Schimmelalarm!

Unser Autor berichtet von der „Erstversorgung“ der geretteten Kölner Archivalien. Heute: Im Kampf gegen Staub und Sporen, und: Kleckern und Klotzen bei der Digitalisierung. Tag drei seines Protokolls

Horoskop von Mittwoch, 8. April, Kölner Stadt-Anzeiger: „Es dürfte Ihnen super gelingen, anderen Menschen klarzumachen, wo sie falsch liegen und wie sie es besser machen könnten.“

14 Uhr. Schichtbeginn: Schimmelalarm! Im Kölner Stadt-Anzeiger hat heute die Stadtarchivarin von Siegburg kritisiert, wie lax sie hier mit dem Arbeitsschutz umgehen: schlecht sitzende Atemmasken, schlechte Durchlüftung. Dabei können die Pilze auf dem Schriftgut Allergien und Krebs auslösen. „Eine Unverschämtheit“, sagt sie.

Die Kritik von der rechten Rheinseite sitzt. Ab sofort müssen wir die Schutzanzüge vor jeder Mahlzeit ausziehen, Trinkflaschen dürfen nicht mehr in die Halle mitgenommen werden, das Tragen des Mundschutzes wird auch in Bereichen ohne Pilzverdacht kontrolliert. „Das ist eine politische Entscheidung. Sieben Werktage lang wird eine Schimmelprüfung veranstaltet, dann sehen wir weiter“, erklärt der Archivar vom Dienst im roten T-Shirt. Er gibt zu erkennen, dass er das für überflüssig hält.

Vor meiner Abreise hatte mir Freund Christoph, Experte für Arbeitssicherheit, die Vorschriften eingeschärft. Schutzanzüge des Typs 5/6. Atemmasken der Stufe PPF2. Einweghandschuhe. Alles für „nicht gezielte Tätigkeiten im Umgang mit biologischen Arbeitsstoffen“ – vulgo: feuchte und verpilzte Papiere. Haben wir hier auch alles erhalten.

Nur ist die Stadt nicht von selbst darauf gekommen, fortlaufend die Staub- und Sporenbelastung zu messen. Hätte sie das getan, könnten wir uns die ganze Aufregung sparen. Wenigstens wird die heutige Aufregung künftig ein paar Dummies vor sich selbst schützen. Öfter haben Leute ganz ohne Mundschutz gearbeitet. Eine trug einen schicken dunkelblauen Stoffoverall, die langen roten Haare frei darüber. Leider verschwindet jetzt auch die farbige Funktionswäsche der Kölner unter den weißen Schutzanzügen.

14.15 Uhr. Ein neuer Arbeitsplatz. Im Obergeschoss der Halle stecken wir alle gereinigten und trockenen Archivalien zur Sicherheit in Wärmekammern und verpacken sie anschließend in Archivkartons. Aber was für ein Durcheinander! Felder mit Wannen voller Archivgut, dazwischen Paletten, fertig zum Abtransport, Transportwagen verstopfen die Durchfahrten. Ich plane ein paar Wege neu. Anfahrt der Wagen von hinten, Bereitstellungräume vorne, Lagerflächen dazwischen.

14.30 Uhr. 200 Wannen voller Archivalien kommen an. Schlage der Restauratorin vom Dienst die Platzierung vor, damit sie heute nicht stören und morgen schnell geleert werden können.

15.15 Uhr. Vier Arbeiter erledigen das. So was gefällt mir.

Eine freie Berichterstattung aus dem Kölner „Erstversorgungszentrum“ ist nicht möglich. Deshalb führte Dietmar Bartz, Freiwilliger vor Ort, ein Tagebuch. Im Jahr 1979 legte er die Laufbahnprüfung für den gehobenen Archivdienst ab. Nach seinem Berufswechsel war er zehn Jahre lang Redakteur der taz.

16 Uhr. Kaffeepause, Diskussion über die Digitalisierung. Nach dem Einsturz, als manche Chaoten behaupteten, alles sei vernichtet, bildete sich eine Initiative, um ein Digitales Stadtarchiv zu gründen. Sie forderte die Besitzer von Kopien kölnischer Archivalien auf, sie auf ihrer Website ins Internet zu stellen.

