Japanischer Comic soll AKW-Havarie erklären

Wenn Nuclear Boy kacken muss

Ein Zeichentrickfilm erklärt japanischen Kindern die Fukushima-Katastrophe mit Pupsen, Sicherheitswindeln und Angst vor Durchfall wie vor 25 Jahren in Tschernobyl.von Sven Hansen

Kampf dem Pups: Ärzte helfen Nuclear Boy, um ihn schnell wieder gesund zu machen.  Bild:  screenshot / youtube.com

Wer mit Kindern dieser Tage Fernsehnachrichten über Japan schaut, kennt das Problem: Wie kann dem Nachwuchs in einer ihm verständlichen Sprache erklärt werden, was in Fukushima passiert? In dem für seine Kinderzeichentrickfilme bekannten Japan, wo es auch eine Tradition verharmlosender Comics über Atomkraft gibt, versucht dies jetzt ein viereinhalbmininütiger Film über Genpatsu-kun oder Nuclear Boy.

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Das bunte Filmchen, das schon im japanischen Fernsehen lief und mit englischen Untertiteln allein bei Youtube bereits mehr als 1,2 Millionen mal geklickt wurde, erklärt den Kindern auf verniedlichende Art, dass der kleine Nuclear Boy aus der Präfektur Fukushima seit dem großen Erdbeben an Bauchschmerzen leidet. Leider droht er deshalb immer wieder zu kacken, was dann erbärmlich stinken wird.

Unterlegt mit Banjo-Musik krampft sich der Magen des armen Jungen zusammen, bis er es nicht mehr aushalten kann. Es gibt einen Knall, der alle zutiefst erschreckt. Doch zum Glück ist es noch nicht so schlimm. Denn bisher hat der von dem Künstler Hachiya Kazuhiko gezeichnete Atomjunge nur gepupst. Der Gestank in der Nähe wird gemessen, und ist zum Glück auch noch nicht so schlimm. Um Nuclear Boy von seinen Blähungen zu heilen, kommt ein Arzt. Der gibt ihm als Medizin mit Bor versetztes Wasser. Auch muss Nuclear Boy gekühlt werden. Der Arzt arbeitet deshalb rund um die Uhr, um zu verhindern, dass der Junge überhaupt kacken muss.

Einige Pupse lassen sich leider nicht verhindern. Doch keine Sorge, so der Film beruhigend, sie verziehen sich schnell. Und in einiger Entfernung ist ohnehin nichts zu riechen. Dazu der verharmlosende Hinweis für diejenigen, die den Gestank nicht mögen: Er ist in einer Woche verschwunden.

Kein Grund zu wirklicher Beunruhigung, so die Botschaft des Films. Vor einiger Zeit gab es schon einmal ähnliche Probleme beim Three-Mile-Boy in Amerika, der ganz viel Pupsen, aber nicht kacken musste. Oh, und noch berühmter ist der Tschernobyl-Boy: Das war ein großer Unfall, denn - oh weia - der kackte ins Klassenzimmer und hatte auch noch Durchfall! Das Zeug breitete sich überall aus. Aber das wird hoffentlich in Japan nicht passieren. Denn Nuclear Boy trägt eine Windel als Extraschutz. Gefährlich ist es nur für die Ärzte, die nicht lang bei Nuclear Boy bleiben können, ohne selbst krank zu werden. Ihr Job ist riskant. Deshalb wechseln sie sich andauernd ab.

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Hilft die Windel denn nicht? Leider weiß niemand, wie eine verschmutzte Winder zu entsorgen ist, was auch teuer und gefährlich ist. Wichtiger ist aber erstmal, dass Nuclear Boy weiter gekühlt wird, damit er nicht kacken muss. Deshalb helfen viele mit. Wenn Kinder jetzt also hören, dass Kühlwasser nachgefüllt wird, sind das die Ärzte, die Nuclear Boy kühl halten. Ihnen gebührt Dank.

Dennoch gibt es auch den ungünstigsten Fall, wenn die Windel undicht ist und Kacke austritt. Aber so schlimm wie bei Tschernobyl wird das nicht. Zwar werden selbst wenn die Windel hält, einige Menschen umziehen müssen und das Wasser und die Landwirtschaft "negativ beeinträchtigt". Doch es wird alles menschenmögliche getan - für die Menschen in Fukushima. Daas mindeste ist, für sie zu beten und dafür, dass es Nuclear Boy bald besser geht, so der Schluss dieses sehr japanischen Films.

Kinder sind zweifellos von Fäkalien fasziniert und deshalb für einen solchen Film zu begeistern. Doch leider geht es in Fukushima nicht nur um Blähungen und Durchfall. Und selbst bei einem so fragwürdigen Plot sollte auch eine kindgerechte Erklärung kritischer sein. So fehlen etwa Hinweise, dass Nuclear Boy von seinen Eltern nicht gut gepflegt wurde und diese ärzliche Untersuchungsberichte manipulierten. Und dass es schon immer Warnungen gab, dass Nuclear Boy gar nicht für Erdbebengebiete geeignet sei. Und dass kein verantwortungsvoller Mensch die Garantie für die sichere Lagerung seiner vollen Windeln übernehmen könne, weil diese noch tausende Jahre stinken. Doch leider haben weder Nuclear Boy noch seine Eltern auf warnende Stimmen gehört...

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