Die Umrisse der Globalisierung

Mit der nüchternen Plausibilität des Politthrillers: Jonathan Demme hat ein Remake von John Frankenheimers „The Manchurian Candidate“ gedreht

Die politische Verschwörung hat in „The Manchurian Candidate“ aus dem Jahr 1962 die hysterischen Dimensionen des Kalten Krieges. Subversion und Gegensubversion, Kommunismus und Antikommunismus lässt Regisseur John Frankenheimer in surrealen Montagen ineinander über- und aufgehen; der Staat ist im Innersten bedroht, die Familie, das Private ausgehöhlt, die diabolischste Rolle kommt einer Mutter zu: Sie opfert ihren Sohn fürs Vaterland, indem sie ihn zum ferngesteuerten Auftragskiller macht. „Great, who's playing the mother?“, soll John F. Kennedy gefragt haben, als man ihn über das Filmprojekt informierte. Noch keine reine Politfarce wie wenige Jahre später Stanley Kubricks „Dr. Strangelove“, war Frankenheimers Film ein Kind seiner Zeit und dieser zugleich voraus: Attentate auf Politiker sollten sich in den 60er-Jahren mehren, während der Höhepunkt der Kommunistenhetze unter Senator McCarthy zur Entstehungszeit des Films überschritten war. Für das Subgenre des Verschwörungsfilms setzte „The Manchurian Candidate“ die wesentlichen Topoi fest: der soziale Detektiv, der mit seiner Aufgabe, das Komplott aufzulösen, überfordert ist; die Paranoia, die seine Erkenntnislust antreibt; das Spiel aus Täuschungen, das kein Signifikanzzentrum besitzt, aber an anonymen Orten immer wieder aufblitzt.

Jonathan Demmes Remake ist sich des hohen Stellenwerts des Originals durchaus bewusst. Wohl auch deshalb tritt es ein wenig bescheidener auf: Es remodelliert das erzählerische Material, passt es an gegenwärtige Verhältnisse an und zähmt die exzessive Bildsprache Frankenheimers, um den Film dafür mit der nüchternen Plausibilität eines Politthrillers auszustatten. Sergeant Ben Marco (Denzel Washington in der Rolle, die einst Frank Sinatra spielte) träumt auch im neuen „Manchurian Candidate“ schlecht: Er hat im ersten Golfkrieg einen Platoon angeführt, der in einen Hinterhalt geriet, sich aber heldenhaft wehrte; nun ahnt er, dass an dieser Version etwas nicht stimmt. Unter besonderem Verdacht steht sein Kriegskumpel Raymond Shaw (Liev Schreiber), der sich gerade als moralischer Konsenskandidat der Demokraten bewirbt. Er tritt an, um die ideologische Kluft zu schließen, die Amerika momentan spaltet.

Demme hat mit Schreiber die Wahl schon gewonnen. Denn wie schon sein Vorgänger in dieser Rolle, Laurence Harvey, ist er mehr Projektionsfläche als Charakter: Auf TV-Monitoren wirkt er wie der Sonnyboy John Edwards, souverän und anschmiegsam, aber im wirklichen Leben steht er herum wie ein nutzloses Gefäß. Auch im Remake ist Shaw die Marionette seiner Mutter, die ihn gegen die Vorbehalte des Establishments als Vizepräsidentschaftskandidat durchzuboxen versucht: Meryl Streep verkörpert diese „evil mom“, die eigentlich eine Trope der 50er-Jahre ist, bravourös als wortgewaltige Machtfrau und spiegelt in ihr die Ängste wider, die Politikerinnen wie Hillary Clinton bei manchen Männern auszulösen pflegen.

Die politische Verschwörung hat in Demmes „The Manchurian Candidate“ jedoch weniger irrationale Aspekte als noch in Frankenheimers Version. Die Unterwanderung erfolgt nicht länger durch einen äußeren Feind, sie ist vielmehr Effekt der Verstrickungen der Politik mit spätkapitalistischen Konzernen: „The Manchurian Global“ heißt der Investmentfonds, der mit Shaw einen Vizepräsidenten an die Macht bringen will, der nur Firmeninteressen vertritt. Mit dieser Wendung schließt der Film an 70er-Verschwörungsthrillern wie „The Parallax View“ an, in denen es bereits keine radikale Politik, sondern die amorphen Umrisse der Globalisierung waren, die konspirativ gedeutet wurden. Erweitert wird dieser Komplott noch um ein diffuses Gefühl der Bedrohung, das unverkennbar ein Post-9/11-Syndrom ist. Ohne die Terrorgefahr direkt ins Bild zu setzen, kreiert Demme eine Atmosphäre des virtuellen Ausnahmezustands. Radiostimmen aus dem Off, Inserts von Zeitungsschlagzeilen, Laufzeilen in Fernsehnachrichten erzählen von einer medialen Kultur der Angst. Sie ist die andere Seite einer Kontrollgesellschaft, in der alles verdächtig ist und jeder überwacht werden muss. Ben Marco bleibt in diesem Dickicht falscher Informationen mit seinen Investigationen zwar nicht unbemerkt, aber ein einsamer Mann: Er ist ein Irrläufer im System; ein harmloser Virus, gegen den es schon das passende Programm gibt. Dass „The Manchurian Candidate“ am Parteitag der Demokraten seine Premiere erlebte, entbehrt so nachträglich nicht der Ironie: Ein Kandidat wie John Kerry hätte in dieser pessimistischen Fabel keine Chance gehabt.