Die Straße ruft

Muslime demonstrieren für Toleranz. Und viele Politiker begleiten am Sonntag die Kölner Demo

Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) und sein nordrhein-westfälischer Amtskollege Fritz Behrens (SPD) haben ihre Teilnahme angekündigt, die grüne Parteichefin Claudia Roth und die Ausländerbeauftragte Marieluise Beck ebenfalls. Kölns CDU-Oberbürgermeister Fritz Schramma wird auch nicht fehlen. Und Lale Akgün, die Islambeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, will zusammen mit einer „guten Freundin“ kommen: Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer. Sie alle wollen dabei sein, wenn am Sonntag in Köln türkischstämmige Muslime unter dem Motto „Baris için teröre karsi elele! – Gemeinsam für Frieden und gegen Terror!“ demonstrieren wollen. Mit bis zu 30.000 Teilnehmern rechnet der Veranstalter, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (Ditib).

„Die Muslime können hier ein klares Signal gegen Hass und Gewalt setzen“, begründete Fritz Behrens gestern am Rande der Innenministerkonferenz in Lübeck seine Teilnahme, „viele Menschen warten darauf.“ Auch Akgün sprach von einem „wichtigen Signal“: „Nur wenn wir gemeinsam ein Zeichen setzen, wird auch die Solidarität untereinander wachsen“, sagte die Abgeordnete.

Obwohl Ditib mit ihren mittlerweile 867 angeschlossenen Moschee- und Kulturvereinen der größte Dachverband der Muslime in der Bundesrepublik ist, wurde der Verein bislang von der deutschen Mehrheitsgesellschaft kaum zur Kenntnis genommen. Das lag nicht zuletzt daran, dass Ditib anders als der Islamrat und der Zentralrat der Muslime kein politisch-interventionistisches Islamverständnis besitzt. Der Staat solle sich nicht in religiöse Debatten einmischen und die religiösen Organisationen aus staatlichen Debatten heraushalten, so das Grundverständnis. Deswegen beteiligte sich Ditib beispielsweise auch nicht an der „Kopftuchdebatte“. Hierbei handele es sich um „keine religiöse, sondern eine politische“ Diskussion, so der Verbandsvorsitzende Ridvan Çakir. Es liege in der alleinigen Verantwortung des Staates, ob eine Lehrerin ein Kopftuch tragen darf oder nicht: „Wenn der Staat sagt, sie darf, dann darf sie. Wenn nicht, dann nicht.“

Während ihre laizistische Haltung Ditib eigentlich zu einem „natürlichen“ Ansprechpartner macht, zeigt sich gerade in der Person Çakirs auch das Problem des Verbandes: Seine Rede wird übersetzt werden müssen. Denn er spricht kein Deutsch – ebenso wenig wie der überwiegende Teil der 685 Imame, die in den Ditib-Moscheen predigen.

Auch wenn die 1984 auf Initiative der damaligen türkischen Militärdiktatur nach deutschem Recht gegründete Ditib ihre formale Unabhängigkeit ausdrücklich betont, so ist der Verband nicht nur in seiner „staatsislamischen“ Ausrichtung bis heute eng mit dem der türkischen Staat verbunden. So werden die Vorbeter vom staatlichen Amt für religiöse Angelegenheiten in der Türkei entsandt und kehren nach vier Jahren wieder zurück in die Türkei. Auch Ditib-Chef Çakir erhält als türkischer Botschaftsrat sein Geld aus Ankara. Die, laut Çakir, „eigentliche religiöse Vereinigung der Türken in Deutschland“ hat so immer noch vorrangig den Charakter einer türkischen Diasporaorganisation.

Mit der seit etwa zwei Monaten geplanten Großdemonstration reklamiert Ditib nun unübersehbar ihren Anspruch als Repräsentant der Muslime in der Bundesrepublik – und hat die beiden anderen, bislang stärker in der Öffentlichkeit stehenden muslimischen Dachverbände in die Defensive gedrängt. Ihnen wurde von Ditib nur die Alternative gelassen, sich der Demonstration ohne Einfluss auf den Ablauf anzuschließen – oder außen vor zu bleiben und sich dem Verdacht auszusetzen, nicht eindeutig gegen islamistischen Terror einzutreten. Von Anfang an machte Ditib deutlich, dass sie sich in die Demo-Organisation nicht hineinreden lassen werde. „Die Verantwortung tragen wir selbst“, so Çakir. So sollen auf der Demonstration, die in zwei Zügen vom Dom und von der Ditib-Zentrale in Ehrenfeld aus in die Kölner Innenstadt führen wird, außer den von Ditib vorbereiteten Plakaten und Spruchbändern keine Symbole oder Plakate von Verbänden zu sehen sein – nur deutsche, türkische und EU-Fahnen.

Während sich der Zentralrat der Muslime letztendlich zähneknirschend dazu durchgerungen hat, die Kundgebung „im Grundsatz“ zu unterstützen, ist der Islamrat nach anfänglichem Lavieren inzwischen deutlich auf Distanz gegangen. „Wir haben ja nicht einmal eine Einladung, sondern nur kommentarlos ein Flugblatt zugeschickt bekommen“, klagte der Islamratsvorsitzende Ali Kizilkaya. Auch er sei selbstverständlich gegen Terror, es gebe jedoch keinen Grund für seine Organisation, zu einer Demonstration unter der alleinigen Federführung von Ditib aufzurufen. Er jedenfalls werde am Sonntag „andere Termine“ wahrnehmen. Dem Islamrat, der wie Ditib seine Zentrale in Köln hat, gehört als größter Einzelverband die vom Verfassungsschutz beobachtete Islamische Gemeinschaft Milli Görüs an. Zu deren Mitgliedern zählt auch Kizilkaya. „Wir können überhaupt nicht verstehen, warum Ditib einen so großen Bogen um die islamischen Organisationen macht“, sagte der Ratsvorsitzende: „Alleingänge sind nicht hilfreich.“

Ditib schert die Kritik indes nicht sonderlich. „Alle, die sich vom Terror distanzieren“, seien herzlich zu der Demonstration eingeladen, so Çakir.