Extreme Ruhe

AUS AMSTERDAM ULRIKE HERRMANN

In der feinen Herengracht von Amsterdam liegen auf einer Bank zwei kleine schäbige Rucksäcke. Das passt nicht ins Ambiente, eindeutig. Ein Marokkaner radelt vorbei, stutzt, stoppt, steigt ab, sieht sich um. Dann spricht er einen Mann an, der einen Meter weiter steht: „Sind das Ihre Rücksäcke?“ – „Yes“, stammelt der Mann. „Das ist gut, sonst hätte ich die Polizei gerufen“, sagt der Marokkaner und radelt weiter.

Alle Niederländer sind aufgefordert, auf Taschen mit Bomben zu achten. Bisher ist es aber ruhig in den Niederlanden nach dem Mord an Theo van Gogh. Erstaunlich ruhig, wie viele finden. Da erschießt ein Islamist einen bekannten Filmemacher – und der Einzige, der je offiziell von einem „Krieg“ spricht, ist der liberale Vizepremier Zalm. Es folgt eine kurze hitzige Debatte, dann zieht die Regierung dieses Wort als etwas unpassend zurück.

Dabei hatten wohl die meisten erwartet, dass es wieder so kommen würde wie im Mai 2002, als Pim Fortuyn erschossen wurde. Damals zogen Hooligans zum Regierungsgebäude in Den Haag und wollten das alte Schloss anzünden. Die versammelten Minister fürchteten um ihr Leben.

Doch diesmal „brannte die Stadt nicht“, wie die Zeitung Volkskrant am Samstag erleichtert als Schlagzeile festhielt. Seither brannten zwar dann doch noch drei Moscheen und eine Schule. Aber das ist nicht so ungewöhnlich in den Niederlanden. Die Moschee in Huizen, die es auch diesmal traf, wurde schon so oft beschädigt, dass die Gemeinde längst einen eigenen Wachdienst eingerichtet hat. Oder die muslimische Grundschule in Eindhoven, die am Montag von einer Bombe getroffen wurde: Schon bei der Einweihung 1989 gab es einen Brandanschlag. 2003 warfen dann drei Skinheads Benzinbomben durchs Fenster. Der letzte Brand wurde im Juni gelegt. Viele Muslime schicken ihre Kinder nicht mehr auf diese Schule, weil sie sich vor Anschlägen fürchten.

Vielleicht ist es auch so ruhig, weil sich alle, aber auch alle Muslimorganisationen sofort von dem Mord distanziert haben. „Das haben sie bei Pim Fortuyn auch gemacht“, wendet ein Freund ein. „Und was hat van Gogh damals gesagt? Dass sie sich damit nur ihre Staatszuschüsse sichern wollen.“

Vielleicht ist es auch einfach nur so, dass Theo van Gogh eben nicht wie Pim Fortuyn war. Er war kein Volksheld wie der „große Kahle“, der beste Aussichten hat, am 15. November im Fernsehfinale zum „größten Niederländer aller Zeiten“ gewählt zu werden. Selbst den Staatsgründer Willem van Oranje dürfte „Pimmetje“ hinter sich lassen. Von van Gogh hingegen kannten die meisten nur den Namen, sie waren noch nie in einem seiner Filme. Das Fassbinder-Phänomen.

Zudem verstand es van Gogh, sich überall Feinde zu machen. Für fast jede Zeitung hat er Kolumnen geschrieben und fast jede hat ihm gekündigt. Am Ende blieb ihm nur noch das Massenblatt Metro, das kostenlos an Bahnhöfen verteilt wird. Darin bezeichnete er die Marokkaner immer wieder gern als „Geitenneuker“ (Ziegenficker).

Aber van Gogh beleidigte nicht nur die Muslime, auch die Juden schonte er nicht. Am Tag nach seinem Tod erinnerte der Schriftsteller Remco Campert an eine andere Sottise von van Gogh: „Was stinkt es hier nach Caramel, sie verbrennen heute wohl die zuckerkranken Juden.“ Diese Zitate sind so befremdlich, dass der „Dorfnarr“, wie sich van Gogh selbst nannte, den meisten Niederländern fremd blieb.

