Wenn das Filmteam heult

Wie man Stars rumbekommt: mit Knien auf dem Boden. Rudolph Thome über Hannelore Elsner, seinen neuen Film „Rot und Blau“, sieben Schwestern und die erste Liebe in einem rotblauen Pullover

Herr Thome, in Ihrem neuen Film „Rot und Blau“ spielt Hannelore Elsner die Hauptrolle. Sie hatten vorher noch nie mit ihr gedreht – warum jetzt? Und vor allem: Wie konnten Sie sie ohne Gage verpflichten?

Wir hatten uns im ganzen Leben niemals gesehen, bis wir uns vor drei Jahren bei einem Filmfestival in Rom trafen. Sie sagte sofort: „Gehst du heute Abend auf diesen Empfang?“ Ich habe „Ja“ gesagt und war ein bisschen überrascht. Wir haben uns dann gesehen, konnten aber nicht miteinander sprechen, weil wir zu weit voneinander entfernt saßen. Als das Abendessen vorbei war, bin ich zu ihr hin und habe mich neben sie auf den Boden gekniet, weil sonst kein Platz frei war. Eine der ersten Fragen, die sie mir gestellt hat, war: „Sag mal, wieso hast du mich nie gefragt, ob ich bei dir spiele?“ Da habe ich gesagt: „Na ja: du bist ein Star – ich kann dich nicht bezahlen“ – und da sagt sie: „Für dich würde ich umsonst spielen.“

Und jetzt spielt sie auch gleich noch in Ihrem nächsten Film – dem zweiten Teil einer Trilogie!

Ja! Und dieser Film, „Frau fährt, Mann schläft“, ist noch mal um eine Klasse besser als „Rot und Blau“. Ich habe natürlich am Anfang auch ein bisschen Angst gehabt vor Hannelore Elsner. Und dann war die gemeinsame Arbeit so gut, dass ich gesagt habe, ich muss unbedingt auch den zweiten Teil der Trilogie mit ihr drehen. Es war dann sehr viel schwieriger, sie davon zu überzeugen, als beim ersten Mal, aber ich habe ihr gesagt: „Guck mal, wir haben jetzt beide so gut zusammengearbeitet in ‚Rot und Blau‘, da muss es doch einen Sinn machen, dass wir uns erst jetzt kennen lernen! Sie hat's dann irgendwann geschluckt, und beim Drehen war sie unglaublich – das hat den Leuten den Atem verschlagen! Es gab eine Szene, da hat mein ganzes Filmteam geheult, und das sind alles abgebrühte Leute!

Jetzt machen Sie die ganze Trilogie mit ihr, auch den dritten Teil „Rauchzeichen“?

Ja, die Trilogie heißt „Zeitreisen“. „Rot und Blau“ war die Vergangenheit, „Frau fährt, Mann schläft“ ist die Gegenwart, und der dritte Film wird dann die Zukunft sein. Wobei „Zeitreisen“ natürlich nicht heißt, dass das irgendwie Science-Fiction-Filme wären, sondern einfach, dass die Zeit das zentrale Motiv ist.

In „Rot und Blau“ bricht die Vergangenheit sehr unvermittelt in die Gegenwart hinein – zuerst versucht die Protagonistin noch, sich ihrer mit einem großen Feuer zu entledigen …

Genau darum geht es: um die Verdrängung der Vergangenheit, die letztlich der Grund für ihr inneres Unwohlsein ist. Sie versucht, diesem Unwohlsein ein Ende zu machen, indem sie die Relikte aus der Vergangenheit verbrennt und denkt, dann ist es weg … Das tut man ja oft. Aber dann kommt es gerade erst recht.

Was natürlich eine Konstruktion ist!

Ja! Ich liebe eben diese fast schematischen Konstruktionen.

Aber obwohl die Vergangenheit im Vordergrund steht, spielt der Film nur in der Gegenwart, ohne eine einzige Rückblende.

Oh! Rückblenden mache ich nie! Aus Prinzip nicht. Ich drehe ja auch keine historischen Filme – Film ist Gegenwart für mich, und es muss immer in der Gegenwart spielen. Einen Science-Fiction-Film, das könnte ich mir noch vorstellen, aber einen historischen Film nie.

Hat das Erzählen aus der Gegenwart heraus Einfluss auf die Art und Weise, wie Sie erzählen?

