Der große Unvollendete

Unerhört und konstruktiv: Das Total Music Meeting widmet Eric Dolphy, dem vor 40 Jahren in Berlin verstorbenen Jazz-Avantgardisten, einen Schwerpunkt. Sein Werk ist so verstreut wie einflussreich

VON DIEDRICH DIEDERICHSEN

Wenn Jazz kritische Theorie wäre, dann wäre Eric Dolphy der Walter Benjamin gewesen: Er ist der große Unvollendete, der zeit seines Lebens und vor allem danach für sein Potenzial fast noch berühmter wurde als für sein auch nicht gerade einflussarmes Werk. Aber fast hätte er alle Menschheitsfragen gelöst und alle Medientheorien überflüssig gemacht. Und die ganzen Sechzigerjahre. Wenn er nur ein wenig länger gelebt hätte. Aber so wie Benjamin auch zu Lebzeiten nicht mit dem „Passagenwerk“ zu Potte kam, so hat auch Dolphy nicht unbedingt als Leader mit Willen zur Macht und auf eigenen Platten das Referenzwerk der Epoche fertig hinterlassen, sondern eher als Mitglied vieler anderer Bands und Konstellationen Versprechungen gemacht. Versprechungen allerdings auf Jahrhundertformeln. Beide hatten nicht die große Lust auf den administrativ-bürokratischen Teil der großen Setzung.

Von Benjamin heißt es gern, er sei näher an den Phänomenen gewesen als die anderen kritischen Theoretiker, aber zugleich kühner in der Begriffsbildung, poetischer in seiner Prosa. Dolphys Soli waren unfassbarer als Coltranes, aber auch solider. Unerhört, aber konstruktiv. Die impressive Klammer war weder religiöse Entrückung, Intensität und Ekstase wie bei John Coltrane noch Leichtigkeit und überlegener Humor wie bei Ornette Coleman, sondern eine konstruktive Artistik: laszive Logik und wissenschaftlicher Witz. Vielleicht auch: Signifying!

Ein Talent jedenfalls, das am besten in Dialogen und Freundschaften gedieh. Dolphy pflegte lange und intensive Partnerschaften mit anderen vergessenen Genies: dem Trompeter Booker Little, den Saxofonisten Ken McIntyre und Booker Ervin; der noch von der HipHop-Generation verehrte Bassist Ron Carter entwickelte als Partner von Dolphy sein Cello zum Solo-Instrument, die Mingus-Pianisten Jaki Byard, ein Karl Valentin des Klaviers, und Mal Waldron, ein erzeleganter Rhythmiker, blühten in Partnerschaften mit Dolphy, der sich als Altsaxofonist, Bassklarinettist und Flötist ganz unterschiedlich inszenieren konnte, aber selten ganz allein sein wollte. Meine viertel- bis halbberühmten Lieblingsfiguren der ersten Jahrzehnthälfte hatten alle irgendwann mit ihm zu tun: Sonny Simmons, Bobby Hutcherson, Woody Shaw, Prince Lasha etc.

Dolphy war aber auch an den großen Umschwüngen im Übergang von den Fünfzigern zu den Sechzigern durchaus persönlich beteiligt. Er hat an vielen entscheidenden Platten der Großkopfeten mitgewirkt. Er war der einzige andere Solist, der ihnen Paroli bieten konnte, ohne selber Grandiosität performen zu müssen. Mit John Coltrane verbrachte er Monate auf Tour, und zwar als scharfes Gewürz neben dessen manchmal von zu viel spirituellem Wohlklang umwölkten Quartett. Ornette Coleman stand er in jenem Doppelquartett gegenüber, das das einer Epoche den Namen gebende Album „Free Jazz“ einspielte. Für Charles Mingus war er vor allem in seinem letzten Lebensjahr 1964 der ebenso kühne wie verlässliche Frontmann, der mit hagerer Gestalt an seiner eckigen Bassklarinette ausführte, darstellte und präsentierte, was der Bassist und Komponist nur aus dem Hintergrund beobachten und bestimmen konnte.

