„A steht für Allah“

Interview ARNO FRANK

taz.mag: Eben wurden Sie vor dem Hotel von drei Dutzend Autogrammjägern belagert – fast ein Vierteljahrhundert nach Ihrer letzten Platte. Stört Sie der ungebrochene Trubel um Ihre Person?

Yusuf Islam: Es ist kein Trubel, sondern eine Erinnerung daran, wie groß mein Einfluss auf das Leben, die Gedanken und vielleicht auch Träume anderer Leute war. Es stört mich nicht wirklich, aber ich versuche auch klar zu machen: Hier bin ich heute, und ich bin ein Resultat dessen, was ich gestern war. Es ist eine Reise.

Sind Sie angekommen?

Ja, das bin ich. Und das ist mir heute wichtiger als die Vergangenheit. Ich habe so viel zu tun, dass ich gar nicht weiß, wie ich das alles bewältigen soll. Die Arbeit für die Kinder, Benefiz-Projekte, die Medien, das Schreiben …

und die Musik?

1995 habe ich mein eigenes Label gegründet, es heißt Mountain Of Light. In einer Zeit, da sich die Missverständnisse über den Islam immer mehr häufen, möchte ich mit der Musik wieder als eine Art Lehrer auftreten, um den Menschen islamische Musik und Kunst näher zu bringen. Wenn Sie sich meine jüngsten Lieder anhören, werden Sie überrascht sein über die Entwicklung des Stils, des Genres.

Die Menschen mochten Ihren alten Stil ja ganz gerne.

Unlängst habe ich in London ein Benefizkonzert gegeben zugunsten der muslimischen Schule in London, die wir vor genau zwanzig Jahren gegründet haben. Es war ausverkauft.

Es war Ihr erster Auftritt seit sehr, sehr langer Zeit …

… mein erster Auftritt auf einer englischen Bühne seit 27 Jahren. Und es war großartig, ein ganz besonderer Abend.

Haben Sie auch alte Stücke gespielt?

Ich habe drei neue Songs gespielt. Einer heißt „I Look, I See“, ein anderer „God Is The Light“ und der dritte „Wind, East And West“. Und dann spielte ich noch „Peace Train“. Der Song ist sehr nah dran an den Realitäten heute, gerade vor dem Irakkrieg, als es viele Antikriegsdemonstrationen gab. „Peace Train“ ist wie eine alte Lokomotive, er ist für die Ewigkeit gebaut.

Aber lange wussten Sie nicht, wohin die Reise geht.

Stimmt, die Fahrkarte war kostenlos – aber ich wusste lange nicht, wohin mich der Zug bringen würde.

Fühlen Sie sich berufen, zwischen dem Islam und der westlichen Welt zu vermitteln?

Ich will nicht Sprecher derjenigen sein, die den Islam nicht repräsentieren – das zu sagen, ist mir wichtig. Aber ich möchte versuchen, den zivilisierenden Beitrag zu unterstreichen, den der Islam in dieser Welt leisten kann und auch schon geleistet hat.

Für Zivilisation im Sinne eines aufgeklärten Bürgertums steht der Islam ja nicht unbedingt und überall.

Stimmt, mit der Zersplitterung der islamischen Welt sind die Probleme nicht kleiner geworden, eher größer. Aber können wir dem Islam dafür die Schuld geben? Das liegt doch auf der Hand: Es gibt so viele islamische Länder, die alle auf ihre Art versuchen, sich in dieser globalisierten Welt zu behaupten.

Motor der Globalisierung sind die USA. Hegen Sie Groll gegen sie?

Ich glaube, die USA sind ein naives Volk, nicht annähernd so weit entwickelt wie die europäischen Nationen. Deswegen machen sie so viele Fehler. Wie weit kann Amerika gehen? Soll die Welt amerikanisch werden? Ich glaube nicht. Sie müssen mit anderen Kulturen in Frieden zusammenleben, nur so können sie selbst prosperieren. Ich meine, schauen Sie sich George W. Bush an. Er sollte diesen Job nicht haben, er dürfte diesen Job nicht haben – und jeder weiß das!

Wäre, wie Sie sagten, Bob Dylan der bessere Präsident Amerikas?

Nein, die Zeiten haben sich verändert. Wie er selbst gesungen hat, „the times they are a-changing“. Gegen die Hegemonie der USA muss trotzdem ein Kraut gewachsen sein.

