Behauptung und Beweis

Obwohl es Debattierclubs an den deutschen Universitäten noch nicht lange gibt, erleben sie eine Blütezeit. Bei dem kostenlosen Rhetorik-Training lernt man auch so manchen Kniff fürs Seminar

Im August letzten Jahres begannen Christian Gollners öffentliche Auftritte, inzwischen nennt er sich schon deutscher Meister. Mit seinem Partner Jan Lemnitzer gewann der Jurastudent die Debattiermeisterschaft der Hochschulen. Die finale Streitfrage der „ZEIT-Debatten“ im alten Bonner Bundestag lautete „Gates ist wichtiger als Goethe“, und die Heidelberger überzeugten mit einem Plädoyer für den Dichter. Wichtiger als dieser Titel sind Gollner die vielen Kleinigkeiten, die er beim Debattieren gelernt hat: laut und deutlich zu sprechen oder mehr auf die Gestik zu achten. „Am wichtigsten in den Debattierclubs ist das kritische Feedback“, sagt Gollner, „dass dir jemand sagt: Kratz dich nicht ständig am Ohr.“

Mit dem Wintersemester beginnt die neue Saison für die Debattierclubs. Und was an angelsächsischen Universitäten fast ein Muss ist, wird auch hierzulande immer populärer. 1991 wurde in Tübingen ein erster solcher Hochschulverein gegründet und fristete bis Ende der Neunzigerjahre ein einsames Dasein. Dann kam es zu einem wahren Boom, inzwischen gibt es etwa 40 Clubs, die meisten davon sind im Verband der Debattierclubs an Hochschulen (VDCH) zusammengeschlossen.

„Es gibt hier eine tierische Dynamik“, sagt der Präsident des VDCH, Florian Wichelmann. Dass das Phänomen organisierten Diskutierens so jung ist, macht vielleicht auch seine Attraktivität aus. Wichelmann jedenfalls findet: „Wir sind nicht ganz so steif, konservativ und elitär wie vielleicht die Briten.“ Auch das Vorurteil, deutsche Redner wären langweiliger und verbissener, kann der 23-Jährige nicht bestätigen. Auf internationalen Turnieren fand Wichelmann den Redestil der Engländer oder Franzosen eher sachlich, die deutschen Redner würden dagegen mehr am Rednerpult agieren und auf das Publikum eingehen. „Verbissener ist es vielleicht“, sagt Wichelmann, „wir nehmen das alles sehr ernst und machen eine kleine Wissenschaft daraus, zum Beispiel bei den Regelwerken.“

So gibt es die „Wartburgregeln“ oder das System der „Offenen Parlamentarischen Debatte“. Am weitesten verbreitet ist jedoch der international gebräuchliche „British Parliamentary Style“ (BPS), der auf die Ursprünge des Debattierens verweist. In unserer Gesellschaft gebe es eher eine Diskussionskultur, sagt Wichelmann: „Man sitzt im Parlament oder bei Christiansen im Kreis und diskutiert ein bisschen, aber es ist nicht der konfrontative Schlagabtausch wie im britischen Unterhaus.“

Redezeit und Ablauf der Debatten sind genau geregelt, die Streitthemen werden zugelost. So kommt es, dass ein überzeugter Grüner plötzlich für den Ausbau der Atomenergie argumentieren muss, doch genau dabei wird die Redefähigkeit besonders geschult. „Der Sinn des Ganzen ist gerade, sich in andere Positionen reinzufinden“, sagt Christian Gollner.

Sein Kollege Florian Wichelmann studiert Politikwissenschaften in Berlin, der gepflegte Redewettstreit ist aber nicht nur eine Sache für Geisteswissenschaftler. Anfangs gab es in seinem Berliner Club vor allem Juristen, inzwischen wird fächerübergreifend gestritten. „Als die besten Debattierer haben sich die Physiker herausgestellt“, sagt Wichelmann, „weil die wahnsinnig strategisch, logisch und stringent denken und argumentieren können.“

Ein entscheidender Grund für den enormen Zulauf zu den öffentlichen Debatten ist wohl, dass Rhetorik an den Unis kaum gelehrt wird. Neben der Gliederung einer Rede sei es auch wichtig, die Argumente in sich zu strukturieren, erklärt Wichelmann. Dabei hilft der so genannte BBB-Dreischritt. Man versucht, jedes Argument auf drei Bestandteilen aufzubauen: Behauptung, Begründung und Beweis. Außerdem hat Wichelmann beim Debattieren gelernt, schneller die grundsätzlichen Konfliktlinien hinter einem Streit zu erkennen. „Man versucht dann, Streitfragen weiter runterzubrechen, das hilft auch in Seminaren sehr.“

Um einiges reizvoller als Unidiskussionen sind freilich die deutschen Meisterschaften, die nun in diesem Jahr zum fünften Mal ausgetragen werden. Die Gewinner von drei regionalen Vorausscheidungsturnieren debattieren dann um den Meistertitel. Ein weiterer Höhepunkt ist ein europaweites Turnier, das im April in Berlin stattfindet. Die Veranstalter von der „Berlin Debating Union“ hoffen damit auch ihrem Ziel näher zu kommen, in den nächsten Jahren die EM in die Hauptstadt zu holen. Wer sich schon darauf vorbereiten möchte, kann das jeden Dienstagabend in der Humboldt-Universität tun.