Der letzte Trotzki

Stalins Plan, den Erzfeind Leo Trotzki und dessen Familie auszulöschen, ging fast auf. Aber nur fast: In Mexiko-Stadt, Trotzkis letztem Zufluchtsort, pflegt sein Enkel das Gedenken an den Ermordeten bis heute

Jeden Morgen um halb acht fütterte Leo Trotzki seine Hühner. Dann kamen die Kaninchen dran. Die ausgeblichenen Fotos über den morschen Verschlägen zeigen den Mann mit dem legendären Ziegenbart in entspannter, nahezu versonnenener Haltung. Die körperliche Arbeit habe ihm gut getan, erinnert sich der Enkel. Ein gestrenger Großvater? Esteban Wolkow zögert. Gewiss, Arbeit und Disziplin seien ihm heilig gewesen, im Alltag wie in der Revolution. Doch das Glück nicht minder. „Natascha“, pflegte Leo Trotzki, nachdem er ein erstes Attentat im mexikanischen Exil überlebt hatte, seiner Frau Natalia allmorgendlich zuzurufen, „sie haben uns einen weiteren Tag geschenkt!“

Esteban Wolkow, ein hoch gewachsener Mann in Jeanshemd und Wolljacke, ist heute 78 Jahre alt. Die Bescheidenheit ist keine Pose, die Eleganz ohne alle Wichtigtuerei. „Ingeniero!“, wird er im Museo Casa Leon Trotzky begrüßt, eine Ecke des sonnendurchfluteten Gärtchens ist als Café überdacht. Von einem Bildschirm brabbelt eine bonbonbunte Telenovela, ein Rasensprenger nässt zischelnd das zerzauste Gras. Aus dem Grün ragt ein rotes Fähnchen, das sich sanft im Winde wiegt.

Hier war der Dreizehnjährige im August 1939 gelandet, als Bekannte den Waisen auf Geheiß des Großvaters vor Stalins Schergen in Sicherheit bringen sollten. Seine Mutter, Trotzkis Tochter Zinaida, hatte die Hetzjagd nicht länger ertragen und sich das Leben genommen; ihr Mann Platon war in sibirischer Verbannung gestorben. So erlebte „Sieva“, wie Leo Trotzki den Enkel nannte, das letzte Lebensjahr an der Seite des wohl prominentesten Asylanten des 20. Jahrhunderts.

Verlassen musste der Revolutionsstratege und Gründer der Roten Armee seine Heimat schon Ende der Zwanzigerjahre, als Folge des offenen Machtkampfs mit Stalin nach Lenins Tod 1924. Nach einer Odyssee durch die Türkei, Frankreich und Norwegen landete er mit seiner zweiten Frau Natalia im Januar 1937 im Hafen von Tampico.

Dass er dort von einem Sonderzug des mexikanischen Präsidenten Lazaro Cárdenas empfangen wurde, hatte Trotzki Diego Rivera zu verdanken. Auf Bitten US-amerikanischer Unterstützerkomitees war der Wandmaler zuvor bei Cárdenas um ein Visum vorstellig geworden. Denn die USA wollte den dissidenten Revolutionär – anders, als es die stalinistische Propaganda vom „Handlanger des Yankee-Imperialismus“ behauptete – keinesfalls im Land haben. Der Mexikaner hingegen, der später auch tausenden von spanischen und deutschen Antifaschisten die Einreise gewährte, ließ – trotz der schrillen Hetzkampagnen der Kommunistischen Partei – den gehetzten Russen ins Land.

Bis heute ist das Wohnviertel Trotzkis, das malerische Coyacán, von kopfsteingepflasterten Gassen, pittoresken Plazas und kolonialen Residenzen geprägt. Dort war in den Dreißigerjahren die mexikanische Boheme beheimatet, die noch ganz vom Geist der eigenen Revolution (1910–1917) erfüllt war. Untergebracht waren die Trotzkis zunächst im Elternhaus der Malerin Frida Kahlo – heute das berühmte „Blaue Haus“, an dem kein Mexiko-Reisender vorbeikann. Dort soll der 58-Jährige, wie jeder seit dem Film mit Salma Hayek als „Frida“ weiß, einer geheimen Liaision mit der charismatischen Ichkünstlerin gefrönt haben.

„Kann schon sein“, sagt Wolkow und zuckt die Schultern. Frida Kahlo habe ja „wie ein Strudel alles eingesogen, was um sie herum war – ssssit!“ Auch stört sich der Enkel nicht am Filmbild des Großvaters, der als lüsterner Greis gezeichnet wird, von ganovenartigen Leibwächtern umgeben, wiederzuerkennen nur an Bart, Brille und hohlen Phrasen. „Das ist Kino“, sagt er.