Mit Atomwaffen – wie Iran? Mit Bomben – wie al-Qaida?

Mit vielen Menschen ist schlecht umgegangen worden. Und manche Menschen reagieren wegen ihrer Frustration und Ignoranz komplett unislamisch. Deshalb ist es wichtig, hier die Wahrnehmung zu verändern. Der Islam ist nicht nur eine Botschaft für die arabische Welt. Der Islam ist eine spirituelle Botschaft. Das wird gerne vergessen.

Und daran wollen Sie erinnern?

Das drücke ich in meinen neuen Songs aus. Ein Titel wie „God Is The Light“ – was könnte profunder sein? Wenn man das erst einmal verstanden hat …

Wann haben Sie denn verstanden?

Ich war glücklich genug, die Chance gehabt zu haben, den Islam ganz privat und ohne den Einfluss irgendeines Muslims studieren zu können, der mir sagt, wie ich das zu verstehen habe. Ich las einfach nur den Koran, ganz alleine.

Was hat Sie denn damals, 1977, daran interessiert?

Seine Authentizität. In der Bibel ist alles von den Evangelisten interpretiert, mal so, mal ein bisschen anders. Der Koran ist erhalten, wie er damals aufgezeichnet worden ist. Ich war ein Freidenker, ich hatte keinerlei Barrieren. Ich glaubte nicht an Barrieren. Also wusste ich nicht, warum ich nicht den Koran lesen sollte – obschon er mit einigen Tabus belegt war, die in meiner Kultur begründet waren.

Welche Kultur war das?

Aufgewachsen bin ich als Christ, ich bewunderte gewisse Aspekte des Buddhismus – und fand all das vortrefflich auf den Punkt gebracht im Koran.

Warum haben Sie seinerzeit die Fatwa gegen Salman Rushdie unterstützt?

Habe ich nicht, das war die Falle eines Journalisten, das war Politik. Ich wurde in einem völlig anderen Rahmen danach gefragt, was mit Leuten geschehen solle, die den Namen Gottes verhöhnen. Und als gelehriger Schüler des Koran habe ich rezitiert, was für solche Fälle vorgesehen ist. Es ist Politik. Und was Politik bedeutet, das zeigt uns schon das Schicksal von Julius Caesar: Dolchstöße in den Rücken. Mit dem Koran, mit der Botschaft des Islam, die mich so beeindruckt hat wie nichts anderes, hat das gar nichts zu tun.

Was hat Sie denn nun so sehr beeindruckt?

Die Idee des Einen Gottes. Wenn Sie das verstehen, verstehen Sie das Universum. Und Sie verstehen, warum Leute sich bekämpfen – weil sie sich weigern, die Herrschaft des Einen anzuerkennen, der die Regeln des Lebens vorgibt. Ich sah es als einen Weg zum Frieden und zur Linderung.

Für Sie selbst – oder für die ganze Welt?

Speziell für mein Leben. Der Koran half mir, auf die Füße zu kommen und mein eigenes Leben zu leben.

Als ob Sie das vorher nicht getan hätten! Sie waren ein Weltstar!

Ich war ein Popstar und lebte das Leben eines Popstars. Aber ich war gefangen in meiner kleinen Kapsel. Nicht dass ich da nicht hin und wieder ausgebrochen wäre. Ich hatte viele Freunde, die nicht unbedingt Showbiztypen waren – aber ich saß dennoch in dieser Kapsel, die es mir unmöglich machte, mit meinem gewöhnlichen, echten, wie soll ich sagen … mit meinem unprätentiösen Selbst in Kontakt zu treten. Das hatte ich für eine Weile verloren.

Viele Ihrer Songs handeln von einer spirituellen Suche …

Ja, ich habe mal geschrieben (denkt lange nach) … es ist aus „Sitting“ … „I’m not making love for anyone’s whishes / Only for that light I see / ’Cause when I’m dead and lowered low in my grave / That’s gonna be the only thing that’s left of me“. Das ist das Licht der Liebenswürdigkeit, nach dem ich mein Leben auszurichten versuchte. Manchmal habe ich es verfehlt, manchmal verblasste es. Aber es drückte die Liebe aus, die ich dem Leben selbst gegenüber empfand.

In „Where Do The Children Play“ singen Sie die prophetische Textzeile „They keep on building higher till there’s no more room up there“.

Ja, „Wolkenkratzer füllen den Himmel, und sie bauen immer höher, bis dort oben kein Platz mehr ist“.

