Geschichten, die die Schule schrieb

Das deutsche Schulsystem funktioniert mit Abgrenzungen und Einordnungen. Was aber ist los, wenn man das einzige Arbeiterkind auf dem Gymnasium ist oder wenn die höhere Schule für die Eltern nicht infrage kommt? Drei Erinnerungen an die Schulzeit – zwei im Westen, eine in der DDR

Aus kleinen Verhältnissen

Nach dem Kindergarten sagten meine Eltern, nun würde aber der Ernst des Lebens beginnen. Da war’s grad 68. Der Ernst des Lebens bestand in erster Linie darin, dass ich allein zu Fuß in die Schule ging, und war ganz gut. Als kleiner Judoka durfte ich meine Kunststücke ein paarmal an anderen Kindern vor der Klasse aufführen. Ich ging jedenfalls gern in die Schule, nur der Wechsel der Klassenlehrerin nach der zweiten Klasse – auf eine nette, empathische junge Lehrerin folgte eine ältere und strengere – war nicht so gut.

Meine Schwester ging aufs Gymnasium. Ich sollte und wollte auch dahin. Während sie noch eine Prüfung ablegen musste, die darüber entschied, wie’s weiterging, gab es bei uns Empfehlungsschreiben, über die sich die Eltern aber auch hinwegsetzen konnten. Ich freute mich, dass ich ein Empfehlungsschreiben fürs Gymnasium bekommen hatte. Damals wurden die Schüler noch gedrittelt; ein Drittel blieb auf der Hauptschule, ein Drittel ging auf die Realschule und ein Drittel aufs Gymnasium.

Während die Realschule noch als praxisorientiert und realistisch galt, hatte die Hauptschule keinen guten Ruf. Die kloppten sich da öfter und hatten wohl auch früher Sex. Von der Sonderschule, die wir Doofschule nannten, gar nicht zu reden. Arbeitslosigkeit war aber noch kein Thema. Außerdem war ich ja Arbeiterkind. Die Eltern sagten, dass man sich gerade als Arbeiterkind besonders anstrengen müsse. Normalerweise komme man ja als Arbeiterkind auf die Hauptschule und liege den Eltern dann nicht mehr so lange auf der Tasche. Mein Opa zum Beispiel wäre gerne noch weiter zur Schule gegangen, doch seine Eltern hätten ihn nicht gelassen, meine Mutter wäre auch gerne länger zur Schule gegangen usw. usf.

Man war also seinen Eltern verpflichtet, dass man aufs Gymnasium gehen durfte. Das war ein Privileg, und die Eltern stellten sich vor, dass man mal Beamter werden würde. Die Kinder wurden vom Lehrer gefragt, welchen Beruf ihre Eltern hatten. Meine Schwester war stolz, dass sie die Einzige war, deren Vater Arbeiter war. Arbeiterkinder gab es auf dem Gymnasium kaum.

Von meinen ehemaligen Grundschulmitschülern, die auf die Haupt- oder Realschule kamen, habe ich dann kaum noch einen getroffen. Ein Schulwechsel ist ja so ähnlich wie ein Umzug, und man befreundet sich dann eben mit anderen. Nur auf den Dörfern waren die Kinder, die auf verschiedene Schulen gingen, vermischt. Und beim Fußball und auf den Ferienfahrten vom Jugendamt waren Gymnasiasten in der Minderzahl und später dann in der örtlichen Hippiekneipe, in deren Umfeld Jugendliche den Ton angaben, die eine andere Schule besucht hatten und schon Geld verdienten.

Einmal versuchte mich ein Funktionär des KBW zu agitieren. Alles, was er sagte, war Unsinn; ich ärgerte mich ja nicht einmal über die seiner Ansicht nach ausbeuterischen Bierpreise. Als er mich dann zu Hause besuchte und meine Eltern von seinen Idealen überzeugen wollte, scheiterte er kläglich. Zwar arbeitete er tatsächlich in einer Textilfabrik, aber meine Eltern spürten sofort, dass er nur ein verkleideter Arbeiter war, der in echt zuvor studiert hatte.

Tatsächlich privilegiert und in einer anderen Klasse (ohne dass man das so genannt hätte) fühlte man sich erst in der Uni und dann im Journalismus. Aber die wenigen, die wie man selber aus kleinen Verhältnissen kamen, erkannte man immer sofort. Denn die groben Unterschiede erkennt man nur von unten.

