Die verpasste Kulturrevolution

DAS SCHLAGLOCH VON MATHIAS GREFFRATH

Wahnsinnige in hoher Stellung, die Stimmen in der Luft hören, zapfen ihren wilden Irrsinn aus dem, was irgendein akademischer Schreiber ein paar Jahre vorher verfasste. John Maynard Keynes: „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, der Zinsen und des Geldes“, 1936

John Maynard Keynes hatte einen Traum: von paradiesischen Zuständen durch Umverteilung der Arbeit

Wolfgang Clement, Peer Steinbrück und Berthold Huber haben „gefühlsmäßig Verständnis“ für die Bochumer. Aber sie halten den Streik für „falsch“ und fordern die Arbeiter auf, doch bitte diszipliniert zu sein. „Aussichtslos“, raunen die Kommentare und setzen ihren grauen Realismus gegen das Aufbegehren bei Opel, gegen den grenzübergreifenden Warnstreik.

Es stimmt ja: Gegen transnationale Konzerne haben abhängig Beschäftigte keine Waffe mehr. Die „Arbeitnehmer“ in ihrer Mehrheit haben eingewilligt in ihr Globalisierungsschicksal, nur gelegentlich kriegen sie eine kurze Wut. Das Ende ist absehbar: „Lohnverzicht“ gegen vage Zusagen, längere Arbeitszeiten, womöglich wird die Regierung „Beschäftigungsgesellschaften“ finanzieren und ein paar tausend Älteren einen gestreckten Übergang in die Hartz-IV-Subkultur „gestalten“.

Der industrielle Sektor der alten Kapitalismen schrumpft, und die Wirtschaftspolitik kann wenig mehr, als die Überflüssigen zu alimentieren und die Notwendigen zu pazifizieren. Ohnmacht und Fürsorge, that’s all. Aber immer noch hören wir das Märchen, die Öffnung der Märkte, die Globalisierung, der Lohnverzicht, die Mehrarbeit würden, langfristig natürlich, allen zugute kommen – und neue Arbeitsplätze alter Art schaffen. Immer noch vollführen die Volkswirte der SPD den religiösen Spagat zwischen dem Bekenntnis zur Vollbeschäftigung und der Forderung, die Wochen- und Lebensarbeitszeit zu verlängern. Und weiter singen sie den Tina-Blues: There is no alternative.

Es glaubt nur niemand mehr daran. Der common sense der Kantinen und Rogowskis Drohungen sind näher an der Wirklichkeit: Das Überschusskapital strömt aus den saturierten Märkten des Nordens nach China, Indien, Osteuropa. Das Wachstum wandert aus. Der wilde Kapitalismus polarisiert die Welt: in Hochproduktive und Alimentierte, in gut bezahlte Kerntruppen und Ein-Euro-Hilflinge, in konsumistische Hochleistungsmilieus und Plusmarkt-Kulturen (inklusive Billig-Handys), in oligopolistische Imperien und ökonomische Vasallen, in vernetzte Weltmarktzonen und wachsende weiße Flecken. Wirtschaftskriege, nationalistische Regressionen und Populismen aller Art liegen in der Luft, aber das Denken über Alternativen erreicht die Gehirne nicht mehr, weil die Worte, mit denen wir die Welt begreifen, schon lange nur aus dem Wörterbuch der Ökonomie kommen. Irgendetwas ist mit den Gehirnen geschehen.

Vor gut zwei Generationen, die Weltwirtschaftskrise war in ihrem ersten Jahr, die Arbeitslosenzahl in Deutschland lag eine Million unter der von heute, hielt John Maynard Keynes eine Rede über die „wirtschaftlichen Aussichten für unsere Enkel“ – also für uns. Die durch technischen Fortschritt und Überakkumulation bedingte Arbeitslosigkeit des 20. Jahrhunderts, so sagte er, schaffe die Voraussetzungen für kommende, paradiesische Zustände. Die Produktivität des Kapitalismus werde die industrialisierten Länder in ein oder zwei Generationen mit allen notwendigen Gütern ausgestattet haben. Wachstum und Arbeitsplätze könnten dann in arme Weltregionen wandern. In den hochproduktiven Zonen aber werde eine Zeit anbrechen, in der wir „befriedigt unsere Energie anderen Zielen zuwenden können“. Eine Menschheit, die aus dem „Tunnel der Notwendigkeit“ träte, werde nur noch ein Problem haben: die übrig gebliebene Arbeit gerecht zu verteilen. „Zum ersten Mal seit seiner Erschaffung wird also der Mensch vor seine wirkliche, beständige Aufgabe gestellt sein: wie er seine Freiheit von drückenden wirtschaftlichen Sorgen nutzen soll, wie seine Muße auszufüllen ist, die Wissenschaft und Zinseszins für ihn gewonnen haben. […] Wir werden [uns bemühen müssen], die übrig gebliebene Arbeit auf alle Schultern zu verteilen. Drei-Stunden-Schichten oder die Fünfzehn-Stunden-Woche werden das Problem eine Weile hinausschieben. Denn drei Stunden am Tag sollten genügen.“