Nach dem 11. September bekam das einen etwas seltsamen Beigeschmack.

Es war völlig verrückt, völlig verrückt. Andere Sachen auch. Das gibt’s den Song „Tuesday’s Dead“ mit der Textzeile „Where do you go when you want no one to know“, wissen Sie, das ist schon sehr, sehr merkwürdig (lacht). Aber das Interessanteste war, was ich in „On The Road To Find Out“ geschrieben habe: „Pick up a good book“, nimm ein gutes Buch in die Hand. Ich bin sehr froh, dass ich nicht „the book“ geschrieben, dass ich mich da nicht festgelegt habe. Es ist völlig egal, welches Buch dich dorthin führt.

Also gibt es immer noch „a million ways to be“, auch für den strengen Muslim?

Ach, das ist doch das Dilemma: Wenn wir die Wahl haben, haben wir auch die Verantwortung. Das ist es, was viele Leute vergessen, diese mitfühlende Liebe zum Leben als solche. Die Leute gehen im Laufe der Jahre immer konformer damit, was die Welt von ihnen will. Sie verlieren ihre Kindlichkeit, wenn Sie so wollen.

Sie selbst haben fünf Kinder. Welchen Rat würden Sie ihrem achtzehnjährigen Sohn geben, wenn er Rockstar werden wollte?

Ich würde ihm zu Flexibilität raten. Manchmal müssen Menschen eine Wahl treffen, manchmal machen sie Fehler, und dann müssen sie aus diesen Fehlern lernen. Solange Sie ein leitendes Prinzip haben, können Sie es durch die Prüfungen und Probleme des Lebens schaffen. Mein Sohn hat bereits einige Songs geschrieben, das wird noch interessant.

Was hat es mit der muslimischen Schule auf sich, die Sie in London gegründet haben?

Es gab zu diesem Thema schon vorher viel Blabla, aber keine Lösungen. Es gibt Schulen mit christlichem Religionsunterricht – und nun gibt es auch eine Schule mit Islamunterricht. Das ist auch schon alles, es ist keine Koranschule.

Der Islam kann doch in jeder säkularen Schule gelehrt werden.

Im Laufe des Lebens gibt es eine kontinuierliche Säkularisation … hm, wie ist das mit der Religion in der Schule in Deutschland?

Man kann es sich in der Regel aussuchen.

Wenn das so ist, bleiben dem Islam einfach nur ein paar Seiten im Sozialkundebuch. Das ist zu wenig, denn der Islam hat mehr zu bieten. Wenn Sie sich anschauen, dass die Propheten ausgesandt wurden, um die Welt zu verändern – das hat mehr Aufmerksamkeit verdient als ein paar Seiten im Sozialkundebuch.

Was meinen Sie mit Aufmerksamkeit? Mehr beten?

Das erste Lied, das ich nach meinem Übertritt zum Islam geschrieben habe, war für meine kleine Tochter, die gerade das Alphabet beigebracht bekam. Das Lied hieß „A Is For Allah“. Ich wollte meiner Tochter beibringen: Vergiss die Äpfel, sie sind nicht das Erste, woran man denken sollte. Das Erste, woran man denken sollte, ist der Schöpfer der Äpfel, der Schöpfer von allem. Wenn Sie das wissen, wissen Sie, was wirklich wichtig ist.

Trotzdem: Wie konnten Sie den Drang nach künstlerischem Ausdruck von heute auf morgen verlieren? Islam und Musik schließen einander doch nicht aus.

Den Effekt, den die Lektüre des Koran auf mich hatte, kann ich am besten mit einer Metapher erläutern: Ich stand da mit einer Kerze in meiner Hand – und plötzlich war die Sonne aufgegangen. Was soll ich am hellen Tag mit einer Kerze?

Und danach haben Sie tatsächlich alle Ihre Instrumente verkauft? Haben Sie sich wirklich von einem Tag auf den anderen so sehr verändert?

Sie verändern sich nicht wirklich, wenn Sie ein Muslim werden. Aber was passieren sollte, ist, dass Sie die wahre Essenz dessen erkennen, was Sie wirklich sind und in diesem Universum erreichen wollen.

Musik lenkt davon ab?

Eigentlich schon, ja. Zumindest mich (lacht).

Es heißt, Religionen wie der Islam könnten nur in der Wüste entstehen

In der Einöde, genau! Jesus ging in die Wildnis, Mohammed auf einen Berg namens „Berg des Lichts“. Fernab von den Versuchungen der Zivilisation.