„Nein“, sagt ein alter Mann, der quer durch die Stadt gereist ist, um sich den Tatort anzusehen. „Nein, van Gogh war kein Held der freien Meinungsäußerung.“ Trotzdem wolle er am Abend zu seiner Beerdigung gehen, als Zeichen. „Denn der Mord bedroht die Meinungsfreiheit in den Niederlanden.“

„In den 50ern waren wir die prüdeste Nation, dann die libertärste. Erst haben wir Probleme der Migration tabuisiert, dann übertrieben“

Theo van Gogh wurde in der Linnaeusstraat erschossen, im Osten der Innenstadt. Es ist ein gemischtes Viertel. Viele Migranten wohnen hier, auch viele Intellektuelle; zwischen schönen Backsteinhäusern drängt sich immer wieder sozialer Wohnungsbau.

Wer will, kann auf dem Radweg noch zwei Einschusslöcher entdecken von den Kugeln, die den Filmemacher getötet haben. Aber über den eigentlichen Tatort fahren schon wieder die Radlerkolonnen. Weil es so viel praktischer ist, hat man den Ort des Gedenkens ein wenig verrückt. Nun liegen die Blumen auf dem breiten Sicherheitsstreifen, der den Radweg von der Straße trennt.

Das Blumenmeer ist schon zwanzig Meter lang. Immer wieder mussten die Absperrungen ausgeweitet werden, damit all die Sträuße, Gedichte, Briefe, Kerzen, Vasen und Teddybären einen Platz finden. Und trotzdem liegen die Blumen noch übereinander, erdrücken sich fast gegenseitig.

Die Linnaeusstraat ist der einzige Ort in Amsterdam, an dem es nicht ruhig war in den vergangenen Tagen. Hier wurde fortwährend miteinander diskutiert, gegeneinander angeschrieben auf Briefen, Zetteln, Plakaten. Rundum stehen Anwohner und lesen konzentriert, was hinterlassen wurde.

„Alle Menschen sind gleich“, hat eine Hakima geschrieben, „es gibt Muslime, die sich falsch verhalten, und es gibt Niederländer, die sich falsch verhalten.“ Viele Briefe betonen diese Gemeinsamkeit: „Wir sind doch alle Theo van Goghs – kein Mord fürs Wort!“ Aber es liegen auch Texte dort, die Angst machen. „Ihr Schwärmer von der Minderheitenindustrie … habt ihr es endlich begriffen, dass die von euch so gepriesene multikulturelle Gesellschaft die größte nationale Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg ist?“ Oder es heißt einfach nur auf einem Schild: „Stoppt die Islamisierung der Niederlande!“

Zum Tatort kommen nicht nur „weiße“ Niederländer, sondern auch „schwarze“, wie Marokkaner oder Surinamesen oft genannt werden. Eine ältere Muslimin aus Surinam erregt sich: „Der Islam dient doch nur als Feindbild, seitdem die Russen keine Bedrohung mehr sind.“ Ihr schneeweißes Haar fliegt nach hinten. „Aber Sie leben hier, also müssen Sie sich anpassen“, antwortet ein älterer Herr, der zu den „Weißen“ gehört. „Genau“, antwortet die Surinamesin. Der ältere Herr wirkt ein wenig verwirrt. So viel Zustimmung hätte er nicht erwartet. Doch dann sagt sie noch: „Aber Sie müssen sich auch an uns anpassen!“ – „Wie soll das denn gehen?“, wehrt er sich. „In Amsterdam leben 160 Nationalitäten, an die alle kann ich mich doch gar nicht anpassen!“ – „Ihr behandelt uns wie eine Autobatterie. Wir sollen immer nur Energie einspeisen in eure Gesellschaft und der Rest ist euch egal.“

Ein weiterer älterer Herr schaltet sich ein. Er findet, dass es nun die Aufgabe der Muslime sei, die Islamisten in ihren Reihen aufzuspüren und anzuzeigen. „Das müssen die doch merken, wenn sich plötzlich jemand verändert und anfängt, religiös zu spinnen!“ So in etwa denkt es sich auch Justizminister Piet Hein Donner; in den Medien forderte er die wachsame Zivilgesellschaft, die ihre Gewalttäter selbst entdeckt.

