Das schwarze Gold fließt noch nicht

Anschläge auf Pipelines und skeptische Nachbarn erschweren die Wiederaufnahme des irakischen Ölexports. Die Schlüsselindustrie für den Wiederaufbau des Landes steht vor enormen Schwierigkeiten. Noch ist keine Lösung in Sicht

Eine wichtige Gasleitung nahe der nordirakischen Stadt Kirkuk ist gestern zum Ziel eines Anschlags geworden. Die irakische North Oil Company spricht von Sabotage. Das Ziel war offensichtlich wohlbedacht ausgesucht, denn die brennende Gaspipeline wird eine Kettenreaktion auslösen. Sie versorgt ein Elektrizitätswerk in der Kleinstadt Baidschi, das wiederum Iraks größte Ölraffinerie in derselben Stadt mit Strom versorgt.

Es war nicht der erste Anschlag auf die nördlichen Pipelines. In der Hauptleitung von Kirkuk in das türkische Ceyhan fließt wegen der Sabotageakte bis heute kein Tropfen Öl. Damit ist der gesamte Export der nordirakischen Ölproduktion praktisch lahm gelegt. Denn selbst die Tanklastwagen, die in den letzten Monaten täglich zwischen dem Irak und der Türkei Öl und Benzin transportiert hatten, fahren nicht mehr, weil die Fahrer die Arbeit verweigern, nachdem 25 Lkws entweder gestohlen oder angezündet worden sind.

Laut Zahlen der US-Besatzungsverwaltung und des irakische Ölministerium liegt die irakische Förderung derzeit bei 1,6 Millionen Fass täglich, im Vergleich zu 2,2 Millionen in der Vorkriegszeit. Bis April soll die Förderung auf 2,8 Millionen und bis 2005 auf 3,5 Millionen Fass erhöht werden. Doch das derzeitige Nadelöhr ist nicht die Produktion, sondern der Export. Die einzige ernst zu nehmende Transportmöglichkeit läuft zurzeit über den südlichen Hafen von Umm Kasr. Dort wird ausschließlich das im Süden des Landes produzierte Öl verladen. Laut Plänen sollen im Süden bis Ende des Jahres 1,6 Millionen Fass gefördert werden. Damit wäre jedoch die oberste Ladekapazität des Hafens erreicht.

So ist das irakische Ölministerium auf verzweifelter Suche nach alternativen Transportmöglichkeiten. Neben der geschlossenen Türkei-Pipeline gibt es eine weitere Verladeplattform in Khor al-Amaya am Persischen Golf. Sie wurde im irakisch-iranischen Krieg schwer beschädigt und sollte Anfang des Jahres die Arbeit wieder aufnehmen. Doch die Plattform gilt als unsicher, solange sie nicht generalüberholt wird. Eine weitere Möglichkeit böte eine Pipeline an die syrische Mittelmeerküste, doch die wird von den USA aus politischen Erwägungen nicht in Betracht gezogen. Außerdem wurde eine der wichtigsten Pumpstationen im Frühjahr zerstört.

Die wirtschaftlich interessanteste Variante wäre die vom alten Regime gebaute Ipsa-Pipeline, die durch Saudi-Arabien an den Rotmeerhafen Yanbu führt. Doch die saudischen Behörden zieren sich aus Angst, das irakische Öl könnte die Weltmarktpreise verderben und die saudische Rolle als wichtigster Öllieferant des Westens könnte so untergraben werden. Obwohl der irakische Ölminister Bahr al-Ulum mit den Saudis in Verhandlungen steht, lautet die Antwort aus Riad „Nein“: Die Ölleitung sei zu rostig und in einem zu schlechten Zustand. Eine Ausrede, wie Ölexperten meinen. Die Pipeline sei gut gewartet.

Möglicherweise ist es nun ausgerechnet der Nachbar Iran, der den Irakern und den US-Besatzern aus der Klemme hilft. Außenminister Kamal Kharrasi hat angeboten, das irakische Öl in einem Swap-Abkommen über iranische Plattformen zu verladen. Der Iran könnte das Öl auf den heimischen Markt werfen und somit seine eigene Exportquote erhöhen.

Unterdessen haben sich die Ölpreise auf dem Weltmarkt, die nach dem Anschlag auf das irakische Ölministerium am Wochenende mit 33 Dollar pro Fass ein Rekordhoch seit dem Krieg im März erreicht hatten, wieder ein wenig erholt. Doch die Märkte sind auch wegen der Terroranschläge in Saudi-Arabien und der Türkei nervös, vor allem da der Verbrauch im bevorstehenden Winter ansteigen wird.

Dagegen sind die wirtschaftlichen Perspektiven für die am Wiederaufbau beteiligten US-Unternehmen ausgezeichnet. Die Halliburton Öl-Service-Firma vermeldete vor zwei Wochen eine 80-prozentige Steigerung ihres Umsatzes und die Vervierfachung ihres Profits, der zu Dreiviertel aus dem Irakgeschäft stammt. Die Firma hat nach dem Krieg ohne weitere Ausschreibung Aufträge im Wert von 1,3 Milliarden Dollar an Land gezogen. Einstiger Leiter des Unternehmens war übrigens fünf Jahre lang der heutige US-Vizepräsident Dick Cheney.