So wie Sie?

So wie ich.

Millionen Fans haben das nicht verstanden. Und die Leute, die vorhin vor dem Hotel auf Sie warteten, wohl auch nicht.

Okay, dann will ich es so erklären: Sie sind in einem dunklen Raum und können die Dinge ertasten. Dann kommen Sie an den Lichtschalter und können plötzlich die Dinge sehen, wie sie wirklich sind. Das ändert nichts an den Dingen, aber an Ihrer Einstellung dazu. Sie fangen an, die Dinge zu akzeptieren. Ja, Akzeptanz ist das richtige Wort. Gestern habe ich mit dem Hollywoodschauspieler Christopher Reeves geplaudert, der im Rollstuhl sitzt, und er sagte: „Die wichtigste Lehre für mich war es, mein Schicksal zu akzeptieren.“

Und das heißt?

Das meiste Unheil auf dieser Welt rührt daher, dass die Menschen unbedingt, unbedingt versuchen, es zu kontrollieren. Aber das geht nicht, das geht nicht. Was uns fehlt, ist Demut.

Christopher Reeves hat für diese Erkenntnis einen hohen Preis bezahlt.

Aber wer weiß, wohin es führt? Es gibt so etwas wie eine universelle Gerechtigkeit. Und alles, was uns zustößt, führt am Ende zu etwas Besserem. Davon bin ich überzeugt.

Große Musiker wie Leonard Cohen oder Van Morrison hatten immer auch eine spirituelle Seite – und dennoch verzichteten sie nicht auf die Musik.

Einige dieser Leute, von denen Sie sprechen, habe ich unlängst getroffen. Ich bin verblüfft darüber, wie groß mein Platz im Herzen auch befreundeter Künstler ist …

Was ich tat, tat ich ganz naiv, einfach weil ich dachte, ich müsste es tun, ganz natürlich. Heute geben mir viele der ehemaligen Pop- und Rockkollegen Recht. Ich habe mal eine Textzeile geschrieben, „I’m not the only one“, die dann auf einmal von John Lennon adaptiert wurde. In „Imagine“. Ich konnte es nicht fassen: John Lennon sang eine Zeile von mir!

Sie haben früher Ihre Albumcover selbst gestaltet. Malen Sie eigentlich noch?

Oh nein, ich benutze Adobe Photoshop! Ich liebe Computer!

Der Islam bevorzugt ornamentale Kunst.

Was daran liegt, dass die Menschen beginnen, die Dinge unter Gott zu verehren – nicht Gott selbst. Es ist ein Ratschlag, das Eigentliche nicht zu vergessen. Das gilt für viele Bilder, vor allem im Fernsehen. Mit dem wahren Leben hat das Fernsehen nichts zu tun, und doch ist es für viele Menschen ein Ersatz für und eine Flucht vor dem richtigen Leben. Ich versuche, etwas zu schaffen, dass einen lehrreichen Effekt hat.

Nicht alle Menschen wollen belehrt werden.

Das Wort „Ignoranz“ bedeutet: Ich weiß, dass etwas da ist – aber ich ignoriere es. Ich gehe nicht los, es zu suchen. Also bin ich ignorant.

Verstehen Sie sich als Prediger?

Prediger? Nicht wirklich. Ich mag das Wort „Prediger“ nicht, da bekomme ich eine unangenehme Gänsehaut. Lehrer sind dann am besten, wenn sie den Hunger auf Wissen schüren. Wenn sie nur predigen, dringen sie nicht zu den Schülern durch. Ein inspirierender Lehrer bringt die Schüler dazu, empfänglich zu sein für das, was er lehren will.

Musik ist im Islam ebenfalls sehr wichtig.

Im Koran steht, dass die guten Dinge, die Gott uns gegeben hat, durchaus genossen werden dürfen. Nur wenn es korrumpiert wird und fault, dann ist es verboten. Erlaubt sind beispielsweise Hochzeitslieder, positive Lieder. „Morning Has Broken“ ist ein perfektes Beispiel dafür, auch „Peace Train“.

Ihre Songs waren islamisch, lange bevor Sie es wurden?

Ja (lacht), sie sind mir vorausgegangen.

Musik kann Vehikel zur Erleuchtung sein. Im Techno beispielsweise tanzen sich die Menschen in Trance – was soll daran faul sein?

