Frau, ledig, kinderlos …

Ein Raunen geht durch Deutschland: Kann Annette Schavan Ministerpräsidentin von Baden-Württemberg werden?

Die Kommentatoren sagen offiziell alle Ähnliches. Stellvertretend für sie Uwe Vorkötter, Chefredakteur der Berliner Zeitung. Einst war er in dieser Funktion auch bei der Stuttgarter Zeitung betraut, er weiß also, wie es dort tickt, in diesem Bundesland, das gern auch „Ländle“ genannt wird, weil dessen Bevölkerung wohl kein akzentarmes Hochdeutsch beizubringen ist. Im Deutschlandradio teilte Vorkötter mit, sie habe keine Chance, ihr Kontrahent werde mit 60 zu 40 Prozent gewinnen.

Annette Schavan traut man, dem gesprochenen Vernehmen nach, nicht so recht zu, bei der Mitgliederbefragung der Südwest-Union zu obsiegen und damit politische Erbin von Ministerpräsident Erwin Teufel zu werden. Denn ihr Rivale Günther Oettinger ist in der Landtagsfraktion äußerst populär, was allerdings kein Wunder ist, da er deren Vorsitz hat. Außerdem ist er sehr gelitten bei der Jungen Union und gewiss auch in der Partei. Hat er es etwa nicht verdient, nach all den Jahren des Dienens unter Erwin Teufel, fast bespöttelt als „Prince Charles der Union“?

In der Frankfurter Rundschau hingegen wird der Abgrund skizziert, an dessen Rand die Frau aus dem Rheinland, eben Schavan, in den nächsten Wochen wandelt. Denn in der Bildungspolitik sei sie als Ministerin erfolgreich und ländleweit beliebt, doch „ihre Gegner, die Wirtschaftskompetenz fordern, werden sich eine andere Flanke suchen. Vielleicht haben sie sie schon gefunden: Frau, ledig, kinderlos.“

Gefühlte Befürchtungen

Dass in einer politischen Auseinandersetzung, in einem Kampf um die Macht ohnehin, die Schwächen des oder der anderen gesucht werden, muss moralisch kein „Gschmäckle“ haben: Was aber hat (möglicherweise tatsächlich fehlender) Sachverstand in Fragen der regionalen Ökonomie mit Attributen zu tun, die lediglich die privaten Lebensumstände einer Kandidatin ausloten? Anders gefragt: Weshalb muss sich Annette Schavan, 49 Jahre, Katholikin, Cusanus-Stipendiatin, Mitglied im Zentralrat der Deutschen Katholiken, stellvertretende Vorsitzende der CDU, Literaturfreundin, für etwas rechtfertigen, was keinem männlichen Kandidaten als Maßstab unterlegt würde?

Keine falsche Unschuld: In jeder politischen Kür werden auch Umstände begutachtet, die selbst im weitesten Sinne politisch nicht zu verhandeln sind. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) zitiert die gefühlten Befürchtungen eines Kenners der baden-württembergischen Union: „Frau, ledig, kinderlos, zugereist aus dem Rheinland – nach dem Urteil mancher im Südwesten mithin nicht die Person, die sich ein Schwarzwaldbauer als Ministerpräsident vorstellt.“

Was jener imaginierte Bauer also wollte, wäre das Gegenteil: Mann, verheiratet, kindergesegnet und der heimatlichen Scholle verbunden und mit der gleichen Mundart versehen – wie ebenjener Bauer selbst. Ist es ein solches Profil, das konservative Wähler wünschen? Muss es dieses Bündel an Signaturen sein, mit dem das „Ländle“ schwarz gehalten werden kann?

Welches kollektive Phantasma verbirgt sich hinter diesen Prophetien und Prognosen? Man darf es skizzieren, unumwunden: Eine Frau solle eine Mutter sein, am besten eine gute; dem Manne selbstverständlich eine vorzeigbare Gattin … Und wenn sie denn schon Politikerin werde, dann eigne sie sich nur für Ressorts weiblichen Zuschnitts, also jene der Kultur, der Bildung und der Gesundheit. Aber wenn eine mehr will, gar selbstbewusst Ansprüche anmelde, im Machtkampf nicht klein beigebe, sondern gar kämpfen würde, wenn sie also die Domäne des Mannes angreift – dann wäre es zu viel. Mehr noch: Viel zu viel, ist sie doch obendrein nicht verheiratet und hat nicht einmal angekündigt, ebendies zu tun.