Wenn Dolphy sagte, er liebe „alle Musik“, war das kein Gesäusel, sondern sein künstlerisches Movens

Es gibt einen kurzen Film, den jemand gegen den Willen des Fotografen und Kameraleute hassenden Mingus während dieser Europatournee gedreht hat. Coole Momente während der „Meditation on Integration“: Mingus still zupfend mit einer kreisrunden Sonnenbrille, Dolphy mit einer zarten Querflöten-Passage wie die Verkörperung einer vorübergehend zur Zurückhaltung gezwungenen übersensiblen Hektik. Die Tonlagen und Temperaturen, die bei Jazz-Beschreibungen gern zu Hilfe gerufen werden, um musikalische Temperamente zu charakterisieren, bilden, auf Dolphy angewandt, unordentliche Gegensatz-Trauben: die beliebten Ausbrüche, Überblasungsspitzen stehen nicht in der Logik einer sich befreienden Expression, sondern werden erst im Widerspruch zum Plan der Musik wahr und zwingend. Doch gerade für den Plan und seine Transparenz tat Dolphy eine Menge. In unbestimmten Endlos-Improvisationen über Standardakkorde langweilt er sich hörbar – im Gegensatz zu anderen bedeutenden Jazz-Innovatoren. Bei hochfliegenden Plänen drehte er dagegen auf.

Dolphy hatte dabei nicht in der experimentellen Ecke der Jazz-Kultur angefangen. Seinen ersten Job landete er in der Band des Latin-Drummers Chico Hamilton. Hamilton ist ein guter Mann, lässt Dolphy relativ viel Freiheit und 1958 brilliert er auf Hamiltons ehrgeiziger „Ellington Suite“. Dolphy bleibt dem Latin Genre verbunden und spielt noch während seiner avanciertesten Phase nebenher im Latin Jazz Quintett mit. Zugleich umwerben das junge Genie die verschiedenen Establishments. Unter Leonard Bernstein spielt er in pädagogisch-didaktischen Orchestereinheiten. Die Paten des an einer Fusion von europäischer Moderne und neuem Jazz arbeitenden Third Stream entdecken in ihm einen idealen Verbündeten. Gunther Schuller, Chef der Bewegung, Dirigent und Komponist, arbeitet mit Dolphy an seinen prominentesten Projekten – Stücke, die „Densities“ heißen, als wären sie von Edgar Varèse, oder „Abstraction“, wahrscheinlich der häufigste Titel für eine Third-Stream- Komposition zwischen 55 und 65.

Wer in der Schuller-Szene lebte und nachdachte, hatte normalerweise weder mit den politisierten Free Jazzern noch mit dem Afro-Spirituellen viel am Hut, aber genau solche Grenzen galten für Dolphy nicht. Und es gab auch niemand, der sie ihm gegenüber errichtete. Jahrelang quakte er mit Begeisterung leicht quer stehende Aphorismen in die weltanschauliche Einheitlichkeit von anderer Leute Musikentwurf. Und die anderen hatten nichts dagegen. Wenig bekannt ist (und meines Wissens leider auch nicht auf Tonträger erhalten), dass Dolphy mehrere Male im Orchester des ONCE- Festivals gesessen hat und, wenn eine Bassklarinette oder auch nur eine jazzige Intonation gebraucht wurden, auch als Solist auftrat. Das ONCE-Festival war während der ersten Hälfte der Sechziger der Treffpunkt amerikanischer Komponisten, ähnlich wie sich die europäische Szene der Neuen Musik in Darmstadt traf. Das Festival wurde von den Komponisten selbst organisiert, fand in Ann Arbor bei Detroit statt und ermöglichte heutigen Neue-Musik-Klassikern wie Robert Ashley, Gordon Mumma oder Pauline Oliveros erste Schritte. Einmal kam Dolphy auch mit dem späteren Easy-Listening-König Bob James, der damals noch Stockhausen und Jazz unter eine Häkelmütze kriegen wollte. Solche Sachen gingen nie ganz schief, wenn Dolphy dabei war.

