Ein Leben nur in Bedeutung

Zwei sehr ungleiche Annäherungen an einen bis heute wenig gelesenen Klassiker der Moderne: Karl Corinos in jeder Hinsicht großartiger Monumentalschmöker über Robert Musil und die knappe, jedoch misslungene Musil-Biografie von Herbert Kraft

von OLIVER PFOHLMANN

Ein Leben ganz ohne Leerlauf und Kompromisse, als endloser Fluss von Liebe und Bedeutung, von „Gefühlserkenntnissen und Denkerschütterungen“ – ist das vorstellbar? Vorstellbar vielleicht. Lebbar nur in Ausnahmefällen, für kurze Zeit. In Kunst und Literatur etwa. 1901 notiert der junge Robert Musil, nach einem Klavierkonzert erstmals von der Utopie eines exakten Lebens berauscht: „Wenn man Jemanden hätte, der einem fort und fort solcherweise die Seele umspinnen würde […]. Ich empfand, daß ich mich ganz vom Leben abwenden und ganz diesem zuwenden würde […]. Und noch während sich meine Gefühle hinter die hohen Mauern dieses Gartens träumten – kam mir schon dieser wie der Park eines Irrenhauses vor.“

Allein im Schreiben ließ sich diese Utopie von ewigem Flow mit ihrer bedrohlichen Nähe zur Manie realisieren. Notorisch Unzufriedene mit dem, was Leben und Gesellschaft bieten, sind denn auch, vom „Zögling Törleß“ an, Musils Protagonisten: „fühllose Träumer“, denen eine böse, aber mit „Seele“ begangene Tat lieber ist als alles Gutmenschentum. Wohin solche Wirklichkeitsverachtung führt, versuchte der österreichische Autor in dem Seelenlaboratorium seiner Werke herauszufinden.

So träumt Ulrich, der „Mann ohne Eigenschaften“, davon, „dass unser Dasein ganz und gar aus Literatur bestehen sollte“. Er und seine Schwester Agathe, die „letzten Mohikaner der Liebe“, sind gedacht als „lockende Vorbilder, wie man Mensch sein kann“. Doch selbst von diesem Alter Ego heißt es, dass man nicht weiß, „wie dieser Mensch seinen Tag zubringen soll, da er doch nicht beständig im Akt der Schöpfung schweben kann“. Fortwährend geplagt von Krankheiten und Neurosen, Schreibhemmungen und Geldsorgen, schwebte dort auch Musil nur selten.

„Andere Zustände“, Augenblicke „tagheller Mystik“, wie sie seine Texte immer wieder evozieren: Sie blieben in diesem Dichterleben einsame Glücksfälle. War Musil depressiv gestimmt, weil ihn der Writer’s Block fesselte, er sich in den Papierbergen seiner Entwürfe verirrte oder ihm seine entnervten Verleger den Geldhahn zuzudrehen drohten, sprang ihm seine Stieftochter Annina auf den Schoß, drückte ihm die Finger auf den Mund und nötigte ihm mit dem Ruf „Mundwinkel hoch!“ ein gequältes Lächeln ab.

„Die Alltage machten Robert Musils Leben aus, nicht die Festtage“, betont denn auch Herbert Kraft. Von dem Münsteraner Germanisten stammt einer der beiden neuen Versuche, sich einem bis heute wenig gelesenen Klassiker der literarischen Moderne anzunähern. Er ist, um es gleich zu sagen, misslungen. Nicht deshalb, weil sich Kraft nur geringe Mühe macht, diesem Alltag auf die Spur zu kommen, und doch wieder das Werk ins Zentrum stellt. Krafts Abriss von Musils Leben zu Beginn ist noch sein bestes Kapitel: Erfrischend, wie da „monsieur le vivisecteur“ gegen den Strich gebürstet wird. Zum Ärgernis wird sein Buch aus anderen Gründen.

