„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!“

Der unerreichbare KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann oder Warum der Arbeiterführer 60 Jahre nach seinem Tod den Kopf in karibischen Sand steckt. Eine kleine Odyssee zum Thälmann-Erinnerungsort in dem realsozialistischen Inselparadies Kuba

Unterwegs auf Kuba, unterwegs zur Ernst-Thälmann-Insel. 60 Jahre ist er nun tot, der Kommunistengott, elendig zugrunde gerichtet im Nazi-KZ. Im letzten sozialistischen Weltwinkel soll er weiterleben, und zwar – aber so sicher ist man sich da nicht – auf offiziell gesamtdeutschem Boden! Unfassbar. Wir wollen zur Cayo Ernesto Thaelmann, jenem karibischen Archipel, das Fidel Castro angeblich vor über dreißig Jahren der jungen Honecker-DDR schenkte.

An einem herrlichen Junitag des Jahres 1972 gleitet Fidel Castro gut gelaunt die Gangway des Flughafens Schönefeld hinunter, direkt hinein in die Arme des neuen SED-Chefs Erich Honecker. Die Kubakrise zehn Jahre zuvor, als russische Eskapaden auf der Karibikinsel die Welt fast in die atomare Apokalypse gepokert hatten – längst Geschichte. Kennedy erschossen, Chruschtschow abserviert, nur Fidel putzfidel. Ein Hauch Weltgeschichte weht in die DDR hinein. Die „Aktuelle Kamera“ zeigt den máximo líder als Zuhörer neben dem Rednerpult. Dann ist der Kubaner am Zug. Mit großer Geste breitet er eine riesige Karte aus. Was der Sprecher und dann das Neue Deutschland am 20. Juni 1972 verkünden, wird die Geburt der Legende: Fidel schenkt der DDR eine Insel. Das Sandarchipel Cayo Blanco del Sur im Süden Kubas, kaum einen halben Kilometer breit, aber über zwanzig Kilometer lang, ein palmenbedecktes Karibikparadies, erhält einen neuen Namen: „Cayo Ernesto Thaelmann“.

Ein Thälmann-Denkmal soll errichtet werden unter karibischer Sonne im Busen der Schweinebucht, dort, wo die imperialistische Invasion der USA so triumphal zurückgeschlagen wurde. Die Feiern überschlagen sich. Frank Schöbel, Schlagerstar Nummer eins der DDR, singt für Fidel kubanische Lieder. Dass er wenige Jahre nach dem Castro-Empfang selber deutsche Lieder auf der Ernst-Thälmann-Insel singen wird, ahnt er damals nicht.

8.500 Kilometer und gut 30 Jahre später kommen wir Thälmann und seiner Insel näher. Die letzten Regenwolken haben sich verzogen, Alligatoren wälzen sich neben der Straße durch den Sumpf, nur durch dünne Maschendrahtzäune davon abgehalten, weiter durch die Landschaft zu spazieren. Rechts und links der Straße zeugen noch ein paar zerschossene Überreste von der gescheiterten US-Invasion in der Schweinebucht 1961, trostlos wie die großen Tafeln mit den abgeblätterten Losungen. „Hasta la victoria siempre“ – stets vorwärts bis zum Sieg! In der Schweinebucht liegen Schiffe der kubanischen Kriegsmarine. Von hier aus sind es noch 20 Seemeilen bis zur Ernst-Thälmann-Insel. Wir sind fast am Ziel!

Beim Hafenverwalter fragen wir, wie man zur Ernst-Thälmann-Insel übersetzen kann. Der rundliche Mann empfängt uns freundlich, kann aber nicht helfen. Natürlich kennt er die Thälmann-Insel. Er sei ja selbst dabei gewesen, bei der Einweihung der Insel vor mehr als dreißig Jahren. Ein paar Deutsche seien extra aus Havanna, ja sogar aus der DDR angereist. Wunderbare Aufbruchstimmung damals, alles sehr herzlich. „Fragt doch bei der Fischereiflotte!“

Tatsächlich waren es Fischereibarkassen, die im Spätsommer 1972 hinaus zur Thälmann-Insel fuhren. An Bord DDR-Botschaftsrat Gerhard Witten mit kleinem Strohhut, ein DRR-Handelsattaché und der Offizier zur See Manfred Sawitzki vom deutschen Schulungsschiff „Gottlieb Fichte“ mit seiner Super-8-Kamera. Seine Bilder zeigen lauter fröhliche, hübsche Kubanerinnen. Der Handelsattaché, schwer seekrank, liegt wie ein Toter auf Deck. Der Botschaftsrat fällt beim Aussteigen ins Wasser und muss erst mal sein Hemd an einem Baum trocknen. Aber dann: eine stolze, viele Meter hohe und strahlend weiße Thälmann-Büste. Entschlossen schaut der Betontitan über die jubelnde Menge nach Süden aufs Meer hinaus.

