Befund: Korruption im Gesundheitswesen

Transparency International beziffert Verlust auf bis zu 20 Milliarden Euro. Ärzte und Industrie kritisieren Studie

BERLIN | taz ■ | Wenn die Korruption im Gesundheitswesen wirksam bekämpft würde, bräuchte die Politik keine Sparpakete zu schnüren. Dies erklärte gestern Anke Martiny von Transparency International (TI). „Es ist genug Geld im System“, sagte Martiny.

TI legte gestern eine „Schwachstellenanalyse“ zu Betrug und Korruption von Kassen, Ärzten, Apothekern, Wissenschaftlern, Pharmaindustrie und Versicherten vor. TI schätzt den Verlust, der dem deutschen Gesundheitswesen entsteht, auf 3 bis 10 Prozent, also bis zu 20 Milliarden Euro. Pharma- wie Ärzteverbände kritisierten prompt, dass TI willkürlich Zahlen aus den USA auf Deutschland übertrage. Die Organisation rechtfertigt sich damit, dass eine europäische Korruptionskonferenz im Oktober in London eine solche Übertragung für zulässig und für angemessen erklärt habe (www.ehfcc.com).

Das deutsche Gesundheitswesen, sagte Martiny, sei vor allem wegen des Föderalismus wenig gegen Korruption geschützt. Bei einem Bundes- und 16 Länderministerien, den vielen Kassenärztlichen Vereinigungen und 300 Krankenkassen „kann man sich ausrechnen, dass da nicht überall Genies sitzen“, so Martiny. Als „strukturell korruptionsanfällig“ bezeichnete der Pharmakologe und TI-Mitglied Peter Schönhöfer insbesondere den Pharmabereich. Die Pharmaindustrie vermarkte ihre Produkte, indem sie Ärzte und Wissenschaftler besteche und mit Lügen werbe: Von 100 Aussagen der Industrie im Werbematerial seien 7 wahr. „Marketing ist die größte Bedrohung für die therapeutische Versorgung.“