Die Insulaner von Bagdad

Bagdad war schon immer eine Stadt der langgezogenen hohen Mauern. Man fährt seit jeher ehrfürchtig an ihnen entlang und traut sich kaum zu ahnen, wie dahinter über das Schicksal des Landes und das der Vorbeifahrenden entschieden wird. Früher hatte sich Saddam Hussein hinter ihnen verborgen, heute hat sich Amerikas Besatzungsverwaltung dahinter verschanzt. Mit einem Unterschied: Für die neuen Herren des Landes sind Saddam Husseins Mauern nicht hoch genug. Sie haben rund um ihr Hauptquartier, den einstigen Republikpalast des Diktators, sicherheitshalber noch einen kilometerlangen zweiten Betonwall, einen so genannten Bomb Blaster gezogen, umgeben mit Stacheldraht und Schildern davor, mit der Aufschrift „Demonstrieren verboten“. Dann haben sie für den Komplex den wohlklingenden fast schon umweltfreundlichen Namen „Grüne Zone“ geschaffen. Im US-Militärjargon läuft das Ganze als „sensible Installation“.

Natürlich gibt es auch weniger sensible Installationen, in denen die Besatzungsverwalter gelegentlich Audienzen oder Pressekonferenzen geben. Das wichtigste dieser medienzugänglichen Gebäude, ebenfalls in der Grünen Zone gelegen, ist das Bagdader Kongresszentrum. Um nicht missverstanden zu werden: Auch diese Installation gleicht einer modernen Festung, umgeben von Betonmauern, Stacheldraht, Sandsäcken und Soldaten, die jeden Besucher dreimal nach den Personalien fragen und gründlich abtasten. An der Uniform des zweiten Abtastsoldaten baumelt ein phosphorisierendes Gummiskelett. „Das ist Jack“, stellt er sein Maskottchen vor. Der habe im Ramadan ein wenig zu viel gefastet, klärt er mich auf.

Es sind immerhin 13 Jahre vergangen, seit Saddam Hussein, kurz bevor er seinen Truppen den Einmarsch in den Kuwait befahl, bei einem arabischen Gipfeltreffen in den gleichen Hallen wütend einen Tisch mitsamt Kaffeegeschirr umwarf und ankündigte, den Krieg in die Schlafzimmer der Prinzen am Golf zu tragen. Und ganze sieben Monate ist es her, als sich das so genannte irakische Parlament dort zur letzten Sitzung traf, um in einer bizarren Veranstaltung alle Arten von Massenvernichtungswaffen im Irak zu verbieten.

Ein ausländischer Diplomat in Bagdad hat mich bereits gewarnt: Im „Palast“ und im Kongresszentrum residiere heute keine Gruppe erfahrener amerikanischer Berufsdiplomaten, sondern ein, wie er es nennt „amerikanischer neokonservativer Kindergarten“. Es seien, wie er es beschreibt, junge ehrgeizige Menschen, die das Pentagon aus den neokonservativen Think-Tanks der USA eingesammelt und für einen Einsatz im Irak eingestellt hätte.

Aber auf ihn war ich dann doch nicht gefasst. Nennen wir ihn einfach Mike, denn er redet gerne, um generell über amerikanische Erfolge im Irak zu informieren, möchte aber nicht, dass sein Name in der Zeitung genannt wird. Mike ist einer der Mitarbeiter der CPA, der Coalition Provisional Authority, wie sich die Besatzungsverwaltung nennt. „Koalition“, weil man zeigen möchte, dass man in der Welt nicht alleine dasteht, und „provisorisch“, um keinen langfristigen Kolonialeindruck zu erwecken. Nur am Wort Autorität kam man irgendwie nicht vorbei.

„Wir hofften auf den amerikanischen Traum. Nun haben wir Betonwände“

Mike hat sich auf der Sitzgruppe niedergelassen, auf der mir noch vor sieben Monaten eine Gruppe irakischer Parlamentarier ihre Lobeshymnen auf Saddam Hussein in den Block diktiert hatte. Nur fühlten die sich damals nicht ganz wohl, saßen ganz am Rand der Ledersessel, in der Hoffnung, das Maskeradenspiel und das Gespräch schnell hinter sich bringen zu können. Bei Mike ist das anders. Er hat sich zurückgelehnt, die Arme auf beiden Seiten der Rückenlehne des Sofas ausgestreckt, einen Fuß mit seinem blank polierten Schuh lässig auf den Oberschenkel des anderen Beines gelegt. Mike fühlt sich wohl, er glaubt fest an das, was er sagt. Sich selbst beschreibt er als „Teilnehmer an einer noblen Mission“. Und auch auf die Frage, warum seiner Meinung nach die Amerikaner auf ihrer noblen Mission im Irak so häufig unter Beschuss geraten, kontert er mit einem: Das seien die letzten Verzweifelten, die es einfach nicht ertragen könnten, wie gut es jetzt im Irak laufe. „Sie greifen unseren Erfolg an.“