Ich gehe nicht in Diskotheken, eben deswegen. Nicht weil ich da Vorurteile hätte. Sondern weil es mich nirgendwo hinbringt. Was dort gespielt wird, dient nur dem Geldverdienen. Es ist ein Geschäft. Deswegen heißt es ja auch Musikgeschäft.

Es ist aber auch ein Genuss.

Leute wollen die Sinne, die Gott ihnen gegeben hat, möglichst effektiv nutzen. Sie halten das dann schon für das Leben als solches. Wenn sie nicht sehr gut aufpassen, können sie diese Sinne sehr schnell verlieren. Wer zu viel Musik hört, verliert sein Gehör. Viele gesundheitliche Probleme rühren daher, dass die Menschen ihre Sinne allzu stark reizen. Ich halte mich fern davon, das ist nicht mehr mein Leben.

Sie hören keine zeitgenössische Musik?

Nein, nicht wirklich. Nicht viel.

Nicht viel? Was denn?

Travis, Coldplay. Und die Flaming Lips, ganz großartig. Eine unglaublich interessante Gruppe.

Die haben auch ein sehr spirituelles Element in ihrer Musik.

Und Elemente von Cat Stevens! Kürzlich erst mussten sie zugeben, dass sie für „Fight Test“ auf dem Album … na, wie hieß das doch gleich …

„Yoshimi Battles The Pink Robot“?

Ja, sie haben die Melodie von „Father & Son“ geklaut. Mir wäre es egal gewesen, aber die Plattenfirma reagierte gereizt. Ich fand’s fantastisch. Es war ein Kompliment. Ich liebe das Lied. Wenn sie den Bereich des geistigen Eigentums betreten, wird’s sehr schwierig, weil jeder bei jedem borgt … (sieht aus dem Auto heraus einen Dönerladen namens „Ali Baba“) Oh, „Ali Baba“! Ali Baba … mein Vater sagte immer, wenn er einen Araber sah: Ali Baba.

Herr Islam, als Cat Stevens hatten Sie stets abgekaute Fingernägel …

Ja, ja, schlimm. Jetzt sind sie frisch manikürt, oder?

Sind sie. Verbietet der Islam das Fingernägelkauen?

Natürlich nicht! Ebenso wenig wie das Rauchen, das ich ebenfalls aufgegeben habe. Als ich den Einfluss gesehen habe, den das Rauchen auf Menschen haben kann, habe ich es aufgegeben. Ich saß einmal im Kino neben einem Raucher, und als ich dieses ekelhafte, angeekelte Gesicht gesehen habe, gab ich es instinktiv auf.

Sie essen koscher?

Ich versuche, mich daran zu halten.

Ihre Frau ist verschleiert?

Ja, aber es war ihre Entscheidung. Muss ich den Sinn des Schleiers erklären? Es geht nicht um Schleier oder Schwein. Es geht darum, Lebensführung aus einer Quelle zu beziehen, die nicht angezweifelt werden kann. Viele Dinge tun wir aus dem Glauben heraus. Aber im Islam fand ich ein hohes Maß an Logik.

Welche Logik?

Bei allem, was irgendwie funktioniert, gibt es einen Verantwortlichen. Also muss es einen Schöpfer geben, es muss einen Kapitän dieses Schiffes geben!

Die Idee des „unbewegten Bewegers“ gibt es aber auch schon seit Aristoteles.

Genau! Blättern Sie nach, wo Sie wollen! In der griechischen Philosophie, in der Bibel, in den Veden, in den Upanishaden. Was ist das erste Gebot? „Du sollst keinen anderen Gott neben mir haben“! Das ist keine politische, keine kulturelle, sondern eine universelle Erkenntnis.

Es gibt aber in einer desintegrierenden Welt so viele verschiedene Angebote, die metaphysisch Obdach gewähren.

Richtig, und das verwirrt mich schrecklich. Das war es, was mich am Islam so berührt hat: Du kannst nichts finden, das wahrer wäre.

Und Sie haben die Suche endgültig aufgegeben?

Nein! Würden Sie mir jetzt, in dieser kostbaren Sekunde, etwas zeigen, dass wahrer wäre – ich würde es akzepieren. Aber das gibt es nicht...

ARNO FRANK, 32, ist taz-Redakteur im Ressort tazzwei, hört zeitgenössische Musik aller Art und wird es wohl nie schaffen, sich einen virilen Vollbart wachsen zu lassen