Wenn er sich einmal gegenüber einem Jazz-Journalisten weigerte, Rock ’n’ Roll als minderwertige Musik einzustufen, weil er „buchstäblich alle Musik“ liebe, dann ist das in seinem Fall kein Gesäusel, sondern tatsächlich sein künstlerisches Movens. Was spielen wir denn heute? Aha, gut, mal sehen, wie wir damit zurechtkommen. In postmoderne Zeiten hätte er damit gut gepasst, in den frühen Sechzigern war Linienuntreue aber noch ein Verbrechen. Dolphy ist es erstaunlich selten übel genommen worden.

An seinem Hang zur Hyperaktivität gemessen, hatte er relativ wenige Dates unter eigenem Namen: „Outward Bound“, „Far Cry“, „The Quest“, „Out There“ und „Out To Lunch“ erschienen zu Lebzeiten. Dazu wären die substanziellen posthumen Ergänzungen („Iron Man“, „Conversations“, der Mehrteiler „Live At The Five Spot“, „Vintage Dolphy“) zu empfehlen und natürlich Aufnahmen mit Dolphys vielen schon genannten Partnern. Abzuraten ist von den vielen dänischen, deutschen und anderen EU-Trios, deren Konzerte mit Dolphy bei diversen Touren an freien Tagen, wenn Mingus ausschlafen durfte und Coltrane meditieren, mitgeschnitten wurden und den Markt überfluten.

Eine Ausnahme von dieser Regel bildete das so genannte „Last Date“, das 1964 in Hilversum von einer Radiostation produziert wurde. Hier begleitete ihn nicht irgendein lokaler Oscar-Peterson-Verschnitt, sondern eine Art Nukleus der veritablen europäischen Free-Jazz-Elite in statu nascendi: der große Monk- und Herbie-Nichols-Forscher und Lakoniker Misha Mengelberg, die verdienten Jacques Schols und Han Bennink, der damals noch nicht ganz so wild und raumgreifend spielte. Exakt dieses letzte Date soll nun beim diesjährigen Total Music Meeting rekonstruiert werden.

Dolphy starb völlig überraschend Ende Juni 1964 in Berlin. Er hatte einen in Berlin nicht diagnostizierbaren Anfall einer seltenen Diabetes-Variante, die nur bei afrikanischstämmigen Patienten vorkommt. Dass dies trotz tausender afroamerikanischer GIs in der Stadt nicht möglich war, wurde immer wieder mit den Todesumständen von Bessie Smith verglichen, der im segregierten Süden kein Krankenwagen zur Verfügung stand.

Ende der Achtziger erschien sein „Passagenwerk“: eine CD mit noch mehr unerfüllbaren Versprechen auf neu aufgefundenen Studio-Tapes. Was man von Dolphy hätte erwarten können, wenn die Berliner Krankenhäuser etwas weltläufiger gewesen wären – oder weniger rassistisch. Auf „Other Aspects“ gibt es einen Entwurf für eine Oper mit klassischer Sängerin („Jim Crow“), fiebrige Flötensoli, Duette mit Carter und indische Musik. Da wäre für die Musiker, die jetzt Dolphy ehren wollen, ebenso viel weiter und zu Ende zu denken wie für die fast schon industriell produktive Benjamin-Philologie. Frank Zappa hat schon fünf Jahre nach Dolphys Tod einen schönen ersten Schritt getan: „The Eric Dolphy Memorial Barbecue“ erschien auf „Weasels Ripped My Flesh“, der letzten Platte mit dem alten Mothers Of Invention, und sollte vom „Total Music Meeting“ auf keinen Fall vergessen werden.

Eric-Dolphy-Tribute beim Total Music Meeting: Heute mit Armand Angster, Vinny Golia, Wolfgang Fuchs und Fred van Hove. Morgen: Peter van Bergen, Wolfgang Fuchs und Hans Koch. Samstag: Misha Mengelberg, Han Bennink und Vinny Golia. Immer ab 20 Uhr. Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128