Anschlag unter den Augen der Ordnungshüter

Die Untersuchungen zum Terroranschlag von Madrid legen nahe, dass die Behörden über die Anschlagspläne hätten bestens informiert sein müssen. Die Täter wurden überwacht und die Lieferanten des Sprengstoffs waren Spitzel

MADRID taz ■ Es klingt unglaublich. Aber wer die Dokumente liest, die der parlamentarischen Untersuchungskommission vorliegen, kommt zum Schluss, dass Spaniens Polizei alle Details kannte, um die Anschläge am 11. März auf die Pendlerzüge in Madrid zu verhindern. Doch die einzelnen Erkenntnisse wurden nicht ernst genommen oder nicht richtig ausgewertet. Und so ging unter den Augen der Ordnungshüter alles seinen grausamen Gang. 191 Tote und 1.500 Verletzte sind das Ergebnis der Schlampereien.

Einige der Täter wurden seit Jahren der Mitgliedschaft in Schläferzellen verdächtigt. So überwachte die Polizei Serhane Ben Abdelmajid Farkhet. Der von seinen Freunden „der Tunesier“ genannte Islamist war einer der Organisatoren der Anschläge. Er sprengte sich im April mit sechs weiteren Kommandomitgliedern in die Luft, als die Polizei ihr Versteck bei Madrid umzingelt hatte. „Er wurde immer wieder überwacht“, heißt es im Bericht der Polizeiführung, der dem Untersuchungsausschuss vorliegt und von der Zeitung El Mundo auszugsweise veröffentlicht wurde. „Die Maßnahme wurde nie aufgehoben“, heißt es da. Mit anderen Worten: Als Abdelmajid die Anschläge verübte, stand er unter Polizeiüberwachung.

Die Wahrheit belastet nicht nur Spaniens Behörden, sondern wohl auch die Marokkos

Parallel dazu wurden die Telefone des Tunesiers und eines Komplizen, des Telefonladenbesitzers Dschamal Sugam, auf Beschluss des Richters Baltazar Garzón in den Wochen vor den Anschlägen abgehört. Die Ermittler verdächtigten die beiden, Mitglieder für al-Qaida anzuheuern. Die Behörden unternahmen nichts. Dem Starrichter, der durch sein Verfahren gegen Chiles Exdiktator Augusto Pinochet bekannt wurde, scheint dies peinlich. Er verschwieg vor dem Ausschuss den Lauschangriff gegen Abdelmajid und Sugam.

Auch das Haus in Morata de Tajuña östlich von Madrid, in dem die Sprengsätze zusammengebaut wurden, stand unter Polizeiüberwachung, nachdem eine Nachbarin die Behörden auf „häufige Treffen zahlreicher Araber“ aufmerksam gemacht hatte, die nach dem 11. September 2001 für längere Zeit abrissen. Die Beamten besuchten das Gartenhaus mehrmals, zuletzt nur vier Tage vor den Attentaten. Sie konnten aber nichts sehen, da es durch einen hohen Zaun abgeschirmt war. Sie kamen zum Schluss, es handle sich wohl um „illegale Einwanderer“, womit für sie der Fall erledigt war.

Die Polizei wusste sogar vom Verkauf des Sprengstoffes und der Waffen an die Attentäter. Dies behauptet zumindest einer der Verhafteten, Rafá Zouhier. Der junge Marokkaner, der für die Guardia Civil, die paramilitärische Landpolizei, Spitzeldienste verrichtete, will seinen Kontaktbeamten darüber mehrfach informiert haben. Was dabei am meisten verwundert: Die Lieferanten des Sprengstoffs, der ehemalige Minenarbeiter Emilio Suárez Trashorros und sein Schwager Antonio Toro, standen ebenfalls auf der Liste der Informanten, diesmal bei der Nationalpolizei. Und bei dem Verkäufer der Pistolen und Schnellfeuerwaffen soll es sich um einen vom Dienst suspendierten Guardia-Civil-Mann handeln.

Der Abgeordnete der Partido Popular Jaime Ignacio del Burgo befragte den inhaftierten Rafá Zouhier schriftlich, da die Regierung und die kleinen Parteien im Untersuchungsausschuss verhindert hatten, dass Zouhier dort vernommen wird. Als Del Burgo die Antworten Zouhiers dem Untersuchungsausschuss vorlegte, wurde das Dokument nicht zugelassen. „Del Burgo verletzt mit seinem Tun die Würde des Parlamentes“, hieß es. Auch Richter und Staatsanwaltschaft lehnten dankend ab, als der konservative Abgeordnete das Dokument dort abgab. „Hat die Regierung etwa Angst, die Wahrheit könnte ans Licht kommen?“, fragt Del Burgo.

El Mundo vermutet, dass die volle Wahrheit nicht nur Spaniens Polizeikräfte belasten würde, sondern auch internationale Verwicklungen zur Folge haben könnte. So sollen Marokkos Geheimdienste von den Anschlagsvorbereitungen gewusst haben. Spätestens nach den Anschlägen auf westliche Einrichtung in Casablanca im Mai 2003 schleusten sie Spitzel in die Islamistenszene ein. Die Attentäter von Madrid standen in enger Verbindung zu denen von Casablanca. Was am meisten verwundert: Mohamed Haddad, einer der Männer, die laut Zeugenaussagen von Mitreisenden am Morgen des 11. März die Taschen mit den Sprengsätzen in den Zügen deponierten, wurde auf Betreiben Spaniens in Marokko festgenommen. Keine zwei Wochen später ließen Marokkos Behörden Haddad frei, ohne dass ihn Spaniens Ermittler vernehmen konnten, und das, obwohl er nachweislich mit mehreren Tatbeteiligten aus Madrid und Casablanca im Jahr 2000 an einem Al-Qaida-Treffen in Istanbul teilnommen hatte. REINER WANDLER