Eintritt in eine andere Welt

In der Grundschule waren noch alle Kinder meines Jahrgangs zusammen in einer Klasse. Der Rektor und „Oberlehrer“ hatte seine Lieblinge, das waren die Kinder des Doktors und des wohlhabenden Gastwirts. Die Handwerker- und Bauernkinder strafte er mit Gleichgültigkeit und Strenge, und die Kinder aus dem „Kalabrich“, der Armensiedlung des Dorfes, verhöhnte der Pädagoge gern vor der ganzen Klassengemeinschaft wegen ihrer zerrissenen Kleider.

Nach der vierten Klasse gab es für die Grundschüler noch einen selbst gestalteten „Bunten Abend“ im „Hirschsaal“, dann gingen die Zehnjährigen in Hauptschule, Realschule und Gymnasium getrennte Wege.

Vorher hatte es so genannte Empfehlungen von den Lehrern gegeben. Für das Gymnasium waren sowieso nur die Lehrer-, Doktoren-, Unternehmerkinder vorgesehen, bei mir und vielen anderen, die nur Einser und Zweier im Zeugnis hatten, hieß es Realschule, unter Umständen Gymnasium.

Für meine Eltern kam das Gymnasium aber nicht infrage. Sie waren Landwirte, hatten einen kleinen Hof, und es war nicht üblich, dass Landmädchen aufs Gymnasium geschickt werden. Eine Arbeit in einem Büro, mit geregeltem Feierabend ohne körperliche Anstrengung, ohne sich die Finger dreckig zu machen, das schien meinen Eltern eine absolut erstrebenswerte Zukunft für mich. Heute haben männliche Migrantenkinder in Deutschland die geringsten Bildungschancen, in den 60ern waren es die katholischen Landmädchen.

Ich fragte zu Hause nur kurz, warum das Gymnasium nicht infrage kam. Das wäre ja nix, die lange Fahrt in die Kreisstadt und das viele Lernen nachmittags, hieß es dann. „Lieber ein guter Hauptschüler als ein schlechter Realschüler“ und „Lieber ein guter Realschüler als ein schlechter Gymnasiast“, redete man den Nichtgymnasiasten ein. Es gab abschreckende Beispiele von eingebildeten Handwerkern, die ihre Kinder aufs Gymnasium schickten, und ein Jahr später mussten die dann runter auf die Realschule, das ganze Dorf lachte darüber. So eine Schande wollte man sich ersparen.

Ab der fünften Klasse fuhren die Haupt- und Realschüler mit dem Bus ins größere Nachbardorf, die Gymnasiasten in die Kreisstadt. Man sah sich jeden Tag im Bus, hatte aber bald mit den anderen Schulzweigen nicht mehr viel zu tun. Die Gymnasiasten schienen uns irgendwie stiller, vergeistigter, aber auch streberhaft-blöd zu sein, aber von den Hauptschülern setzten wir Realschüler uns auch ab.

Mit 16 hatte ich dann die mittlere Reife. Als Bildungsverliererin habe ich mich nicht gefühlt. Aber mit 18 zog ich vom Dorf in die Kreisstadt, fing eine Lehre als Buchhändlerin an und wohnte mit ungefähr 20 anderen Kleinstadt-Bohemiens in einem heruntergekommenen Fabrikgebäude. Ich war die Jüngste und gleichzeitig die Einzige, die regelmäßig arbeiten ging. Die anderen schliefen länger und überlegten tagsüber, was man so machen könnte. Vielleicht doch mal studieren … Sozialpädagogik in Konstanz, Soziologie in Mannheim oder Kunst auf Lehramt in Karlsruhe?

Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass das Abitur doch die Eintrittskarte in eine andere Welt war, in die ich so nicht mehr reinkam. Diese Erkenntnis und die Aussicht, mein Leben lang als Angestellte in einen Laden gesperrt zu sein, fraßen lange Zeit so an mir, dass ich schließlich beschloss, auf dem Abendgymnasium das Abitur nachzumachen.

