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Slavoj Žižeks provokanteste These: Erweist sich der Multikulturalismus als Form von Rassismus?

Der Andere ist nicht multikulturell. Der Multikulturalismus funktioniert höchstens für uns – nicht für ihn

Es gibt zwei Arten des Umgangs mit dem Fremden. Beide befinden sich in einer ernsten Krise. Die eine beschrieb Ernst Lubitsch 1939 in „Ninotschka“: Drei sowjetrussische Genossen befinden sich in Paris, wo sie, korrumpiert durch Geld, Luxus, Hedonismus, ihre Mission im Auftrag der Weltrevolution vergessen. Um diese Abtrünnigen zurückzuholen, wird ihnen eine Kommissarin nachgeschickt, Greta Garbo, als Inbegriff revolutionärer Askese. Bloßer materieller Überfluss kann sie nicht korrumpieren – wo sie aber nicht widerstehen kann, das ist der höhere Genuss der Liebe, der letztlich auch ihre Askese besiegt.

Diese Kalte-Kriegs-Anordnung, die die Suprematie des westlichen Genießens behauptet, wurde letztlich erst durch die Al-Qaida-„Schläfer“ nachhaltig in Frage gestellt: indem diese nämlich widerstanden haben. Jahrelang haben die „Schläfer“ im Westen gelebt, ohne dass der westliche way of life sie korrumpiert hätte.

Der Gegenentwurf dazu, die andere Art des Umgangs mit Fremden, ist der Multikulturalismus. Dieser hat nun eine ebenso nachhaltige Infragestellung erfahren. Slavoj Žižek hat bereits vor sechs Jahren dessen kritische Beschreibung vorgelegt. Damals eine Provokation, liest sich das Buch seit dem Mord an Theo van Gogh wie eine Analyse des Status quo: „Ein Plädoyer für die Intoleranz“.

Multikulturalismus, so Žižek, das sei die Neutralisierung von realen Differenzen, die Verwandlung von politischen Positionen in unterschiedliche „Life-Styles“. Insofern sei der Multikulturalismus nicht so unschuldig, wie er sich gebe. Er sei vielmehr die Ideologie des globalen Kapitalismus. Diese postmoderne Identitätspolitik der ethnischen und sexuellen Partikularismen ist nicht das Refugium einer heimatlos gewordenen Linken, sie passe vielmehr perfekt zu einer entpolitisierten Idee von Gesellschaft, schrieb Žižek allen Hegemonietheoretikern ins Heft. „Post-Politik“ nannte er das.

Das Erstaunliche aus heutiger Perspektive ist seine Einsicht, die Abschaffung des politischen Antagonismus falle mit dessen „radikalem Gegenteil, mit den durch und durch kontingenten Ausbrüchen der Gewalt, in eins“. Da stutzt man, denn hier findet sich eine sechs Jahre alte Darstellung der jüngsten Entwicklungen. Diese postmodernen Formen der ethnischen Gewalt, irrationale und exzessive Grausamkeiten, sind „Repräsentanten des Ausschlusses (aus dem Symbolischen), die, wie wir seit Lacan wissen, im Realen zurückkehren“. Das Rätsel um diese prophetische Fähigkeit löst sich, wenn man versteht, dass diese Beschreibung für den Skinhead ebenso gilt wie für den islamistischen Attentäter.

Auch Žižeks provokanteste These entspricht mittlerweile unserer Erfahrung – wenn auch in umgekehrter Form: Der Multikulturalismus sei eine Form von Rassismus. Der multikulturalistische Respekt vor der Besonderheit des Anderen ist eigentlich die Behauptung der eigenen Überlegenheit, eine privilegierte universelle Position. Heute findet sich diese Erkenntnis in der Erfahrung wieder, dass es keine gleichwertige Beziehung, kein reziprokes Verhältnis ist. Der Andere ist nicht multikulturell. Der Multikulturalismus funktioniert höchstens für uns – nicht für ihn.

Auch die Erkenntnis, dass die verschiedenen Gruppen keinen gemeinsamen Boden haben, ist mittlerweile zu einer schockierenden Erfahrung geworden: Weder der Staat noch die Rechtsordnung noch die Öffentlichkeit bilden solch eine grundlegende Gemeinsamkeit. „Die einzige Verbindlichkeit zwischen diesen multiplen Gruppen“, so Žižek, „ist die Verbindlichkeit des Kapitals“ – und diese ist bekanntlich keine. Für Žižek folgt daraus, dass der Andere nur toleriert wird, „insoweit er nicht der reale Andere ist, sondern der aseptische Andere der vormodernen ökologischen Weisheit, der faszinierenden Riten und so fort – in dem Augenblick, wo man es mit dem realen Anderen zu tun bekommt (…) ist Schluss mit der Toleranz“.

An diesem Punkt des völligen Umschlagens befinden wir uns bekanntlich gerade. Wurde uns bisher von liberaler Seite der Multikulturalismus als einzig mögliche Haltung gegen den Fundamentalismus präsentiert, so schlägt das Pendel nun ebenso vehement in die Gegenrichtung aus: Der Multikulturalismus wird geradezu als Nährboden des Fundamentalismus dargestellt. Žižeks schockierende Forderung nach einer „Dosis Intoleranz“ ist also dabei, Wirklichkeit zu werden – jedoch nicht in seinem Sinne als Mehr an Politik, sondern als Mehr an Polizei. Damit beginnt das Konzept des Multikulturalismus aber wieder politisch zu werden. ISOLDE CHARIM

Isolde Charim und Robert Misik schreiben abwechselnd eine Theoriekolumne – jeden ersten Dienstag im Monat