RAF historisiert?

Jan Philipp Reemtsma, 1952 in Bonn geboren, Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung, schreibt als Autor vor allem zu Phänomen gesellschaftlicher Gewalt, auch in der Zeitschrift des Instituts, dem Mittelweg, in dessen aktueller Ausgabe er gerade Gedanken zur destruktiven Kraft von Nachbarschaftlichkeit veröffentlicht hat.

Mitte September hielt Reemtsma in der Evangelischen Akademie Arnoldshain (Tagungstitel „Phänomen RAF – Beiträge zur Historisierung“) einen Vortrag: „Was heißt ‚die Geschichte der RAF verstehen‘?“

Sein Referat wird ebenso wie andere Tagungsbeiträge in einer dreiteiligen Reihe zu finden sein, die im Herbst 2005 unter der Herausgeberschaft des Chronisten der Achtundsechzigerbewegung, Wolfgang Kraushaar, in der Hamburger Edition (als Buch wie als CD-Rom) als Quellensammlung veröffentlicht wird, Überschrift: „Die RAF und die Herausforderung der Demokratie (1970–1998)“.

Birgit Hogefeld, geboren 1956, ging 1984 in den Untergrund und schloss sich der RAF an. 1993 wurde sie in Bad Kleinen verhaftet. Ihr Lebensgefährte Wolfgang Grams und der Polizist Michael Newrzella starben bei der Festnahme. 1996 wurde Hogefeld, u. a. wegen Mordes an dem US-Soldaten Edward Pimental, zu lebenslanger Haft verurteilt.

1996 erschien im Gießener Psychosozial-Verlag der Sammelband „Versuche, die Geschichte der RAF zu verstehen. Das Beispiel Birgit Hogefeld“ mit Beiträgen unter anderem von Hogefeld und dem Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Richter, Nestor einer politischer Aufklärung und Gesellschaftskritik verpflichteten Psychoanalyse, befasst sich darin u. a. mit Hogefelds Prozesserklärung zur Geschichte der RAF.

Richter sieht in der RAF und ihrer Deutung durch Hogefeld eine „Opfer-Identifikation“ am Werk, eine „sadomasochistisch schematisierte Schwarz-Weiß-Vision“, die zu größenwahnsinnigem Aktionismus führen und in eine psychopathologisch klassische Flucht in Größen- und Allmachtsfantasien“.

Gleichzeitig kritisiert Richter, dass, „wer RAF-Mitglieder verstehen will und ihr Bemühen, sich selbst zu verstehen, der Öffentlichkeit zugänglich machen will, sich sonderbarerweise dem Verdacht aussetzt, er billige ihre Taten“. Dies zeigt, so Richter, dass noch immer der Zwang existiert, RAFler auszugrenzen, zumindest wenn sie nicht bereit sind, „ihre Geschichte als Ausgeburt purer Destruktivität zu verwerfen“.

Wie schwierig öffentliches Reden über die RAF noch immer ist, zeigte kürzlich die Debatte um die in den Berliner Kunstwerken geplante Ausstellung mit dem Arbeitstitel „Mythos RAF“. Nachdem Angehörige von RAF-Opfern den Verdacht geäußert hatten, die Ausstellung betreibe, mit staatlicher Unterstützung, eine Verharmlosung der RAF, votierten viele Politiker gegen das Projekt.

Die öffentlichen Mittel für die RAF-Ausstellung wurden zurückgezogen. Es wird sie wohl 2005 dennoch geben, jedoch eher als Kunstausstellung. Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung, der für den zeitgeschichtlichen Teil der Ausstellung verantwortlich zeichnen sollte, ist nicht mehr bei dem Projekt engagiert.

Erläuterungen zum Gespräch: In Guayana, an der Nordküste Südamerikas, brachten sich über neunhundert Mitglieder (überwiegend US-Bürger) einer religiösen Sekte um – auf Anordnung ihres Führers James Warren Jones. Timothy McVeigh hatte im April 1995 ein Bundesgebäude des US-Bundesstaats Oklahoma in die Luft gesprengt; 168 Menschen wurden bei diesem Terrorattentat getötet. Helmut Gollwitzer war der bekannteste linke Theologe der Sechziger- und Siebzigerjahre. Mark Juergensmeyer ist der Autor des Buchs „Terror im Namen Gottes“ (Herder, Freiburg 2004, 384 Seiten, 26,90 Euro).