Mikes Boss, der Chef der Zivilverwaltung, Paul Bremer, von allen in der CPA kurioserweise „Mister Botschafter“ genannt, reist regelmäßig nach Washington, wo inzwischen ernsthaft über einen Strategiewechsel in Sachen Irak nachgedacht wird. Aber Mike ist nicht weiter beunruhigt. „Es wird keinen Strategiewechsel geben, aber wir befinden uns in einem konstanten Prozess der taktischen Neubewertung der Lage“, sagt er. Einige von Mikes Landsleuten, vor allem jene, die draußen vor dem Palast die militärische Drecksarbeit leisten, fragen sich inzwischen ernsthaft, was sie da eigentlich im Irak machen. Kürzlich bekam ich einen Anruf von einem befreundeten Mitarbeiter einer unabhängigen Hilfsorganisation. Er erzählte die Geschichte eines US-Offiziers, der einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Ständig in Gefahr, erschossen zu werden, stellte er seine ganze Mission in Frage. Sein Vater war aus den USA angereist, um seinen Sohn nach Hause zu holen. Ich ließ mir dessen Telefonnummer in Bagdad geben, rief den Vater an und fragte, ob er mir die ganze Geschichte erzählen würde. Er hätte es gerne getan, aber er hatte Angst, seinem Sohn bei der Armee zu schaden.

Bei Mike gibt es keine Widersprüche, nicht einmal in seinem Lebenslauf. Über sein Alter möchte er nicht sprechen, aber er ist höchstens Anfang dreißig, hat an einer amerikanischen Eliteuniversität Recht studiert, bei der Bush-Wahlkampagne mitgemacht, ein wenig im Pentagon gearbeitet, und jetzt sitzt er seit drei Monaten hier, um die US-Politik an Journalisten zu verkaufen: „Unser Job ist es, irgendwann keinen Job mehr zu haben“, sagt er, oder: „Es gibt großartige Fortschritte bei der Irakisierung.“ Beispielsweise bei der Polizei laufe es gut, führt Mike aus. Die agiere inzwischen viel unabhängiger von der US-Armee. Von direkter Kontrolle in den Polizeistationen durch die Militärpolizei sei man inzwischen zur „Beobachtungsphase“ übergegangen.

Vor kurzem hatte ich in einer Polizeistation in Bagdad ein Gespräch mit einem irakischen Polizeioffizier, als sein Kollege von der US-Militärpolizei hereingeplatzt kam und den Iraker nach draußen schickte wie ein Kind. Man müsse bei dem US-Kommandanten erst klären, ob es für den irakischen Polizeioffizier sicher sei, mit Journalisten zu sprechen. Ich frage mich, was sie mit den irakischen Polizisten gemacht haben, bevor sie mit Mikes neuer „Beobachtungsphase“ begonnen haben. Überhaupt, schwärmt der weiter, die gemeinsamen Patrouillen mit den Irakern seien großartig, um bei den amerikanischen Truppen „kulturelles Bewusstsein“ zu schärfen. Eigentlich wollte ich dazwischenfragen, ob das Ramadan-Skelett Jack und dessen liebenswerter Träger da draußen vor dem Tor auch gelegentlich mit den Irakern Patrouille fahren. Aber ich verkneife es mir.

Mike ist nämlich schon bei seinem nächsten Lieblingsthema, dem was die Iraker wirklich denken. Er leitet das mit dem Satz ein: „Die Iraker haben endlich ein Gefühl der Hoffnung für ihre Zukunft.“ Das Wort „Hoffnung“ hatte ich an diesem Tag schon einmal gehört, allerdings in einem anderen Zusammenhang. Noch am Morgen hatte ich ein Gespräch mit dem irakischen Soziologen Saadun Duleimi. Ein Iraker, der auf der Flucht vor Saddam viele Jahre im Exil gelebt hat und mit den Amerikanern zurückgekommen ist. „Die Iraker und ich selbst hatten die Hoffnung auf einen amerikanischen Traum in diesem Land. Stattdessen haben wir Betonwände und eine Arbeitslosigkeit von 85 Prozent bekommen“, erklärt er desillusioniert.

Doch Mike ist überhaupt nicht mehr zu bremsen. Nur bei der Frage, wie oft er eigentlich aus seinem Palast und seinem Kongresszentrum hinaus in die Wirklichkeit Bagdads fährt und mit Irakern spricht, kommt er kurz ins Schleudern. Es sei das erste Mal, dass er überhaupt im Nahen Osten sei, und die Fahrt vom Flughafen hierher sei etwas überwältigend gewesen, räumt er ein, um wieder schnell die Kurve zu kriegen, „so überwältigend, weil das Land unter Saddam Hussein so vernachlässigt war“.

Auch wenn Mike es nicht zugeben mag: Ausländische Diplomaten und Vertreter von Hilfsorganisationen, die mit den jungen US-Verwaltern im Palast regelmäßig zu tun haben, sagen alle übereinstimmend, dass diese nie aus ihrer amerikanischen Insel im Zentrum Bagdads herauskommen, und dass sie sich, wenn überhaupt, nur von einer kleinen ausgewählten Gruppe beraten lassen. Ihr Leben zu riskieren, überlassen sie lieber den Soldaten.

Mike arbeitet nach eigener Aussage jeden Tag 16 Stunden mitten in Bagdad, ohne die Stadt je zu Gesicht zu bekommen. Der ambitionierte junge Anwalt mit seiner Hoffnung auf einen gutsituierten Job im Pentagon oder im Weißen Haus lebt heute sozusagen in freiwilliger Installationshaft in Bagdad.