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Eva Reich, einst frühstaufgeklärte Dreijährige: „Soll ich das alles erzählen?“

„Da gibt es ein ganzes Buch drüber“ sagt Eva Reich einmal über eine Episode im Leben ihres Vaters Wilhelm – eine Episode, die sie selber nur mit einem Satz erwähnt.

Über alles, von dem sie in Heidrun Moessners 75 Minuten langen Dokumentarfilm erzählt, wurden Bücher geschrieben. Und wenn man nicht zumindest ein paar von ihnen gelesen hat, kann man manchmal schon Schwierigkeiten bekommen zu verstehen, worüber hier geredet wird. Die Tochter des umstrittenen Psychoanalytikers und Theoretikers der sexuellen Revolution erzählt ihre Biografie, und diese scheint untrennbar mit dem Schicksal und Werk des übermächtigen Vaters verbunden. „Er war ein Diktator, aber im Guten“ sagt sie einmal, und solche Sätze, um deren Widersprüchlichkeit sie natürlich weiß, machen den Film spannend.

Die Bremer Filmemacherin Heidrun Mössner hat radikal auf alle Erklärungen verzichtet. Es gibt keinen Off-Kommentar, der den Zuschauer durch diesen Film führt. Da ist man erst einmal ein wenig verloren, aber durch die Stimme der fast 80-Jährigen wird man unweigerlich in den Fortgang des Erzählten hineingezogen. So analytisch genau, detailreich und berührend spricht selten ein Mensch von seinem Leben. Mit weichem wienerischen Akzent, der ein paar amerikanische Kanten bekommen hat, schildert sie etwa, wie sie als frühstaufgeklärte Dreijährige den anderen Kindern auf der Straße erklärt hat, wo die Babys herkommen.

Manchmal liegt die größte Leistung eines Dokumentarfilmers darin, einen interessanten Menschen zu finden, sein Vertrauen zu gewinnen, ihn dann einfach vor eine Kamera zu setzen und reden zu lassen. Genau dies hat Heidrun Mössner hier gemacht. Einmal sitzt Eva Reich in Jeans entspannt am Küchentisch und sieht dabei so cool und lässig aus, dass diese eine Einstellung alles darüber sagt, wie sie in Amerika heimisch geworden ist.

Manchmal kommentieren die Regisseurin und der Kameramann Thomas Lippick die frühen Erinnerungen der Protagonistin mit seltsam verschwommenen, unscharfen Zeitlupenaufnahmen, die wie Traumbilder oder freie Assoziationen wirken. Der Bremer Filmmusiker André Feldhaus hat sie sehr stimmig mit einer Art Stummfilmbegleitung unterlegt.

„Soll ich das jetzt alles erzählen?“ fragt Eva Reich einmal in die Kamera, und die Antwort muss „Ja“ gewesen sein. Natürlich musste dann gekürzt werden, so dass ein paar Sätze über Reichs „Clowdbuster“, seinen Orgon-Akkumulator und seine Inhaftierung reichen müssen. Aber darüber sind ja in der Tat genügend Bücher geschrieben worden. Interessant ist, wie leidenschaftlich die alte Dame heute noch das Werk ihres Vaters verteidigt. Wie sie sich plötzlich fast ereifert, zeigt, dass diese Wunde immer noch offen ist. Und ihr Satz „Ich habe mich mit ihm versöhnt – nach seinem Tod“ lässt viel Unausgesprochenes ahnen.

Dass sie selber später mit dem Wohnwagen durch die USA zog, um die amerikanische Landbevölkerung über Empfängnisverhütung aufzuklären und dann eine Koryphäe der alternativen Heilkunst wurde, erzählt sie dagegen eher nebenbei und völlig uneitel. Heidrun Mössner hat eine Liebeserklärung an diese alte, weise, schöne Frau gedreht, und so steckt der Film voller positiver Energie, die Papa Reichs Akkumulator sicher zum Brummen gebracht hätte.

Wilfried Hippen

Premiere am Sonntag um 11.30 Uhr in der Schauburg