„Völlig absurd“, kommentiert ein junger Marokkaner und blickt auf die Blumen. „Wir kennen die doch auch nicht!“ Ein Dossier des niederländischen Geheimdienstes AIVD gibt ihm Recht. Dort wurde längst festgestellt, dass sich die meisten gewaltbereiten Islamisten mit ihren Familien überworfen haben. Auch in ihre Heimatmoschee gehen sie nicht mehr. Mit diesen ganzen „angepassten“ Muslimen, die sich mit ihrer Rolle als „ewige Gastarbeiter abgefunden“ haben, wollen sie nichts zu tun haben. Eine Million Muslime leben in den Niederlanden; 50.000 davon sollen islamistisch sein – und 150 gewaltbereit.

„Extremisten gibt es doch überall, auch bei den Niederländern“, sagt der junge Marokkaner. „Aber die heißen dann nicht so. Der Mörder von Pim Fortuyn wurde nie Extremist oder Terrorist genannt, das macht man nur bei Mohammed B.“

Diese Debatten können auch etwas Tröstliches haben, findet Pieter Hilhorst. Er ist Kolumnist bei der Volkskrant, und wie viele Journalisten wohnt auch er in diesem Viertel, gleich um die Ecke vom Tatort. „Dass sich die Marokkaner dort hintrauen, das zeigt doch, dass sie keine Angst haben müssen.“

Die Ruhe nach dem Mord macht ihm Mut, dass die Niederländer endlich aufhören könnten, immer von einem Extrem ins andere zu schwanken. „In den 50er-Jahren waren wir die prüdeste Nation, in den 60ern die libertärste. Erst haben wir die Probleme der Migration tabuisiert, dann haben wir sie übertrieben und nur noch über die Muslime geredet.“

Aber was ist mit dem Abgeordneten Geert Wilders, der eine „rechte Partei“ gründen will und nach Umfragen schon mit 18 Parlamentssitzen rechnen könnte? „Solche Leute brauchen wir“, sagt Hilhorst unerschütterlich. „Wir brauchen einen Nachfolger für Pim Fortuyn. Er bedeutete die Emanzipation der weißen frustrierten Männer.“ Pause. „Aber wir brauchen eine vergleichbare Emanzipation für die frustrierten Immigranten, auch sie brauchen eine eigene Partei.“

Mit dieser Meinung scheint Hilhorst nicht allein. Das Modell heißt Belgien, genauer Flandern, das vielen Niederländern plötzlich wie ein Ort der Stabilität scheint, in dem die Identitätskonflikte gut aufgehoben sind zwischen dem „Vlaamse Block“ und der „Arabisch-Europäischen Liga“.

Unterdessen können einige Politiker nicht mehr zu Hause schlafen. Der besonnene Amsterdamer Stadtrat Ahmed Aboutaleb wird von den Islamisten ebenso bedroht wie eine Ayaan Hirsi Ali, die sich vom Islam losgesagt hat und nun diese „rückständige Religion“ bekämpft. Gleichzeitig wird van Goghs „Submission“ in den Niederlanden nicht mehr gezeigt – zumindest vorerst. Der Fernsehsender VPRO fürchtete Unruhen, die der islamkritische Kurzfilm auslösen könnte. Mit der gleichen Begründung sagte auch das Stedelijke Museum von Amsterdam eine Aufführung wieder ab. „Diese atmosphärische Angst bedroht die Meinungsfreiheit“, findet der bekannte Journalist Gerard van Westerloo. „Und dafür ist es viel zu ruhig in Amsterdam.“

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