Aber ist diese Fantasie noch wirklich eine, die in der konservativen Wählerschaft Widerhall findet? Ist an Baden-Württemberg, selbst in dessen winters beschneiten Tälern, die europäische Moderne vollkommen vorbeigegangen? Hat man nicht auch Angela Merkel nichts zugetraut – und hat sie nicht auch ihre Oettingers in die zweite Reihe verweisen können? Ebendies kommt als Unbehagen auch in den Spekulationen in Sachen Schavan zum Ausdruck – wie man hört auf grünen Stehempfängen vorgestern Abend in Stuttgart, in Redaktionsbüros, ob in Freiburg, Tübingen, Rottweil oder Oberndorf. Es heißt: Sie hat keine Chance, doch sie könnte sie nutzen. Gegen Oettinger, den Mann, der für seinen schnarrenden Kasernenton bekannt ist; gegen ein freilich marginaler werdendes christliches Milieu, für das die Frau nur Adams Rippe ist; gegen eine ländlehafte Seilschafterei, die einzig von Männerfreundschaften lebt und nur sie, gremiengehärtete Männer, duldet.

Dabei ist Schavan, nach allem, was man zu hören bekommt, kein scheues Reh, das nur im sicheren Dunkel des Waldes lebt. Sie weiß, wie es geht. Ihre politische Freundin Angela Merkel hat da vorbildliche Kärrnerinnenarbeit geleistet. Und wäre die Kandidatin sonst bis ins Finale um den Posten des Bundespräsidenten gekommen?

Fräulein Macbeth

Kein Wunder, dass Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier im Feuilleton der FAZ zutreffend erkannte: Die Kandidatin sei eine „aus dem Rheinischen ins Land hereingeschmeckte Plapper- und Prozeduralpolitikerin“ mit dem „Spitznamen Schavansinn“ ebendieser Neigung zum Bürokratischen wegen. Günther Oettinger hingegen habe die „Drecksarbeit“ der ministerpräsidentiellen Dekonstruktion Erwin Teufels leisten müssen, sie hingegen gebe „ein sauberes Fräulein Macbeth, jeder Zoll keine Lady, die sich die Finger blutig machte, die sie dann an einem Kopftuch abwischen könnte“. Schavan sei nicht minder machtbewusst wie ihr Rivale, verhülle dies nur und wolle sich zur „Macht lächeln“. Der Kritiker mit Sinn für die Fleißarbeiter an der Tragödie wendet sich mit angewiderter Miene ab. Darüber hinaus könne sie nicht einmal ländletypisch „oagnehm“ sagen, sondern sei „einfach nur unangenehm“.

Was ist gegen ein Lächeln einzuwenden, was gegen ein verbindliches Wesen, das auf Regelhaftigkeit („Klarsichthüllen“!) setzt und nicht auf die Kraft des kumpelhaften Einverständnisses? Und doch steckt hinter dem Verdacht, dass die Kandidatin ihr Privatleben strikt von den Zumutungen der Öffentlichkeit abschirmt, vielleicht ein aufrechtes Interesse – an dem, wem oder welchen Menschen die Kandidatin in privaten Loyalitäten verbunden ist. Das ist auch Annette Schavan bewusst. Schließlich erwähnt sie selbst öffentlich und keineswegs verdruckst ihr Leben als bekennende „Junggsellin“.

Eben: Niemand ist rund um die Uhr nur öffentlich. Und die Neugier, die das Publikum treibt, um zu erfahren, welchen familiären Zusammenhängen einer zugehört, speist sich ja aus dem Wissen, dass viele Erörterungen und Haltungen im privaten Umfeld destilliert werden: Mit einem Lebensgefährten? Mit einer Lebensgefährtin?

Das prominenteste Beispiel mag jene Hillary Clinton gewesen sein, die politisch agierte, als sie nur Präsidentengattin war. Auf sie, die Öffentlichkeit nahm es je nach Standpunkt gern oder befremdet zur Kenntnis, hörte Bill Clinton, er pries sie als seine beste Beraterin. Aber hatte sie damals überhaupt ein Mandat?

Das erführe man eben gerne, ohne böse Absicht, auch von Annette Schavan, von jener Politikerin, der Angela Merkel wohl am ehesten zutraut, Baden-Württemberg im konservativen Sinne zu modernisieren. Das sei Voyeurismus? Stochern im Nebel des Privaten? Nein. Das Private der Kandidatin ist ohnehin Gegenstand umfänglichen Getuschels. Soll sie es doch riskieren zu sagen: Persönlich war eine Heirat nie eine Sache, die mich besonders interessierte … Oder so.

Schavan stünde für eine Union, die nicht dröhnend scheint, sondern smart. Eine, die kultur- und bildungspolitisch selbst bei Kontrahenten respektiert wird, eben weil sie nicht den schneidigen Ton anderer Politiker aus der Union anschlägt.