Die Fotos zeigen einen anderen, selten gesehenen Trotzki. Beim Angeln und beim Kanufahren, als stolzer Kakteensammler, bei Picknicks und auf Pyramiden. „Wir waren wie auf einem anderen Planeten“, sollte Natalia später notieren. Doch der Kulturbetrieb war tief gespalten; stalinistische Künstler wie David Alfaro Siqueiros, eine andere Ikone der mexikanischen Wandmalerei, hetzten gegen den „Verräter“. Der ideologisch unentschlossene Rivera geriet zwischen die Fronten, es kam zum Zerwürfnis. Im Frühjahr 1939 zogen Leo und Natalia wenige Blöcke weiter in das kleine, heruntergekommene und von hohen Mauern gesäumte Häuschen direkt unter der Stadtautobahn, das heute als – weltweit einziges – Trotzki-Museum Besuchern offen steht.

Während im „Blauen Haus“ die Frida-Kahlo-Folklore knallbunt, aber auch etwas steril aufpoliert ist, liegen hier die mehr als sechzig Jahre wie ein staubiger Schleier über den spartanisch eingerichteten Stuben. Im winzigen Badezimmer steht ein Wäschekorb neben der rostgefleckten Wanne, ein Bademantel hängt am Haken, ein Pyjama im Schrank. In einem der Arbeitszimmer wartet noch immer ein uraltes Diktiergerät, ein Globus steht auf dem Schreibtisch, daneben eine schmale Liege mit karierter Decke, für die alltägliche Siesta. Als letztes Manuskript liegt eine Stalin-Biografie auf dem Tisch. Eine kuriose Koinzidenz mit der Geliebten Frida Kahlo: Auch in die Staffelei der 1954 gestorbenen Malerin ist als letzte Skizze ein Porträt Stalins gespannt – Kahlo allerdings malte ihn als Helden, nicht als Tyrannen.

Im Schlafzimmer fällt der Blick auf die Einschusslöcher über dem Bett, kleine schwarze Krater in der Wand, unverputzt und kommentarlos. Mit zwanzig Mann waren sie angerückt in jener Mainacht des Jahres 1940, vorneweg der Maler Siqueiros, um den „Konterrevolutionär“ zu töten. Sie drangen in den Garten ein, schossen durch die Schlafzimmerfenster. Verletzt wurde nur der junge Esteban, eine verirrte Kugel hatte seinen Fuß gestreift. „Gar nicht wichtig“, winkt er ab. Danach wurde das Häuschen zur Festung, man baute Wachtürme, sicherte die Fenster und verkleidete die Türen mit Metall. Allerorten wurden Alarmanlagen installiert, die jedoch „vor allem von Tauben ausgelöst“ wurden.

Doch, das sei ein spannendes Leben für einen Dreizehnjährigen gewesen, mit Revolvern, Leibwächtern und „dieser Ahnung von Gefahr“ überall, sagt Wolkow. Trotz der Spannung lebte die Trotzki-Gemeinde, ein Dutzend junger Menschen aus aller Welt, die meisten aus den USA, „wie eine große Familie“.

Durch die Ritzen der Außenmauern dringt das Brummen des Autoverkehrs. Drinnen, im Gärtchen, scheint die Zeit viel langsamer voranzuschreiten. Verschnörkelte weiß lackierte Bänkchen laden zum Sitzen ein, bizarre Kakteen sind im Grün verstreut. Eine fleischige Agave lagert am Fuß des hellgrauen Granitquaders, in den Hammer und Sichel eingemeißelt sind und, in goldenen Lettern: „Trotzki“. Kein Hinweis auf Natalia, deren Asche hier ebenfalls vergraben ist. Die verwitterten Hühner- und Kaninchenställe zeugen vom genügsamen Leben der verschanzten Wahlfamilie.

Die Beschaulichkeit sollte ein jähes Ende finden. Ein junger Mann, mit der Schwester einer der Sekretäre liiert, stellt sich Mitte August im Hause Trotzki als Frank Jackson vor. Ein liebenswürdiger, dem Russen ergebener Journalist, der diesen um die Lektüre eines Artikels bittet. Am Nachmittag des 20. August 1940 klopft Jackson erneut an die Tür von Trotzkis Arbeitszimmer. Was folgt, ist Legende: Der Besucher zückt einen Eispickel und hackt ihn dem Sechzigjährigen tief in den Schädel.