Für den normalen DDR-Bürger war er weiter weg als der Mond. Für Schöbel nicht. 1975 sieht die DDR ihren Superstar im Farbfernsehen durch azurblaues Wasser waten. Schöbel und Band streifen durch tiefgrüne Mangroven und über strahlend weißen Sand. „Unterwegs mit Musik auf Kuba“ heißt das Ganze, Schöbel singt auf weißem Sand vor weißem Thälmann, und Ostdeutschland entdeckt ein Paradies. „Playa DDR“ hieß der Strand! Schöbels extra komponiertes Lied, „Die Insel im Golf von Cazzone“, klingt exotischer als „Thälmann-Insel in der Schweinebucht“, aber eigentlich auch nicht wirklich gut. „Auftragsproduktion halt“, hatte Schöbel dazu gesagt. Der erste große Auftritt der Insel im DDR-Bewusstsein bleibt auch der einzige. Doch es entsteht der Mythos, dass „Honni da och noch ’ne Insel hat“.

Wir wollen sehen, wie es dem Beton-Thälmann geht. Im Fischereihafen zögert der Flottenchef. Er würde gerne, aber man brauche eine offizielle Genehmigung. Wir gehen zum Militärhafen, fragen, ob man uns eine Genehmigung zum Übersetzen mit dem Fischerboot geben kann. Wir wollen mit einem der Betonboote so lange fahren, bis wir Thälmann die karibische Sonne grüßen sehen. Der Oberst ist verlegen. Er müsse erst ein Fax nach Havanna schicken. Allerdings: „Das Fax funktioniert aber nicht.“ Dann rufen wir halt an. Das gehe nicht, man brauche schon was Schriftliches aus Havanna. Der kubanische kategorische Konjunktiv. Es ginge schon, aber es geht nicht. Der Mann lächelt.

Wir ahnen langsam, dass es schwierig wird mit der Reise zu Thälmann. Scheitern wir wie die Initiative www.ernst-thaelmann-insel.de? Die Internet-Hallodris verunsicherten als Erste das Auswärtige Amt und den kubanischen Staat mit der Frage, ob Fidels Schenkung nach der Wiedervereinigung nicht der neuen BRD gehöre. Die Floskel, die Schenkung sei „symbolisch“ gewesen, wollten die New-Economy-Kids nicht akzeptieren und werben unverdrossen dafür, Geld zu sammeln und dem von allen sozialistischen Gönnern verlassenen Kuba ein Angebot zu machen, das Castro nicht ablehnen kann. Gut 22 Millionen Dollar sollen zusammenkommen für die menschenleere, kleine Insel mit dem wohl einsamsten Ernst-Thälmann-Denkmal der Welt.

Initiator Marcel Wiesinger träumt: „Bei der anhaltenden Ostalgiewelle wäre es doch prima, statt der Ostsee die Karibik zu bereisen. Man könnte dort die DDR zelebrieren und beispielsweise einen Erich-Honecker-Animateur täglich zur Strandgymnastik auftreten lassen.“ Aber bislang hat Castro nicht reagiert.

Wir suchen den ehemaligen Nationalparkwächter Manolo auf, unsere letzte Hoffnung, Ernst Thälmann doch noch ins Betongesicht schauen zu können. Wir finden ihn ganz am südlichen Rand der Halbinsel. Von hier aus sind es nur noch wenige Seemeilen bis zur Cayo Ernesto Thaelmann, ein Katzensprung. Manolo wankt. Er könne zwar ein paar Dollars gut gebrauchen. Aber ohne offizielle Genehmigung mit einem winzigen Motorboot und ein paar Fremden durch die militärische Sperrzone der Schweinebucht, das sei Wahnsinn. Und dann, ganz nebenbei, erzählt er uns den wahren Grund, warum Kuba niemanden auf die Insel lassen möchte. Sie ist umgefallen, die Thälmann-Büste, umgeworfen von „Mitch“, dem Hurrikan mit dem nordamerikanischen Namen. Der Arbeiterführer steckt den Kopf in den weißen Sand, sein Sockel ist schwer angeschlagen. „Aber sicher“, tröstet Manolo, „wird ihn irgendwann wieder jemand aufstellen.“ Wir geben uns endgültig geschlagen.