Verglichen mit Musil sind heutige Autoren wie Herbst oder Biller Waisenknaben Karl Corino hat Robert Musil sogar in seinem eigenen Garten ein Denkmal errichtet

Da sind zunächst verquere, schmerzensgeldverdächtige Sätze wie: „Tun, was, wie man sagt, alle tun; dieses Gewaltpotential ermöglichte die Kriege, in Szene gesetzt von denjenigen, die das sogenannte Besondere taten, dessen immer nur die Auserwählten fähig sind.“ Unverständlich bleibt, warum der Mitherausgeber der Schiller-Nationalausgabe seine Musil-Zitate nicht belegt. Woraus er da jeweils zitiert, ob aus Tagebuchheften, Briefen, Entwürfen oder Werken, bleibt oft unklar. Abenteuerlich sind Urteile wie die, der promovierte Experimentalpsychologe Musil habe sich mit dem „Mann ohne Eigenschaften“ nicht zur Gestaltpsychologie gezählt. Warum bat er dann seinen Freund, den Gestaltpsychologen Johannes von Allesch, eine Monografie über seinen Roman zu schreiben?

Und Krafts Interpretationsmethode? Die besteht darin, bei jeder sich bietenden Gelegenheit an ein Musil-Zitat eine „historische Assoziation“ anzuschließen, die dann entweder etwas mit dem Ersten Weltkrieg oder dem „Dritten Reich“ zu tun hat. Gelegentlich mit gutem Grund, denkt man an die Bedeutung des Kriegserlebnisses für Musils späteres Werk. Doch drängt sich bald der Eindruck von Zwanghaftigkeit auf. Zumal es Kraft, von allen guten philologischen Geistern verlassen, meist bei seinen freien Einfällen belässt. Heißt es von der Protagonistin der 1908 erschienenen Erzählung „Das verzauberte Haus“, sie gab sich hin, „mit einem Lächeln, das sie wie eine Wunde im Gesicht fühlte“, kommentiert Kraft: „Der Vergleich erklärte sich bald durch die Gesichter der Verwundeten in den schier endlosen Reihen der Kriegsgefangenen.“ Das nervt. Und erklärt gerade nichts.

„Wer seine Bücher gelesen hat, kennt sein Leben, bis auf den Rest, der nicht in die Literatur einging“, behauptet Kraft über Musil. Da müssen Karl Corino die Ohren klingen, hat doch der frühere Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk sein halbes Leben diesem Rest gewidmet und jenen Realien, an denen sich Musils Texte entzündeten. Wie schön, dass es noch solch Literaturbesessene gibt! Seit 1966 hat Corino Musils Leben, „die Abenteuer und Irrfahrten eines seelischen Vivisectors zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts“, wie einst der junge Dichter tönte, Stück für Stück rekonstruiert: von den Kadettenjahren in Mährisch-Weißkirchen über das Ingenieurs- und Psychologiestudium nach 1900, der Entscheidung für die Literatur, den Kriegsjahren an der italienischen Front und als Redakteur von Propagandazeitschriften, dem (kurzen) Engagement für Sozialdemokratie und Schriftstellerverband im Nachkriegs-Wien, der Arbeit am „Mann ohne Eigenschaften“ seit den Zwanzigern bis zu seinem Tod im Schweizer Exil 1942. Eine Wahnsinnsarbeit. Jetzt liegt das Ergebnis vor, ein vor Material schier berstender Monumentalschmöker, über 1.400 Seiten Text, weitere 400 Seiten Anmerkungen.

Dass von Musils Leben so wenig bekannt war, hat viele Gründe. Einer ist seine Art, Tagebuch zu führen. Tagtäglich all das Ephemere festzuhalten, wie es sein beneideter Konkurrent Thomas Mann praktizierte: Nichts hätte ihm ferner gelegen. Wer ein Leben nur in „Bedeutung“ führen will, Literatur als „kühner, logischer kombiniertes Leben“ ansieht und dazu noch über ein so extremes Selbstwertgefühl verfügt wie Musil, hält alles Banale und Kränkende nur in Ausnahmefällen fest. Oder verwandelt es gleich in Material, in Rohstoff für Dichtung.

Verständlich daher die Stoßseufzer des Biografen: „Was gäbe man für einigermaßen lückenlose Aufzeichnungen aus jenen Tagen.“ Da bleibt nichts anderes übrig, als sich in einen Kriminalisten zu verwandeln, der mit einem stupenden Einfallsreichtum alle nur denkbaren Quellen erschließt, Zeugnisse, Spuren und Indizien sichert, mit den letzten Zeugen spricht, europaweit Archive und Bibliotheken durchforstet und Schauplätze erkundet. Über vieles, was man bislang allenfalls ungefähr wusste, erfährt man hier erstmals Genaueres.