Nur – das ist Geklecker. Mehr als 10 Millionen Aufnahmen aus dem Stadtarchiv existieren auf Mikrofilm, darunter die nahezu gesamte Überlieferung vor 1815. Mehr als 6.000 Filme, um deren sichere Aufbewahrung im berühmten Barbarastollen im Schwarzwald in den letzten Wochen viel Aufhebens gemacht wurde. Völlig unnötig, die Filme jetzt dort herauszuholen: Ein kompletter Satz liegt in Köln an einem sicheren Ort. Die verschütteten Exemplare, die wir manchmal entstauben, sind nur Arbeitskopien davon.

Das sind doch Informationen, die auf eine städtische Webseite gehören! Die Kaffeetrinker haben das erst von mir erfahren. Ich muss mit den Ergebnissen meiner journalistischen Recherchen vorsichtig sein und sage ihnen, ich hätte es irgendwo gelesen. Bin für sie ein Verlagsangestellter, der für Kontakte zu Druckereien zuständig ist. Wer von den Helfern dies liest: Sorry für die ein oder andere Notlüge.

Kopien dieser Filme sind schnell gemacht. Ein Mikrofilmlesesaal könnte der erste Teil eines wieder in Betrieb gehenden Stadtarchivs sein. Die Aktivisten vom Digitalen Archiv sollten sich auf die Zeit konzentrieren, die zwar unspektakulär ist, auf die es jetzt aber wirklich ankommt: alles ab 1815.

18 Uhr. Heute sind wieder die Johanniter für unser Abendessen da. Gleich zwei Behälter Kaffee, kein Tee. Das Scheibenbrot noch abgepackt. Ein Nudelsalat mit so viel Mayonnaise, dass ihn die Hälfte von uns verschmäht. Die andere Hälfte stochert mit Plastiklöffeln darin rum, Kellen gibt’s nicht. Ist es so schwer, schmackhaftes Brot und einen Obst- oder Gemüsesalat zu besorgen, der den Ernährungsgewohnheiten des frühen dritten Jahrtausends entspricht? Alle Freiwilligen bleiben bescheiden und freundlich.

Der Johanniter-Einsatzleiter droht: Wenn weiterhin so viele Getränkeflaschen halb geleert oder gar nicht zurückkommen, werde künftig nur noch die Hälfte geliefert. Toll, das nach vier Stunden Schwitzbad im Schutzanzug zu hören. Die Stadt Köln bezahlt die Johanniter für das, was sie hier präsentieren. Welcher Rechnungshengst addiert wohl morgen, wie viel Pfandflaschen verschwunden sind?

Sagen wir es so: Anders als die katholischen Malteser halten die evangelischen Johanniter ihr Ideal von Sparsamkeit und Kargheit aktiv aufrecht. Insofern erhebe ich gegen die Trennung der beiden Orden im Jahr 1538 keine nachträglichen Einwände.

19 Uhr. Ein zerdrücktes Exemplar von Martin Walsers Roman Halbzeit. „Wir werfen nichts weg.“ Beim Abfegen von Steinchen wird auf dem Vorsatzblatt eine lange Widmung des Autors sichtbar. „Wir lesen nicht.“ Aber wir organisieren. Die neuen Wege in der Halle bewähren sich.

20 Uhr. Wieder Nassgutalarm, 50 Kartons. Von allen Stationen strömen weiße Gestalten an die Reinigungstische. Heute werden wir damit nicht mehr fertig, 15 Kartons bleiben liegen. Der Shuttlebus wartet nicht.

Nachricht von drinnen: Kater Felix droht Nierenversagen durch Dehydrierung, berichtet der Kölner Express.

Nachricht von draußen: Im Erdbebengebiet von L’Aquila jetzt 272 Tote. Im Staatsarchiv lägen die Urkunden unter Bergen von Schutt, meldet Il Tempo.