Morddrohungen und Verdächtigungen

Auch in Belgien hat der Mord an Filmemacher Theo van Gogh die Spannungen im Zusammenleben mit muslimischen Einwanderern verschärft. Zusätzlich angeheizt wird der Streit durch den alten Konflikt zwischen Wallonen und Flamen

AUS BRÜSSELDANIELA WEINGÄRTNER

Der Mord an Theo van Gogh hat auch im Nachbarland Belgien den Streit um den richtigen Weg in der Ausländerpolitik verschärft. Der Konflikt zwischen den Wallonen, die aus ihrer kolonialen Vergangenheit ein Bekenntnis zur multikulturellen Gesellschaft ableiten, und den auf Abschottung bedachten flämischen Wählern kompliziert die Auseinandersetzung zusätzlich. So beschuldigte der Vorsitzende der flämischen Christdemokraten im föderalen Parlament am Donnerstag seine Kollegen von der Wallonischen Sozialistischen Partei, die Islamisten mit Samthandschuhen anzufassen, um deren Wählerpotenzial für sich zu gewinnen.

Ein Unbekannter drohte mit einer „rituellen Hinrichtung“

Die aus einer marokkanischen Familie stammende Senatorin Mimount Bousakla, die in Antwerpen lebt, hält sich weiterhin versteckt. Sie wird rund um die Uhr bewacht und erhält bei ihren Auftritten in Brüssel im Senat zusätzlichen Polizeischutz. Vergangenen Samstag hatte ein Unbekannter ihr am Telefon eine „rituelle Hinrichtung“ angedroht. Der belgische Rundfunk berichtete gestern, dass ein aus Gent stammender zum Islam übergetretener Belgier verhaftet worden sei. Er habe gestanden, der Anrufer gewesen zu sein.

Schon zuvor hatte Mimount per E-Mail und Telefon Morddrohungen erhalten, nachdem sie ein härteres Vorgehen der belgischen Behörden gegen Zwangsehen gefordert hatte. Nach dem Mord an Theo van Gogh hatte sie den Zentralrat der Muslime in Belgien scharf angegriffen, da er die Tat nicht verurteilt hatte.

Bousakla wurde in Löwen an einer katholischen Mädchenschule erzogen, da ihre Eltern nicht wünschten, dass sie eine gemischte Klasse besucht. Einen Tag nach ihrem 18. Geburtstag verließ sie ihr Elternhaus, um einer Zwangsverheiratung zu entgehen. Durch ihr Tagebuch in der flämischen Tageszeitung De Morgen wurde sie in Belgien bekannt. Die Texte wurden unter dem Titel „Couscous mit Fritten“ als Buch veröffentlicht.

Inzwischen wurde bekannt, dass auch Justizministerin Laurette Onkelinx und der Bürgermeister von Molenbeek, Philippe Moureaux, sowie ein Politiker marokkanischer Abstammung Morddrohungen erhalten haben. Da alle drei der sozialistischen Partei angehören, tauchte in der linken französischsprachigen Presse sofort die Vermutung auf, Rechtsradikale könnten den Drohbrief gefälscht haben, um die Stimmung anzuheizen.

Beobachter befürchten, dass vor allem in Antwerpen die Situation eskalieren könnte. Dort hegt jeder dritte Wähler Sympathien für den rechtsradikalen Vlaams Belang. Der britische Sekretär eines Rabbiners, der in der Nacht zum Donnerstag beim Verlassen einer Synagoge in den Kopf geschossen worden war, ist inzwischen in einem Krankenhaus in Antwerpen gestorben. Vergangenen Juni war ein jüdischer Schüler von nordafrikanischen Jugendlichen schwer verletzt worden. 10 Prozent der Einwohner Antwerpens sind Muslime aus Nordafrika.