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Der Polarexpress

In diesem Film ruckelt es gewaltig. Das liegt an dem zunächst nostalgisch dampfenden, bald aber energisch Fahrt aufnehmenden Zug, der dem Film den Namen und der Handlung Struktur gibt. Das liegt aber auch an der Dramaturgie. Regisseur Robert Zemeckis scheint sich mehr Gedanken über das neue Verfahren gemacht zu haben, mit dem dieser Animationsfilm hergestellt wurde, als über die Handlung selbst. Was schade ist. So viel Aufwand! Und heraus kam etwas, das einem Besinnlichkeit mit dem Holzhammer einbläut.

Das Verfahren heißt Performance Capture und funktioniert so: An Tom Hanks werden Markierungen angebracht – 150 im Gesicht, weitere 60 sonst wo –, dann geht es ans Schauspielern auf einer leeren Bühne, die von Lichtrezeptoren umgeben ist. Die Signale werden digital bearbeitet. Natürlich funktioniert das auch bei anderen Schauspielern, aber offenbar bei Hanks besonders gut: Er gibt gleichzeitig den jungen Helden, dessen Vater, den Zugschaffner, einen geisterhaften Landstreicher und den Weihnachtsmann. Die Daten kann man in eine beliebige Umgebung versetzen – etwa in einen animierten Zug, der wie eine Achterbahn in die Tiefe schießt oder auf einer riesigen Eisfläche hin und her schlingert.

Das Verfahren gibt viel Stoff für die „The Making of“-Bonus-DVD her. Es sieht manchmal auch ziemlich klasse aus. Das ändert aber nichts daran, dass die Handlung rührselig bleibt. Erzählt wird die Geschichte vom wiedergefundenen Glauben. Am Anfang steigt ein achtjähriger Junge in den Zug. Am Ende steigt er am Nordpol wieder aus, um sich vom Weihnachtsmann selbst erläutern zu lassen, dass es ihn doch gibt. Zwischendurch gilt es, auf der Fahrt Freundschaften zu schließen und Abenteuer zu bestehen. Aber während sich die Episoden von Höhepunkt zu Höhepunkt hangeln, während sich Hell-Dunkel-, Laut-Leise-, Schnell-Langsam-Effekte abwechseln, bleibt das Zusammenspiel der kindlichen Figuren auf der Strecke. Am Schluss sind sie alle Freunde geworden, der junge Held, der arme Außenseiter und das energische dunkelhäutige Mädchen. Wie es dazu kam, scheint allerdings irgendwo zwischen Markierungen und Lichtrezeptoren verloren gegangen zu sein. Die Gefühlsproduktion wurde dafür gewaltsam angegangen. Und Spannung entsteht nur dadurch, dass es auf der Strecke dann und wann abwärts geht.

Sieht alles so aus, als hätten Zemeckis und Hanks das Motion-Capture-Verfahren vergangenes Jahr unterm Weihnachtsbaum gefunden und nun ausgelassen damit herumgespielt.

DIRK KNIPPHALS