Die Menthol-Affäre

„BRD betreibt Menschenhandel mit DDR-Bürgern“? Heute vor 15 Jahren berichtigte das „Neue Deutschland“ erstmals eine Falschmeldung

„In eigener Sache“ wandte sich heute vor 15 Jahren das Neue Deutschland an seine LeserInnen – und druckte zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Berichtigung. „Wir bedauern die Veröffentlichung“, schrieb das SED- Zentralorgan am 3. November 1989 – und zog damit eine der absurdesten Räuberpistolen zurück, die je in der Parteizeitung erschienen waren.

Gut sechs Wochen vorher, auf dem Höhepunkt der Flucht Tausender DDR-BürgerInnen via Ungarn, hatte das Blatt die vermeintliche Wahrheit über die Massenflucht enthüllt: „In den Fängen kaltblütiger berufsmäßiger Menschenhändler“ (Untertitel) würden DDR-Bürger gegen ihren Willen in die „BRD-Botschaft Wien – eine Zentrale der Abwerbekampagne“ gelockt. Kronzeuge der komplett erfundenen Geschichte war der angebliche Mitropa-Mitarbeiter Hartmut Ferworn, der im Interview zu Protokoll gab: „Ich habe erlebt, wie BRD-Bürger ‚gemacht‘ werden.“

Was folgte, war eine Story über „Mentholzigaretten“, präpariert nach „Methoden westlicher Geheimdienste“: Nach einigen Zügen, „die irgendwie komisch schmeckten“, fielen dem Interviewten die Augen zu. Auf wachte der „39jährige Mitarbeiter des Mitropa-Fahrbetriebes, Mitglied der SED. Glücklich verheiratet, drei Kinder“ erst im wieder im Westen – gerade rechtzeitig, um „einen Packen D-Mark-Scheine auf dem Tisch“ des „gewissenlosen Schleppers“ zu sehen. „Wie konnten sie diesen professionellen Menschenhändlern aus der BRD wieder entkommen, die offensichtlich mit Rückendeckung durch die Bonner Behörden agierten?“, agitierte das ND. Antwort Ferworn: „Ich nutzte die erstbeste Gelegenheit, um telefonisch Kontakt mit der DDR-Botschaft in Wien aufzunehmen. Dort sagte man: Selbstverständlich helfen wir Ihnen.“

Spät am Abend sei Fernworn in der ND-Zentrale aufgetaucht, sagt 15 Jahre später Jochen Reinert, der 1989 zusammen mit Olaf Standke das Interview führte. „Wir wurden dazu beordert“, so Reinert, „ziemlich schummrig“ sei ihnen bei der Geschichte gewesen, schließlich „schienen Teile nicht richtig schlüssig“. Beide Journalisten sind noch heute beim ND. Der ehemalige Skandinavien- und Südasien-Korrespondent Reinert arbeitet in der Auslandsredaktion, Standke ist dort Ressortleiter. Offensichtlich sei die Geschichte auf „dem Mist der Firma“, also der Stasi gewachsen, sagt Reinert.

Die LeserInnen ließen sich auch vor 15 Jahren nicht derart für dumm verkaufen: „Die Redaktion erhielt zahlreiche Zuschriften, in denen die Darstellung bezweifelt wurde, weil der Fall nicht typisch für den Weggang zahlreicher DDR-Bürger sei“, heißt es in der Berichtigung. Und weiter: „Wir müssen diese Kritik mit dem heutigen Erkenntnisstand akzeptieren und bedauern deshalb die Veröffentlichung.“ Sechs Wochen brauchte das ND, bis es sich diese Halbentschuldigung abringen durfte.

„Es geht einem immer noch nicht gut damit“, sagt Reinert, man fühle sich „immer noch furchtbar benutzt.“ Denn auch die Berichtigung erschien damals offenbar streng nach Plan – einen Tag vor der großen Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz für Versammlungs- und Pressefreiheit in der DDR.