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Molly und ihre Ukulele

Wie Molly Lewis loszog, um die Gene des schwulen Schriftstellers Stephen Fry für die Nachwelt zu retten. Ein modernes Märchen – natürlich mit einem Happy End.

Molly Lewis präsentiert ihren offenen Brief an Stephen Fry.  Bild: screenshot: youtube.de

BERLIN taz | Molly Lewis hat ein Lied geschrieben. Über sich und Stephen Fry. Der Song geht so: Einerseits weiß sie, dass Stephen Fry schwul ist, andererseits denkt sie, dass die Zukunft unserer Spezies besser wäre, wenn uns die Gene Stephen Frys erhalten blieben. Deswegen bietet sie ihm an, sein Kind auszutragen. Die Pointe wird in den ersten dreißig Sekunden erzählt, der Rest der Zeit dient der Ausschmückung.

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Man kann diese Geschichte als modernes Märchen erzählen. Es war einmal ein junges Mädchen, das hieß Molly Lewis. Molly Lewis hatte nichts außer einer Ukulele. Eines Tages hörte sie von Stephen Fry, der ein Prinz war dort draußen in der Welt, der schönste Prinz, der inmitten seines Schlosses schlief.

Das Schloss wurde bewacht von einem bösen, trägen, furchteinflößenden Drachen. Tag und Nacht dachte sie an Stephen Fry, bis sie eines Tages loszog, den Drachen zu besiegen und Stephen Fry zu erobern.

Molly Lewis, das ist der Prinz. Stephen Fry, das ist die Prinzessin. Der Drache, das ist die öffentliche Aufmerksamkeit. Das verwunschene Schloss, in dem die Prinzessin schläft, das ist Stephen Frys sexuelle Orientierung. Und das Schwert, das Molly braucht den Drachen zu besiegen, das ist die Ukulele.

 

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Bisher ist noch keine Kulturgeschichte des Internets erzählt worden als Siegeszug der Ukulele. Spätestens seit Tom Milsom weiß man, dass das Internet zwar unendlich groß ist, aber ein youtube-Video zu klein ist für eine Gitarre.

Das mag daran liegen, dass das Internet nicht nur einen Hang zur Verdeutlichung und also zur Beschimpfung hat, sondern vor allem einen Hang zur Verniedlichung. Pornographie und Katzenbilder, das ist die Leitdifferenz des Netzes.

Das Märchen von Molly und Steven funktioniert einerseits, weil es für jeden was hat: Da gibt es die Geschlechterrollenumkehrung, die den weiblichen Part plötzlich zum Prinzen macht. Dieses Gegenderte schmeichelt den Linksliberalen.

Und es gibt das Erlösungsversprechen aus dem (falsch untergeschobenem, aber häufig wiederholtem) Dilemma der Homosexuellen, dass sie nämlich keine Kinder bekommen können, und dass die Erlösung daraus komme im Körper einer Frau, die eigentlich ein Gefäß ist: solche Geschichten mögen Konservative ganz gern. Molly traut sich was, das gefällt den Emanzipierten, aber sie ist auch niedlich, das gefällt den weniger Emanzipierten.

Und außerdem funktioniert dieses Märchen, weil es funktioniert hat: denn tatsächlich hat sich Stephen Fry bezaubern lassen. Also flog Molly Lewis nach Boston zur Verleihung des „Annual Outstanding Lifetime Achievement Award in Cultural Humanism“ für Stephen Fry und performte für ihn, vor allem aber für das Publikum, ihren Song. Und alle waren glücklich. Ein märchenhaftes Ende.

 

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