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Matt schon vor dem ersten Zug

Erneuter Rückzug aus der Pleiteliga: Schach-Champion Lübecker SV meldet seine Bundesliga-Mannschaft ab

Noch steht die Meisterschale in der Vitrine in der Lübecker Sophienstraße. „Wir werden sie bald zurückgeben müssen“, sagt Eckhard Stomprowski mit Bedauern in der Stimme. Ein besonders tiefer Fall in der Pleiteliga: Dem Lübecker Schachverein von 1873 fehlt nach dem Titel-Hattrick und zwei deutschen Pokalsiegen das Geld für eine vierte erfolgreiche Saison. Kurz vor dem morgigen ersten Zug in der Bundesliga verkündete Sponsor Winfried Klimek, Chef der Galaxis Technologie, das Aus.

In schöner Regelmäßigkeit gibt es Rückzüge im deutschen Oberhaus. Am Ende der vergangenen Saison verabschiedete sich der SK Turm Emsdetten freiwillig in Richtung zweite Liga. Die Stuttgarter Schachfreunde erwogen dies auch lange, ehe sie sich dazu durchrangen, mit einer Amateurmannschaft den Abstieg um ein Jahr zu vertagen. Den größten Knall hatte es 1994 beim FC Bayern München gegeben, als Franz Beckenbauer nach finanziellen Eskapaden der Schach-Abteilung sein „Schau ’mer mal“ vergaß und ihr die Gelder strich.

Gespart hat der Fußballclub damit für seine Verhältnisse nur ein paar Penunzen. Um in der Spitze mitzuspielen, reicht eine Viertelmillion – pro Saison. In Lübeck ging es offiziell um 100.000 Euro. Die Oberfinanzdirektion Kiel hatte bei den Hanseaten angemahnt, künftig neben den Salären der ausländischen Großmeister auch deren Reisespesen und -kosten zu versteuern. Letztere werden bei notorisch klammen Bundesligisten großzügig abgerechnet, um niedrigere zu versteuernde Honorare ausweisen zu können. Klimek wurde es zu viel. „Die Schach-Bundesliga lässt sich nicht angemessen vermarkten“, klagte er.

Die Gründe für den Ausstieg wirken vorgeschoben. Schließlich handelte es sich bisher in der Bundesliga nie um reines Sponsoring, sondern mehr um Mäzenatentum durch vermögende Schachspieler. So war es auch bei Klimek, der lange für eine der Lübecker Reservemannschaften am Brett saß. Hinzu kommt bei Galaxis, dass die Staatsanwaltschaft seit geraumer Zeit gegen den Vorstandsvorsitzenden wegen diverser finanzieller Vergehen ermittelt. „Da ist nichts dran“, betont Klimek. Geld für den viel teureren Bundesliga-Handball gibt er noch aus, auch wenn es dort zuweilen nur zähflüssig einging. 500.000 Euro pro Jahr sollen es sein, die Klimek in den HSV Hamburg pumpt. Dafür könnte man viele Großmeister ziemlich lange brüten lassen.

Bestätigt fühlt sich Wilfried Hilgert. Dem Kölner Immobilien-Mogul war es ein Dorn im Auge, dass seine in der ewigen Bundesliga-Statistik mit weitem Abstand führende SG Köln-Porz nach neun Titeln und sieben Pokalsiegen nur noch die zweite Geige spielte – vor allem, wenn ihn Neureiche wie Klimek abhängten. „Schach ist leider so. Viele, die die schnelle Mark machten, drängen rein, kommen und gehen wieder.“ Allein Hilgert bleibt seit 1956. Selbst nach seinem Tod wird das so sein: „Ich habe in mein Testament geschrieben, dass meine Erben den Verein sponsern müssen“, berichtet der 70-Jährige.

Keinen Platz für Häme sieht Jürgen Gersinska. Dabei könnte der Vorsitzende des Schachclubs Baden-Oos eigentlich jubilieren: nur noch ein ernsthafter Konkurrent in der von 16 auf 15 geschrumpften Bundesliga. „Ich finde es immer bedauerlich, wenn eine Mannschaft zurückzieht – selbst wenn wir dabei im Kampf um den Titel profitieren. Für das Schach in Deutschland ist es eine ungute Situation, wenn der Sport so negativ dargestellt wird“, bemerkt Gersinska. In Baden-Baden sieht er keine Gefahr, das Lübecker Schicksal teilen zu müssen. Finanzier Wolfgang Grenke spielt seit über einem Vierteljahrhundert für den Emporkömmling aus der Kurstadt. Seine Grenke Leasing AG ist eines der wenigen Neue-Markt-Unternehmen, das stets schwarze Zahlen schrieb. So kann sich der Selfmade-Millionär auch den „Luxus“ leisten, mit den Damen des SC Baden-Oos deutscher Meister zu werden.

Rückkehr ins Oberhaus? Für den Lübecker Stomprowski „die nächsten fünf Jahre“ kein Thema. Der deutsche Meister macht in Liga zwei weiter. Die Gelackmeierten sind die Großmeister, die nur für das Bundesliga-Team gemeldet waren. Sie müssen eine Saison ohne sicheres Zubrot überleben.