Zunächst aber müsse der Kapitalismus stabilisiert werden, so Keynes, damit er die Welt nicht in eine Katastrophe stürze. Wie bekannt, misslang das, und nach einem Weltkrieg mit vierzig Millionen Toten baute Keynes deshalb mit am Währungssystem von Bretton Woods, das dem Westen dreißig Jahre Prosperität bescherte. Dessen willentliche Zerstörung, die Entfesselung der Finanzmärkte, die vierte technologische Revolution, der Washington Oktroi und der Konsumismus, der an die Stelle jeder anderen Vorstellung vom guten Leben getreten ist – diese neuen Randbedingungen (und das Verröcheln der ökologischen Wende der Achtzigerjahre) haben nicht nur dazu geführt, dass Demokratien keine Wirtschaftspolitik mehr treiben. Folgenreicher für die Zukunft der Zivilisation ist es, dass alle Vorstellungen vom guten Leben, die nicht an Warenwachstum gekoppelt sind, heute weder als realistisch noch als politikfähig gelten. Neuerdings nicht einmal mehr als feuilletonfähig: In der FR wurden kürzlich André Gorz’ Überlegungen einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung verlacht: als Vision, die ihren Urheber aus dem Kreis ernst zu nehmender Sozialdenker verbanne.

Angesichts der wachsenden Brachen in den alten Industrienationen aber stellt sich die Alternative nach wie vor: entweder eine dauerhafte Spaltung der Gesellschaften in eine schrumpfende, aber gut bezahlte Beschäftigtenschicht und eine große Unter-unter-Klasse von Ausgehaltenen. Oder aber eine Umverteilung der Arbeit, sprich eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich – und die dazu erforderliche Bildungsanstrengung. Oskar Lafontaine hat das in den Achtzigern vorgeschlagen, und die Gewerkschaften haben ihn dafür geprügelt – heute wagen Gewerkschaftsführer wie Frank Bsirske, selbst gegen die eigene Einsicht, nicht einmal mehr, dieses Thema aufzugreifen. Aber das Experiment mit der 28-Stunden-Woche bei VW in den Neunzigerjahren hat gezeigt: Arbeitsumverteilung ist möglich.

Heute wagen es die Gewerkschaften nicht einmal, selbst gegen eigene Einsicht, das Thema aufzugreifen

Vor zehn Jahren sagte mir eine Verkäuferin in einer Karstadt-Filiale: „Natürlich würde ich zehn Stunden weniger arbeiten und auf ein Viertel meines Einkommens verzichten, wenn die anderen dadurch Arbeit bekämen.“ Ein, zwei Jahrzehnte lang lag da eine historische Chance in der Luft, das „gefühlsmäßig“ Richtige und das „Zielführende“ zu vereinen; aber die Gier der Unternehmen nach zweistelligen Zahlen und jungen Höchstleistern, die Konsumlust der kulturell verödeten „affluent workers“ und die offiziöse Wachstumsreligion haben sie zuschanden gemacht.

Heute, so scheint es, ist es für die Arbeit an Keynes’ Kulturrevolution zu spät. Aber dass sie nicht einmal versucht wurde: Das ist kein Managementfehler, sondern das historische Versagen von Gewerkschaften und SPD. Heute, nach zwanzig Jahren Reallohnsenkung, denkt niemand mehr daran , die Arbeit zu teilen – auch die Streikenden in Bochum nicht.

Fotohinweis: MATHIAS GREFFRATH lebt als Publizist in Berlin