Als interessierter Schüler in der DDR

Es war Margot Honeckers Idee gewesen, die Abiturzeit in der DDR von vier auf zwei Jahre zu verkürzen, bis dahin war man als Abiturient schon in der 9. Klasse an die Erweiterte Oberschule (EOS) delegiert worden. Danach erst wie bei mir ab der 11. Die Folge waren zwei Jahre länger an der Polytechnischen Oberschule (POS) mit größtenteils unmotivierten und zunehmend auch gewalttätigen Mitschülern, denen niemand etwas konnte, weil ihnen keine Arbeitslosigkeit drohte und weil für ihre schlechte Leistungen die Lehrer persönlich verantwortlich gemacht wurden. Begabung galt als bürgerlicher Mythos, Leistung war nur eine Frage der Pädagogik.

Zur EOS wurden pro Klasse nur ein bis zwei Schüler delegiert. In unserer Klasse wäre ein Durchschnitt von 1,1 noch keine Garantie gewesen. Meine Mutter hatte es sich aber in den Kopf gesetzt, mir das Glück zu bescheren, einmal im Leben Mitschüler zu haben, „die interessiert sind“. Solche Mitschüler fand man nur unter Abiturienten.

Meine Lehrerin war wiederum interessiert, potenzielle EOS-Kandidaten aus ihrer Klasse zu entfernen, um Platz zu schaffen für den notorischen Offiziersbewerber, der unabhängig vom Durchschnitt delegiert werden musste, für die Tochter vom Oberst der NVA und für das eine oder andere vom Staat überzeugte Mädchen, dessen Leistungen aber nicht ganz gereicht hätten, um sie mir vorzuziehen, obwohl ich kirchlich war. Die Lösung waren die wenigen Spezialschulen in jedem Bezirk, auf die man nach wie vor ab der 9. Klasse delegiert wurde. An die altsprachliche Schliemann-Schule hätte mich mein Direktor nicht gelassen, weil er nicht riskieren wollte, „dass Ihr Sohn Pfarrer wird“, wie er meiner Mutter erklärte. Also blieb die Spezialschule mathematisch-naturwissenschaftlicher Richtung „Heinrich Hertz“ am Frankfurter Tor.

Das bedeutete eine Stunde Anfahrt jeden Morgen und acht Stunden Matheunterricht in der Woche. Dafür hatten sie schon 1985 ein Computerkabinett, mehr brauchte ich nicht zu wissen. Bei der schriftlichen Prüfung verstand ich schon die meisten Fragen nicht. Bis dahin hatte ich für die Schule nie etwas getan, deshalb war ich es nicht gewohnt, nachzudenken. Wenn einem kein Stein auf den Kopf gefallen war, hatte man mit dem Stoff keine Probleme, eher mit der Langeweile. Leichter war das Aufnahmegespräch, auch wenn ich dazu zu spät kam. Ich wusste schon, was ich gefragt würde: ob ich bereit sei, mich für drei Jahre Armee zu verpflichten, und ob ich an der vormilitärischen Ausbildung teilnehmen würde. Wenn man Letzteres verweigerte, musste man in der Zeit mit den Mädchen die Zivilverteidigungsausbildung machen, das war mir dann doch zu peinlich. Aber drei Jahre zur Armee zu gehen hatte ich nicht vor.

Zum Glück hatte ich schon ein ausreichend zynisches Verhältnis zu meinem Opportunismus entwickelt und sagte: „Für so eine Entscheidung fühle ich mich noch zu jung. Aber ich würde es auch nicht ausschließen.“ Das reichte für den Moment. Es folgten vier Jahre mit den genialsten Außenseitern und Körperkläusen Berlins.

Unter denen waren leider nur wenige Mädchen, die musste man sich schon in der benachbarten Spezialschule musikalischer Ausrichtung anlachen. Aber ich hatte sowieso keine Zeit für solche Dinge, wir wurden mit Hausaufgaben zugedeckt, es gab keine Widerrede, wir waren schließlich freiwillig hier. Mein persönliches Ziel war, dem Staat in einem naturwissenschaftlicher Beruf so wertvoll zu werden, dass er nicht mehr fragte, wie wertvoll er für mich war. Dass ich für diese spätere Freiheit meine Jugend opfern musste, war mir mit 14 völlig bewusst.

Meine alten Mitschüler von der POS sah ich in den beiden folgenden Jahren in den Raucherecken unseres Wohngebiets verwahrlosen. Es war besser, ihnen aus dem Weg zu gehen.