wolle eben nicht unter Preisgabe seiner Überzeugung nur funktionieren.

Er blieb begeisterter und begeisternder Hochschullehrer, er nahm die meisten Staats- und Magisterprüfungen im Studiengang Geschichte ab und setzte sich stets intensiv mit seinen insgesamt rund 30 Doktoranden auseinander – beides über seine Pensionierung 1999 hinaus. Ein Hochschullehrer im besten, konkreten Sinn des Wortes und ein Sozialdemokrat, wie er besonders in der heutigen Sozialdemokratie kaum noch zu finden ist. Till Schelz-Brandenburg