Ja, eine Geschichte in der Gegenwart zu erzählen und da die Vergangenheit mit reinzunehmen, ist eine Sache, die ich sehr früh, als Kinogänger und Filmkritiker, kennen gelernt habe. Es gibt sieben Western von Budd Boetticher, alle mit Randolph Scott in der Hauptrolle. Die Filme fangen fast immer damit an, dass ein einsamer Reiter in eine fremde Stadt kommt; man sieht, wie ihn die Leute aufnehmen. Im Laufe der Zeit wird dann immer mehr aufgedeckt, warum er eigentlich unterwegs ist, und die ganze Vergangenheit wird in der Gegenwart miterzählt. Dieses Prinzip hat mich unglaublich beeindruckt.

Setzen Sie sich in „Rot und Blau“ auch mit Ihrer eigenen Vergangenheit auseinander?

Es gibt da durchaus Parallelen. Ich habe ja eine ähnliche Geschichte vor vier Jahren gemacht, „Paradiso“…

der sechzigste Geburtstag des Komponisten …

Das ist ja im Grunde die gleiche Geschichte. Der Vater, der seinen 60. Geburtstag feiert und dazu seinen Sohn einlädt, den er seit 30 Jahren nicht gesehen hat. Damals war es ein Sohn, und jetzt ist es eine Tochter. Das ist ein Thema, das mich, nun ja, offensichtlich bewegt.

In „Paradiso“ fällt die Gleichzeitigkeit verschiedener Epochen aus der Vergangenheit und der Gegenwart auf …

… ja, weil der Protagonist die verschiedenen Frauen aus seinen einzelnen Lebensperioden gleichzeitig wiedertrifft. Ich wollte da versuchen, das Porträt eines Künstlers zu erzählen, ohne Rückblenden, nur aus dem Verhalten der sieben Frauen heraus, die um ihn herum sind. Es ist überhaupt ein Traum von mir, mal einen Film zu drehen – na ja, nicht ganz ohne Männer, das wäre auch langweilig – aber darüber, wie Frauen sind, wenn sie allein sind. Das erfährt man als Mann ja nicht.

In „Rot und Blau“ sind die Frauen viel souveräner als die Männer …

Ich liebe halt souveräne Frauen. Auch das geht zurück auf meine allerersten Kinoerfahrungen. Ich liebe auch die Filme von Howard Hawks, und in allen seinen Filmen gibt es diese starken Frauen. Ich habe auch in meinem persönlichen Leben immer solche Frauen mehr gemocht als solche, die einfach getan haben, was ich gesagt habe.

Die Farben Rot und Blau – was bedeuten die für Ihren Film?

Das sind meine Lieblingsfarben. Ich könnte Ihnen jetzt eine Geschichte erzählen, ...

Bitte …

Als ich vierzehn Jahre alt war, starb meine Mutter, und kaum war sie tot, fing ich an, mich für Mädchen zu interessieren. Wir hatten oben in unserem Haus eine Frau mit sieben Töchtern, eine in jeder Altersklasse. In eine habe ich mich gleich verliebt, die trug einen rotblau gestreiften Pullover. Über all die Jahre habe ich das natürlich vergessen, aber die Farben Rot und Blau sind für mich immer etwas Besonderes geblieben. Jetzt habe ich einen ganzen Film darüber gemacht. Manchmal beim Drehen habe ich der Hannelore Elsner gesagt: „Pass auf, du spielst mich! Du bist meine Identifikationsfigur!“

Können Sie sich nach Filmen wie diesem, den Sie selbst geschrieben und produziert haben, noch vorstellen, Filme von anderen Autoren zu drehen?

Ja, natürlich. Sogar sehr. Aber ein Buch, das ich in Auftrag gegeben hatte, ist bei der Filmförderung gerade abgelehnt worden mit der Begründung, dass ich sowieso wisse, wie man so etwas finanziert.

Das funktioniert aber wohl vor allem deshalb, weil Sie so billige Filme machen!

Ich würde gerne einmal wieder einen Film machen wenigstens mit zwei oder drei Millionen Euro – aber ich krebse halt immer mit 400.000 Euro oder 450.000 Euro herum.

Hätten Sie denn andere Filme gemacht, wenn Sie mehr Geld gehabt hätten?

Das hat mit Geld nichts zu tun. Ich hätte sicherlich noch ein paar gemacht, die ich so nicht machen konnte, weil ich kein Geld dafür bekam – aber keine grundsätzlich anderen.