Mag Corino in seinem Garten seinem „Hausheiligen“ sogar ein Denkmal errichtet haben, sein Werk ist alles andere als eine Hagiografie. Dafür sorgt schon sein Psychoanalyse-nahes Interesse für die „dunklen“ Seiten seines Gegenstands: Musils endlose Krankengeschichte, seine „Leichen im Keller“, wie die von Musil mutmaßlich durch Infektion und Psychoterror ums Leben gebrachte Jugendliebe Herma Dietz („Tonka“) oder seine (eher spärlichen) „Mannesabenteuer“. Ein Interesse, das Corino mit seinem Gegenstand teilt, der wegen all der sexuellen Grenzüberschreitungen in seinen Werken schon zu Lebzeiten als der „erotischste Dichter“ gerühmt wurde.

Beeindruckend etwa die Beschreibung der Schmierkuren mit Jod und Quecksilber, die der junge, an Syphilis erkrankte Musil, stets bedacht auf sein ästhetisches Erscheinungsbild, ertragen musste, „vor sich hin speichelnd, mit gelockerten Zähnen, übelriechend“. Faszinierend das Porträt über Martha Marcovaldi, Musils Frau, und ihre erotischen Abenteuer. Einige Kapitel, wie etwa das über Musils Kriegserlebnisse, sind kleine Meisterwerke, wobei Corino gerade für diesen Zeitraum eine besonders gute Materiallage – ein 1980 in einem Bozener Keller gefundener Briefwechsel zwischen Musil und seiner Frau – zugute kommt. Andere intime Aufzeichnungen hat die Witwe später in ihren Mantel eingenäht, wo man sie Jahrzehnte später fand. Wo das Material dünn bleibt, hält sich Corino, gelegentlich etwas zu unbekümmert („Grigia“), einfach an die Literatur; ausgehend von seiner These, dass Musil als Autor kein Erfinder war.

Corinos Entdeckungen zeigen: Verglichen mit Musil, der sich unaufhörlich aus der Realität und dem Intimleben seiner Freunde und Bekannten bediente, sind heutige Autoren wie Alban Nikolai Herbst oder Maxim Biller Waisenknaben. So schlachtete er das Ehedesaster seines Freundes Gustav Donath mit der Psychotikerin Alice für seinen Roman aus, als Walter und Clarisse wurde das ungleiche Paar unsterblich. Donath, zeitlebens verbittert über diesen Vertrauensbruch, hat sich später geweigert, Corino Auskünfte zu geben. Corinos Buch wurde dennoch eher eine Multibiografie. Lernt man doch noch viele andere faszinierende Gestalten einer verlorenen Zeit kennen, die meisten von ihnen Modelle für Musils literarisches Personal: den Lustmörder Christian Voigt alias Moosbrugger etwa, dessen Fall der Autor teils wörtlich Wiener Zeitungen entnahm; die Kaffeehausmuse Ea von Allesch oder den Theaterhochstapler Jo Lherman.

Wie schön, dass Corino dabei auch das spätere Schicksal dieser Personen erzählt. Darin, dass sich Musil, in der Realität ein Mann mit vielen, oft genug unsympathischen Eigenschaften, für das weitere Leben seiner Modelle offenbar nicht mehr interessierte, nicht für Walter Rathenaus/Arnheims Engagement für die Weimarer Republik, nicht für Franz „Feuermaul“ Werfels Karriere im Austrofaschismus, sieht Corino eine der Ursachen, warum er seinen Roman über die Welt am Vorabend des großen Krieges nicht vollenden konnte. Wie ihm überhaupt nach 1920 das „sinnliche Leben“ abhanden gekommen sei, bestand doch seine Existenz, wohl zum Ärger des Biografen, jetzt nur noch „aus seiner Ehe, Arbeit, Essen, Geldsorgen, Verlagsquerelen, Spaziergängen, Kino, Kaffeehaus, Rauchen […]. Musil sperrte sich […] die letzten drei Dekaden seines Lebens gegen jede neue erotische Erfahrung.“

Corinos Leser dürfen folgern: Eine monogame Existenz mag dem Schreiben wie dem Leben schaden, der späteren Biografie nicht unbedingt!

Herbert Kraft: „Musil“. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2003, 358 S., 23,50 € Karl Corino: „Robert Musil. Eine Biographie“. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003, 2.026 S., 78 €