Widerstand für ein freies Deutschland

Heute vor 60 Jahren wurde die Kölner Gruppe des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ von den Nationalsozialisten zerschlagen. Die von Kommunisten geführte Widerstandsgruppe forderte die Kölner mit Flugblättern zu Sabotage auf

Eine Gedenktafel am Haus Sülzgürtel 8 erinnert an die Kölner Widerstandsgruppe des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ (NKFD), die heute vor genau 60 Jahren von den Nazis zerschlagen wurde. Die Leitung des Komitees und insgesamt 59 Mitglieder, die an jenem 24. November 1944 im Haus Sülzgürtel 8 in Köln-Lindenthal tagte, wurden an diesem und den folgenden Tagen verhaftet und gefoltert, mehrere Mitglieder starben in der Gestapo-Haft.

„Kämpft mit uns für den Frieden. Für die Freiheit. Gegen die Nazis!“

Im Februar 1994 beschloss die Bezirksvertretung auf Vorschlag des SPD-Ortsvereins Lindenthal die Anbringung der Tafel. Der damalige Besitzer des Hauses verhinderte die Befestigung am Haus. Deshalb wurde sie 1995 auf dem Gehweg vor dem Haus eingelassen. Der heutige Besitzer ließ die Tafel später auf eigene Kosten am Haus anbringen.

Gegründet worden war das NKFD Mitte Juli 1943 auf Initiative der sowjetischen Regierung von exilierten KPD-Führern und deutschen Kriegsgefangenen in Krasnogorsk bei Moskau. Ein eigens am Rande Moskaus gegründeter Rundfunksender sendete ab 20. Juli 1943 mehrmals täglich 20 Minuten und war in ganz Deutschland als Sender „Freies Deutschland“ zu hören.

Motiviert durch diese Sendungen wurden in einzelnen Städten des Reichs im Spätsommer und Herbst 1943 NKFD-Widerstandsgruppen gebildet. So auch in Köln. Diese Gruppe zählte im Herbst 1944 rund 200 Mitglieder. Sie war die am besten organisierte und größte Kölner Widerstandsorganisation der letzten Kriegsjahre. Gegründet wurde die Kölner NKFD-Gruppe von kommunistischen Funktionären, die schon im KZ und in Gestapohaft gesessen hatten. Geleitet wurde die Organisation von der Fünfergruppe Engelbert Brinker, Johannes Kerp, Otto Richter, Wilhelm Tollmann und Jakob Zorn, allesamt Kommunisten.

Doch mehr als die Hälfte der Mitglieder waren Nichtkommunisten. Dazu gehörten etwa der Arzt Jakob Ahles, der Bibelforscher Kurt Stahl aus Bensberg, die Sozialdemokraten Franz Bott und Max Neugebauer, der Regierungsinspektor Bosbach vom Kölner Arbeitsamt und der Direktor des Braunkohlesyndikats Becker, der Mitglied der NSDAP war. Betriebszellen gab es unter anderem bei den Humboldtwerken in Deutz und dem Carlswerk (Felten & Guilleaume) in Mülheim und auf dem Güterbahnhof Gremberghoven. Einzelne Verbindungen gab es zu den Fordwerken, zu Mercedes sowie der Kölner Baumwollbleicherei.

Der ehemaliger Widerstandskämpfer Ferdi Hülser erinnert sich, wie er angeworben wurde: „Es war Willi Schumacher, der mich angesprochen hat. Das war ein fabelhafter Kerl. Der hat uns so richtig Mut eingeimpft. Jedenfalls hat der mir dann eines Tages gesagt: Wir gehen mal ein paar Schritte spazieren, ich muss mit dir reden. Dann hat er mich gefragt, ob ich bereit wäre, illegal mitzumachen, also zur direkten Widerstandsgruppe zu gehören. Und da habe ich gesagt: Ja, wenn schon, dann will ich aber auch kämpfen, ich will nicht so einfach hingerichtet werden, als einfaches Opfer. Darum habe ich dann die Funktion übernommen, für die Gruppe Waffen zu beschaffen und die Gruppe im Schießen auszubilden.“

Mit Flugblättern, Klebezetteln und Wurfmaterialien wurden die Kölner informiert. In einem Flugblatt hieß es: „Arbeiter und Soldaten: Keine Stunde für den Krieg. Geht nicht zur Front. Kämpft mit uns für den Frieden. Für die Freiheit. Für die Volksfront. Gegen die Nazis! Komitee der Volksfront.“ Andere Parolen lauteten: „Hitlers Tod – Frieden, Freiheit, Brot“ oder „Arbeite nicht für den Krieg – feiere krank, dann brauchst Du keine Granaten zu drehen“. Und: „Bring Deine Familie in Sicherheit“ oder „Wirf die Knarre hin“.

„Arbeiter und Soldaten: Keine Stunde für den Krieg. Geht nicht zur Front“

Es gab Flugblätter, mit denen die Kölner aufgefordert wurden, nicht zur Arbeit zu gehen, als Soldat von der Front zu desertieren, sich evakuieren zu lassen, die Kriegsproduktion zu sabotieren oder langsam zu arbeiten. Ab März 1944 benannte sich die Gruppe um in „Volkskomitee Freies Deutschland“. Sie hatte wechselnde Tagungsorte. Im Herbst 1944 hatte sie ihr Quartier am Sülzgürtel 8. Dort wurde sie verraten. Heinz Humbach, der vor kurzem verstorbene Kölner Widerstandskämpfer, erinnerte sich an die Zerschlagung des Komitees: „Alles flog auf, als ein Genosse unter schwerster Folter schließlich unsere Adresse preisgegeben hatte. An den Tag der Verhaftung, den 24. November 1944, erinnere ich mich noch gut. Ich war in den Keller gegangen, um Lebensmittel zu holen. Plötzlich hörte ich Geräusche: Schüsse, so schien es mir. Ich ging hinauf zur Wohnung in der ersten Etage, wo sich bewaffnete SA- und SS-Leute aufgebaut hatten. Vor der Tür stand ein Zivilist, der fragte mich: ‚Was ist denn da draußen los?‘ Aber als ich näher kam, hatte auch er eine Pistole in der Hand. „Hände hoch!“ befahl er und führte mich zu den anderen in die Küche. Mein Vater und ich wurden als erste aneinander gefesselt ins Polizeirevier in der Remigiusstraße gebracht.“

Die Verhafteten wurden grausam gefoltert. Engelbert Brinker und Otto Richter wurden ermordet, Johannes Kerp, Max Neugebauer und Karl Stahl starben in der Gestapohaft. Die Festgenommenen wurden zunächst in das Zuchthaus Siegburg verlegt und anschließend auf verschiedene Haftanstalten verteilt. Gegen insgesamt 72 Häftlinge verhängte der berüchtigte Volksgerichtshof Todesurteile. Die schon festgelegte Hinrichtung der Nationalkomitee-Mitglieder (12. April 1945) verhinderte der schnelle Vormarsch der US-Armee und die am 7. März erfolgte Befreiung des linksrheinischen Köln.