Hysterische Fische

Der Animationsfilm „Große Haie – Kleine Fische“ spielt im Überschuss der Unterwasserwelt, geizt aber mit Fantasie

Hinter Glas und unter Wasser verändern sich die Proportionen. Das weiß, wer im Zoo vor den dicken Scheiben eines Aquariums steht. Die Wahrnehmung verschiebt sich; Entfernungen stellen sich anders dar als gewohnt, und wenn man ein Objekt – einen Pinguin vielleicht – halb über, halb unter der Wasseroberfläche sieht, wird aus dem Tier ein kubistisch verzogener Körper. Da Meeresflora und -fauna zudem ein unerschöpfliches Reservoir ungeschauter Formen hervorbringen, lässt es sich leicht ausmalen, wie viel Freude ein fantasiebegabter Kamerablick im Wasser hat. Selbst ein in der Sache biederer Dokumentarfilm wie die BBC-Produktion „Deep Blue“ beweist dies, indem er sich mit Sequenzen ausstattet, in denen Fischschwärme wirbeln und Korallenfarben explodieren.

In einem Essay über den französischen Biologen und Filmemacher Jean Painlevé (1902 bis 1989) schrieb die Filmkritikerin Frieda Grafe denn auch über die „aquatische Tradition des Kinos“: „das Wasser konkretisiert, es dokumentiert das Verlangen zu sehen, die Lust des Wissenschaftlers, seine Skopophilie und, o Wunder, die Unsichtbarkeit des Unbewussten“. Wesen im Wasser fordern die angestammten Systeme des Einordnens, der Zuteilung und des Wissens heraus. Was ist ein Seepferdchen? „Nicht Pferd noch Fisch, weil unter Wasser schwimmend, aber vertikal, verstört es mit seinen hieratischen und pomadigen Bewegungen alle üblichen Wahrnehmungs- und Darstellungskoordinaten.“

Was all das mit dem Animationsfilm „Große Haie – Kleine Fische“ zu tun hat? Ganz einfach: Es beschreibt die Fallhöhe. Wie fantasiereich hätte die Produktion aus dem Hause Dreamworks werden können, zumal sie auf die Einfriedungen des Realfilms verzichtet! Im computergenerierten Trickbild hätte sich das Fantastische des Meeres noch verdoppeln können, wäre man nur dem Vorbild japanischer Animation gefolgt. Aber nichts da: „Große Haie – Kleine Fische“ ist so fantasielos, wie ein Rip-Off von „Shrek 2“ und „Findet Nemo“ eben sein muss. Dem Regietrio Vicky Jenson, Eric Bergeron und Rob Letterman ist nichts anderes eingefallen, als eine postindustrielle Stadt in ein Korallenriff einzutragen. Das Zentrum hat etwas vom hypermodernen, digitalisierten urbanen Raum; offenkundig stand der New Yorker Times Square mit seinen Displays und Screens Pate. Die Peripherie indes ist ein Relikt aus fordistischer Zeit. Die Walwaschanlage funktioniert im Rhythmus der Fabrik. Mehrmals geben Christina Aguilera und Missy Elliott ihre Variante von Rose Royce’ „Car Wash“ zum Besten.

Und die Riffbewohner? Sie mögen die Formen von Quallen, Pufferfischen oder Taschenkrebsen imitieren, in ihrem Herzen sind sie doch nichts anderes als Menschen am Anfang des 21. Jahrhunderts: ein wenig hysterisiert, an die Verwertungskreisläufe der Popkultur angeschlossen, dem beschleunigten Kapitalismus mit seinen Wunschgenerierungen und Konkurrenzanforderungen freudig ergeben. Ein Seepferdchen darf auch mitspielen – aber keines „mit hieratischen und pomadigen Bewegungen“, sondern ein zum Rennpferd mutiertes, das kurz vor der Zielgeraden zu Boden geht. Eine Ahnung von Schwerelosigkeit sucht man in „Große Haie – Kleine Fische“ vergebens.

Lahm ist das nicht von Anfang bis Ende. Der Film hat seine zwei oder drei Momente: etwa wenn man im Haigesicht Don Linos die Züge Robert De Niros zu erkennen meint, weil dieser Hai einen Schönheitsfleck unter dem rechten Auge trägt und – im Original – mit Robert De Niros Stimme spricht (in der deutschen Fassung übernimmt Christian Brückner, der Synchronsprecher De Niros, die Aufgabe). Darüber hinaus hält es der Film wie seine Hauptfigur Oscar: So wie diese vom großen Geld mit minimalem Einsatz träumt, so will jener sein Einspielergebnis mit einem Minimum an Imagination erzielen. Im Überschuss der Unterwasserwelt ist dies ein zu geringer Einsatz. Um nicht zu sagen: Geiz.