„Schon von weitem sah ich, dass etwas nicht in Ordnung war“, erinnert sich Wolkow, der damals gerade von der Schule kam. Vor dem Haus standen jede Menge Autos und Uniformierte, alle fuchtelten durcheinander. Die Beklemmung wuchs. „Ich ging durch den Garten und sah noch, wie sie Jackson abführten.“ Dieser hieß mit wahrem Namen Ramón Mercador del Río und stand in den Diensten des sowjetischen Geheimdienstes. Den blutenden Großvater sieht der Junge nicht mehr. „Lasst Sieva nicht herein“, habe Trotzki seinem Sekretär noch zugeflüstert, bevor er ins Krankenhaus gebracht wurde und dort wenig später starb.

Lauter verkehrte Welten: Trotz der stalinistischen Stimmungsmache wohnten eine Viertelmillion Menschen dem Beerdigungszug bei. Nach zwanzig Jahren Gefängnis wurde dem Attentäter in der Sowjetunion ein Orden wegen seiner „Verdienste um das Vaterland“ verliehen. Die Archive des russischen Revolutionärs werden „aus Sicherheitsgründen“ in die Bibliothek der Harvard-Universität geschafft.

Esteban bleibt mit seiner Großmutter allein im Haus, in einem Nebentrakt. Die Witwe stirbt 1961 in Paris. Der junge Wolkow studiert, heiratet und wird Vater; alle vier Töchter sind noch im Häuschen des Großvaters geboren. Erst in den Siebzigerjahren zieht die Familie um, kurz darauf wird das Anwesen unter Denkmalschutz gestellt. Stand das Privathaus interessierten Besuchern von jeher offen, so wurde es Anfang der Neunziger – mit Unterstützung der städtischen Kulturverwaltung – zum öffentlichen Museum ausgebaut.

Nach diversen Renovierungen steht die Trotzki-Residenz, zugleich Sitz des „Instituts für Asylrecht und Politische Freiheiten“, seit 2001 in lichterem Gewand wieder für Touristen und Trotzkisten aus aller Welt offen.

Ein „Mausoleum“ wolle man auf keinen Fall, sagt Museumsdirektor Carlos Ramírez, ein beleibter, jovialer Mann in dunklem Anzug. Lieber lebendigen, zeitgenössischen Geist in die düsteren Räume bringen. Neben der mit unprätentiösem Charme arrangierten Trotzki-Ausstellung und der Bibliothek mit fünftausend Büchern über verdrängte linke Geschichte gibt es hier Wechselausstellungen und Dichterlesungen.

Nein, von einer trotzkistischen Bewegung in Mexiko könne man kaum sprechen, sagt Ramírez und lächelt milde. Viele der existierenden Grüppchen hätten „noch immer nicht ganz verstanden, dass man Ideale nicht nur bewahren, sondern weiterentwickeln muss“. Ob Trotzki mit seinem Postulat der „permanenten Weltrevolution“ heute an der Spitze der globalisierungskritischen Bewegung stünde, wird bei den alljährlich stattfindenden Treffen am 20. August gelegentlich gefragt. Esteban Wolkow mag darüber nicht spekulieren. Für Russland jedenfalls habe sich die Prognose bestätigt, dass die stalinistische Terrorbürokratie den Sozialismus für lange Zeit diskreditiert und einem neuen, entfesselten Kapitalismus den Weg bereitet habe. „Die heutigen Mafia-Kapitalisten“, sagt Trotzkis Enkel, „stehen tief in der Schuld von Genosse Stalin.“

Doch Wolkow ist kein politischer Redner. Der studierte Chemiker hat sich zeitlebens von der Politik fern gehalten, auch die Töchter haben andere Berufe gewählt: eine ist Psychiaterin in den USA, eine andere Schriftstellerin, die beiden Zwillinge sind Aids-Spezialistin und Zivilingenieurin. Wolkow lacht, ein dröhnendes Gackern tief aus dem Bauch. „Naja, irgendeine graue Zelle ist da wohl hängen geblieben.“ Selbst auf seinem Gebiet der Hormonforschung habe er vom Geist des berühmtem Opas profitiert: allen fest gefügten Dogmen misstrauen, scheinbar unverrückbare Routineabläufe infrage stellen und immer nach neuen Möglichkeiten und Kombinationen forschen. „Auch bei chemischen Experimenten kommst du sonst keinen Deut weiter.“